Schönbohm und der Osten

Man sollte es sich nicht zu leicht machen mit Jörg Schönbohms Thesen zum Osten. Natürlich kann man darüber streiten, ob grelle Haartönungen, schrille Applikationen bei der Kleidung oder geschmackloser Beleuchtungswahn in der Weihnachtszeit ein Vorrecht Ostdeutscher ist oder nicht vielmehr ein Phänomen gesamtdeutscher Kleingeister.

Es gibt aber einen Kern an Schönbohms Sicht, den man akzeptieren muss, auch wenn man ihn nicht teilt: Schönbohms penetrante Interventionen sind Zeugnis der Enttäuschung darüber, dass im Osten keine breite Bewegung zurückfindet auf den Pfad der Bürgerlichkeit, der in der DDR unbestreitbar und bewusst verlassen wurde. Schönbohm und seine Familie gingen in den 50er Jahren in Westen, weil Unfreiheit und Indoktrination für sie unerträglich wurden. Die Entchristlichung, die in der DDR aktiv betrieben wurde, ist dabei nur ein Phänomen. Die Abkehr von Latein (statt dessen Russisch) in der sozialistischen Schule zog direkt die Degradierung der griechisch-römischen Klassik nach sich. In der Geschichte wurde alles zum interessanten aber letztlich doch geistig begrenzten Durchgangsstadium erklärt, was vor der „Bewusstwerdung des Proletariats“ für seine historische Rolle stattgefunden hatte. Der Bildungsbürger mit seinem humanistischen Ideal von Freiheit und Demokratie galt als blind für die letzte und einzige Konsequenz der Geschichte, den Arbeiter-und-Bauern-Staat unter der Führung der Partei neuen Typs, wo all der volksverdummende Ballast wie Religion und Hochkultur zurückblieben hinter wissenschaftler Weltanschauung und sozialistischem Realismus. Man kann durchaus konstatieren, dass in der alten DDR Eliten (etwa der technischen, medizinischen oder naturwissenschaftlichen Intelligenz) entstanden, die in Schönbohms Sinne weitgehend „entbürgerlicht“ sind, die Religion nicht mehr als natürlichen Bestandteil ihrer Wertewelt empfinden, nicht nach selbstbewusster Gestaltung ihrer Gemeinwesen streben, sondern kleine, sichere Existenzen anstreben. Man wird dies gemeinhin als „andere“ Lebensauffassung verstehen, Schönbohm sieht es als bürgerlichen Abstieg, als „Proletarisierung“.

Schönbohms Ernüchterung besteht darin, dass der Osten nicht mit wehenden Fahnen erleichtert aufatmet und zurückkehrt auf den bildungsbürgerlichen Pfad, sondern mit einem gewissen Trotz den Stolz auf die eigene Sozialisation hochhält. Ein Umstand, der übrigens auch die West-Linke ziemlich frustriert hat, weil alle Studien einen Ost-Deutschen zeigen, der mehrheitlich einen starken, autoritären Staat bevorzugt, der hart gegen Kriminelle durchgreift und keine langen parlamentarischen Palaver veranstaltet. Die Autorität der westlichen Demokratie sinkt in den neuen Ländern mit der Dauer demokratischer Entscheidungsprozesse und mit der Toleranz gegenüber Normabweichlern. Schönbohm dagegen frustriert, dass viele Ostdeutsche heute Freiheit eher geringschätzen und soziale Absicherung in wärmender Gemeinschaft für wichtiger halten.

40 Jahre Sondersozialisation (eine Generation lang) haben ihre Spuren hinterlassen und zwingen Schönbohm zu der bitteren Erkenntnis, dass viele jene Lebenswelt (notgedrungen) angenommen haben, aus der er floh. Das macht seine Flucht und seine Entwurzelung gnadenlos entgültig und erschüttert sein Menschenbild.

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