Der Sonntag und die Ruhe

Am peinlichsten sind die dümmlichen Polemiken, die Kirchen wollten beim Verweis auf die Sonntagsruhe ja nur ihre leeren Gotteshäuser füllen. Als würde das Verrammeln der Läden die am Shoppen gehinderten Schäflein umgehend in die Heilige Messe oder den Gottesdienst treiben. Der wirkliche Glücksfall dieses Urteils liegt in einer ganz anderen Richtung: In dem Zeichen, dem rotierenden Wirtschaftleben eine Zäsur zu verordnen und diese zu pflegen.

Die weltweite Wirtschaftskrise ist vor allem ein Strecken-Kollaps im Wirtschaftswettlauf. Ein Zusammenbruch mitten im Rennen um die Renditen, der auch damit zu tun hat, dass wir irrigerweise daran glauben, das Tempo immer weiter steigern und immer mehr herausholen zu können. Wie bei den Fabel-Rekorden im Sprint, wird das aber nur für die allerwenigsten, mit unredlichem Doping oder irreparablen Schäden gelingen. Die viel beschworene „Gier“ als Ursache der Wirtschaftskrise ist viel mehr als eine auf Einzelpersonen bezogene Charakterschwäche. Sie ist ein Synonym für eine Gesellschaft der vernetzten Hamsterräder und -rädchen. Die immer weiter fortschreitende Durchökonomisierung ist dabei der Transmissionsriemen. Eine Gesellschaft die sonntags einkaufen will, wird früher oder später sonntags arbeiten müssen.

Die flexiblen Eliten der Web-, Medien-, Banken- und Dienstleistungsbranchen wollen zur Aufrechterhaltung ihrer zum Teil selbstausbeuterischen Effizienz in den variablen Korridoren ihrer Freizeit möglichst alles rasch und zeitsparend erledigen und nicht vor verschlossenen Türen stehen. Damit drängen sie Verkäufer, Zulieferer, Werkstätten, Hilfsgewerbe etc. ebenfalls in rotierende Schichten und Dienste, obwohl die meisten Beschäftigten dort eher wenig verdienen und kaum Zeitausgleich bekommen. Waren es früher wenige Dienstleister, die „trotz“ des Sonntags arbeiteten, so geht ein schleichender Trend dahin „wegen“ des Sonntags zu arbeiten, weil dort lukrative Geschäfte winken. Das Ergebnis ist eine Ruhelose Gesellschaft ohne Zäsur, eine ungesunde Gesellschaft.

So kommt die familienfressende Stress- und Bereitschaftsspirale auch bei Kleinverdienern an, die nun ‚Betreuungsangebote brauchen und damit ihrerseits soziale Dienstleistungen in die volle Flexibilisierung treiben. Bei all dem Druck soll die Lebensqualität nicht auf der Strecke bleiben, Schulgeld, Vorsorge für die Rente, Urlaub, kleine Freiräume – der Finanzdruck zwingt zu rentabelster Geldanlage und zu Jobs mit maximalem Ertrag für die ganze Selbstaufopferung.

Wenn wir weiter nach der Maxime vorgehen wollen, um so vieles effizienter zu sein, wie unser abgesichertes Leben die Produkte teurer macht, werden wir als hochtechnologisierte Spitzen-Nation als erste unsere Gesellschaft von innen heraus ruinieren. Die Werte, die Rituale und den Zusammenhalt. Überall dort, wo internationale Konkurrenz herrscht, werden wir diesem Wettbewerb kaum ausweichen können, weil er der ureigene Motor aller Weiterentwicklung ist. Aber wo es schadlos möglich ist, sollten wir dem immer rasanter rotierenden Effizienz-Rad in die Speichen greifen. Der arbeitsfreie Sonntag ist genau so eine Stelle.

Deshalb wäre es angemessen, wenn auch werktätige Atheisten am kommenden Sonntag mal in der Kirche vorbeischauen würden, kurz der Musik lauschen und sich im Stillen bedanken für die Klage der großen Kirchen in Karlsruhe.

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3 Antworten to “Der Sonntag und die Ruhe”

  1. Andreas Says:

    Wobei unter diesem Gesichtspunkt das Urteil allenfalls halb-konsequent war. Warum werden dann nicht auch Videotheken am Sonntag geschlossen, warum nicht Fitnesscenter, Lichtspielhäuser? Warum schaltet nicht jemand an diesem Tag das Internet ab? Und verbietet Sportveranstaltungen (zumindest für die Zuschauenden)?

    Kommerz im Sinne von Einkaufen ist gegen die Verfassung, dieser andere Kommerz aber nicht? Ich weiß ja nicht…

    Und S-Bahnfahrer, Taxichauffeure, Kellner und Köche, Schauspieler, Zeitungsredakteure, Piloten, Pommesbudenverkäufer und und und, sie alle sollen sich am Sonntag nicht besinnen dürfen, aber Verkäufer, ja, die schon?

    Jemand der wie der Autor dieses Blogs ja sonst gerne der Freiheit das Wort redet und auf das Recht des Menschen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und auf den mündigen Bürger setzt (siehe Schweizer Volksabstimmung) ;-))) der kann doch nicht ernsthaft fordern, dass die Obrigkeit ihn zum Innehalten und Besinnen *zwingen* soll.

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    • ralfschuler Says:

      Es geht ja nicht darum, das gesamte gesellschaftliche Leben stillzulegen. Die Abgrenzung ist zugegebenermaßen nicht immer ganz einfach. Aber Videotheken würde ich eher zum Freizeit-flankierenden Bereich zählen. Ich wundere mich aber ein wenig, wie wenig Angst manche Leute vor einer durchgehenden Geschäftswoche haben. Schließlich gehört gar nicht so viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass in einer Familie unterschiedliche Schichten und Wochenenddienste sich zur permanenten Zermürbung ergänzen.

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  2. Henning Says:

    Meist verstellen ja die Slogans mehr als dass sie erhellen, aber den finde ich doch gut – ohne Sonntag gibts nur noch Werktage.
    Danke für den klugen Kommentar!

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