Grund genug zu feiern

Warum man sich von Mutlosigkeit und Miesmachern nicht beeindrucken lassen sollte

Von Ralf Schuler
Freiheit bemerkt man erst, wenn sie fehlt. Dass mit dieser Welt etwas nicht stimmen konnte, bemerkte ich an einem Sonntagmorgen mit vier oder fünf Jahren. Ich lag bei meiner Großmutter im Bett, wir hatten vorgelesen, und auf dem Nachttisch waren die Schogetten alle. Wir müssten aber dringend neue kaufen, sagte ich mit dem letzten zarten Schmelz auf der Zunge. Das ginge nicht so einfach, sagte meine Oma. „Die sind aus dem Westen.“ Eine Welt, in der man Schogetten nicht nachkaufen konnte, war einfach nicht in Ordnung.

Irgendwann Anfang der 80er Jahre saß ich dann in der Straßenbahn, fuhr die Berliner Invalidenstraße entlang und bemerkte zum ersten Mal, wie gleichgültig und unwirklich normal diese Stadt hinter der Mauer einfach weiterging. Kirchtürme, Mietshäuser, Dächer – es war meine Stadt, und doch war die andere Seite unerreichbarer als der Polarkreis in der Sowjetunion. In West-Berlin spielte (wie ich aus dem Radio wusste) Leonard Cohen, sang von Suzanne, die am Fluss wohnt, wo es nach Tang riecht, die etwas verrückt ist, dir Tee und Orangen schenkt und mit ihrem perfekten Körper deinen Geist berührt hat. Ein Sehnsuchtssong, der Teenager krank machen kann. Und ich litt in meiner Straßenbahn nicht nur darunter, dass Cohen da unerreichbar hinter der Mauer sang; was immer auf dieser Welt wirklich Bewegendes geschah, es geschah nicht in Sofia, Bukarest oder Ost-Berlin. Suzanne mochte in Vancouver leben, Philipp Marlow ermittelte in Los Angeles, die Mode kam aus Paris und der richtige Rock n‘ Roll von überall, nur nicht von den Puhdys. Später habe ich mir in Budapest einen Falk-Plan von New York gekauft. Meine Freunde hielten mich für verrückt, aber es schien mir irgendwie plausibel, dass man der Freiheit ein Stück näher war, wenn man ihr Abbild in der Tasche trug. Und wenn sie irgendwann vorbeikäme – ich war vorbereitet.

1989 kam die Freiheit vorbei, auch wenn ich zugebe, bis kurz davor nicht daran geglaubt zu haben. Heute, da nichts mehr schmerzt und die Sehnsucht zwischen Globalisierung und Ost-Beauftragten zerrieben wird, sollten wir uns nicht von Mutlosen und Miesmachern in die Irre führen lassen. Es sind nicht die mit dümmlichen Halbprommis (gerade auch die aus dem Osten!) besetzten Talk-Shows, denen wir die Hoheit über die Stimmungslage überlassen sollten. Und schon gar nicht der Linkspartei, der in Sachen Freiheit und Demokratie jeder Erkenntnisgewinn von außen aufgezwungen wurde, und die bis heute nicht begriffen hat, dass das Fazit der DDR nicht lautet: „Es war nicht alles schlecht“, sondern: „Es war zu wenig gut“.

Die Einheit hat aber nicht nur Freiheit für die Ostdeutschen gebracht, sondern Deutschland wieder zu einem kräftigen, normalen Land gemacht. Wahrscheinlich hat man das Unnormale im alten Westen mit seiner allgemeinen Auskömmlichkeit weniger schmerzhaft empfunden. Deutschlands Gewicht in der Welt, in EU, Nato, UN und als autonomer politischer Akteur ist das Gewicht eines souveränen Staates, nicht mehr das eines zweckdienlichen Außenpostens im Kalten Krieg.

Dass im gemeinsamen deutschen Alltag nicht alles rosig ist, wird niemand bestreiten. Nur darf man bei dieser Gelegenheit auch verzagte West-Menschen daran erinnern, dass der Wunsch nach umfassender Glückseligkeit genauso unrealistisch ist, wie der dümmliche Anspruch mancher Ost-Deutscher, DDR-Gemütlichkeit mit Westgeld und Reisefreiheit zu bekommen. So ist die galoppierende Staatsverschuldung zu Teilen unbestreitbar der Einheit „geschuldet“. Zu anderen, erheblichen Teilen aber jenem unreflektierten Sozialstaatsverständnis, dass die DDR in den Ruin getrieben hat und das sich auch im Westen willig mit der Linkspartei verbündet. Bei den meisten Problemen lohnt ein genauer Blick auf die Akteure. Wer wollte entscheiden, ob Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine das größere Schlitzohr ist, um es einmal nett auszudrücken. Und selbst beim vermeintlich ostdeutschen Rechtsradikalismus kommt die gesamte Führungsspitze aus dem Westen.

Die weltweit erfolgreichste deutsche Band „Rammstein“ kommt aus dem Osten, Michael Ballack wirbt auf ganzen Häuserfassaden in Taipeh, der Westler Klaus Wowereit macht Berlin „arm aber sexy“, und die Geld-Promi-Dichte in Potsdam macht Starnberg inzwischen ernste Konkurrenz. Meine Güte, wir Deutschen sind ein komisches Land, eine schräge Truppe, aber wollten wir ernsthaft wer anderes sein. Bayern, Friesen, Sachsen – ohne einander wären wir nicht nur weniger, sondern auch ärmer. Wir haben viel Mist gebaut in unserer Geschichte, aber wenn ich etwas wegstreichen sollte, wäre es mit Sicherheit nicht Mauerfall und Einheit.

Freiheit bemerkt man erst, wenn sie fehlt. In Berlin muss man sich viel Mühe geben, wenn man den unscheinbaren Pflasterstein-Streifen im Asphalt bemerken will, der den früheren Mauerverlauf nachzeichnet. Die Mühe sollte man sich machen. Und für mich ist es jedesmal ein Triumph, dass nicht die anderen das letzte Wort behalten haben.
(Gastbeitrag für „Augsburger Allgemeine“)

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2 Antworten to “Grund genug zu feiern”

  1. Vecky Töcha Says:

    Krass dass das tatsächlich klappt 🙂

    Gefällt mir

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