Hier irrte das Volk

Es ist schon bitter mit der direkten Demokratie: Die Schweiz praktiziert ziemlich intensiv, was in Deutschland von vielen gefordert wird: direkte Volksabstimmungen und -entscheide über alle möglichen Klein- und Großigkeiten. Und nun haben die Schweizer auf einmal mehrheitlich die falsche Meinung. Sie wollen keine Minarett-Neubauten mehr zulassen. Nun könnte man sagen, so sei’s – muss halt jeder bei sich die Regeln schaffen, die er für richtig hält. So gelassen wird das freilich in Deutschland und dem restlichen Europa kein Vollblut-Humanist hinnehmen, und die ersten Kommentatoren stoßen auch schon wieder in das ganz große Moral-Alphorn, geißeln latente Rechtsradikalität und Fremdenfeindlichkeit und raten den vertrackten Eidgenossen damit indirekt zum politischen Stubenarest: „Und komm erst wieder raus, wenn du dir überlegt hast, was du falsch gemacht hast!“

Dabei besteht zu zivilisatorischem Hochmut kein Anlass. Nach zig Anti-Moscheen-Kampagnen muss man kein Prophet sein um zu wissen, dass auch anderswo in Europa vergleichbare Mehrheiten problemlos zustande kämen. In Deutschland behilft man sich einstweilen damit, dass derartige Fragen erst gar nicht gestellt und schon gar nicht in dieser Weise beantwortet werden dürfen. Ob das die Lösung ist, ist nicht einmal die Frage; sie ist es nicht. Auch in diesem Falle klärt sich manches, wenn man das zur Debatte stehende Beispiel einmal ins Gegenteil verkehrt: Was würden wir davon halten, wenn der Vatikan darauf bestünde, im ganzen Irak für die christliche Minderheit gut sichtbare Kirchen inklusive Turm zu errichten?

Gutmenschliche Keulen sind aber wohl immer das Erste und selten das Beste, was man zur Hand hat. Erstens ist es gewiss nicht von Nachteil, wenn eine Gesellschaft offen artikuliert, was sie denkt, anstatt es unter verschwiemelten Formeln zu verbergen. Zweitens wäre der Ausgang des Referendums ein guter Anlass, erst einmal darüber nachzudenken, ob der Bau von Minaretten tatsächlich zu den Kernbestandteilen der Religionsfreiheit gehört. Denn dass das regelmäßige Rufen des Muezzins nicht in Frage kommt, darüber gibt es auch hierzulande Einigkeit – wieso ist diese Einschränkung hinnehmbar, der Bau des Turmes aber geboten? Und drittens ist es die Chance, anders als in Deutschland sich darüber klar zu werden, wie man mit Bestrebungen umgeht, die ganz offensichtlich darauf gerichtet sind, nicht nur den Glauben zu leben, sondern religiöse Landmarks zu setzen (wie etwa beim 100-Moscheen-Programm der Ahmadija-Gemeinschaft).

Und schließlich dürften sich die Schweizer nach diesem Referendum wieder einmal darin bestätigt sehen, wie gut es ist, nicht in der Europäischen Union zu sein, denn als EU-Mitglied dürfte die alpenländische Kantonsbruderschaft schlichtweg nicht so abstimmen, wie sie abgestimmt hat. Mindestens ein halbes Dutzend Chartas und Konventionen verbieten das. Die EU widerum kann sich auch freuen, dass des Tells Nachfahren noch nicht nach Brüssel wollen: So muss sich Jose Manuel Barroso nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob er zwischen St.Gallen und Genf nun die Zwangsverwaltung des EU-Sternenbanners anordnen muss.

PS: In einem Land, in dem Kruzifixe abgehängt werden müssen, wenn auch nur einer es will, sollte man mehr Verständnis dafür erwarten können, dass weithin sichtbare Religionszeichen nicht neu gebaut werden dürfen, wenn die Mehrheit es nicht will.

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Eine Antwort to “Hier irrte das Volk”

  1. kingo Says:

    1. Ich glaube, dass die Abstimmung sehr viel mehr bedeutet, als das reine Verbot des Baus von Minaretten.
    Ich glaube vielmehr, dass diese Abstimmung einen Stellvertreter-Charakter hat und dass die Schweizer damit Ihr Unbehagen ggü dem Islam im Allgemeinen zum Ausdruck gebracht haben. Das finde ich aus tausend Gründen nachvollziehbar und freue mich darüber, dass dies auf diesem Wege passiert ist.

    2. Ich finde, man sollte nicht zuviel über dieses Thema sprechen. Das Volk hat entscheiden: Es gibt keine Minarette in der Schweiz, Feierabend.

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