Das Schablonen-Syndrom

Es gibt Menschen, die nehmen Teile von sich wichtiger als ihr Ganzes: Bei Feministinnen ist es das Geschlecht, bei Juden ihr Jüdischsein und bei Ossis die DDR-Herkunft. Bekommt eine Frau einen guten Job, dann kriegt sie ihn „als Frau“, soll heißen trotzdem. Yepp! Ein toller Erfolg. Kriegt sie ihn nicht, dann, „weil sie eine Frau ist“. Bei Ossis ist es analog, und im SZ-Magazin (Nr. 50/2009)  kann man nachlesen wie es bei Maxim Biller (im Streitgespräch mit Henryk M. Broder) funktioniert. Rezensiert ein Jude Billers Buch, ist der Rezensent vorgeschickt, damit sich Juden untereinander prügeln. Schreibt ein Nichtjude über Biller, hat er wenig Chancen nicht als Anti-, Philo- oder sonstiger -semit wegzukommen.

Alles in allem ein interessantes Phänomen, mit dem man hierzulande leben gelernt hat. Und das auf den verschiedensten Gebieten schon beachtliche gesellschaftliche Protestbewegungen hervorgebracht hat. Wer mit dem Schablonen-Syndrom durch die Welt reist und sein Raster grob genug hält, kann stets zwischen Diskriminierung und beachtlichem Sonder-Erfolg pendeln. Es gibt freilich einen fiesen Trick, wie man den Homo Schablonicus aushebeln, erledigen und auf sich selbst zurückwerfen kann: Man zwingt ihn, sich einfach als Mensch zu betrachten.

Und schon hat der Mensch  ein Ziel entweder nicht erreicht oder ist halt erfolgreich gewesen. Nicht als etwas, sondern einfach nur selbst. Obwohl es schon schöner ist, bei Niederlagen der bösen Welt zornig und bei Erfolgen allein durch die feindlichen Heere gebrochen zu sein. So leicht, wird sich das Schablonen-Syndrom deshalb wohl nicht ausrotten lassen. Und weil Ossi-Blogs von den Wessis mit Ignoranz gestraft werden, merkt es wieder keiner…

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3 Antworten to “Das Schablonen-Syndrom”

  1. hagen Says:

    hm, also wenn die bösen onkelz sowas in ihrer aktiven zeit von sich gegeben hätten, wären sie unweigerlich in die rechte ecke geschoben worden. is schon komisch wie (un)frei man hier in deutschland seine meinung sagen kann. und alles nur weil vor etwa 70 jahren einer schonmal den gedanken von einem geeinten europa (unter deutscher fahne) hatte…
    wann wird das eigentlich mal anders??? in diesem zusammenhang stellt sich mir auch immer wieder die frage, wann sind denn die neuen bundesländer nicht mehr neu, sondern auch alt wie die gebrauchten???

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  2. ts Says:

    Rezensiert ein Jude Billers Buch, ist der Rezensent vorgeschickt, damit sich Juden untereinander prügeln. Schreibt ein Nichtjude über Biller, hat er wenig Chancen nicht als Anti-, Philo- oder sonstiger -semit wegzukommen.

    Trifft es.
    Es ist immer so angenehm, dann ausländische Rezensionen zu lesen, da heißt es dann gottlob einfach „the german author …“ und man bekommt nicht diese Brille aufgedrückt, die man sich gar nicht anziehen will.

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  3. Bernhard Lassahn Says:

    Es gibt freilich einen fiesen Trick, wie man den Homo Schablonicus aushebeln, erledigen und auf sich selbst zurückwerfen kann: Man zwingt ihn, sich einfach als Mensch zu betrachten.

    Eben. Das ist es. Die Entweder-Oder-Falle des Schablonen-Systems bringt automatisch einen Verlust von „Menschlichkeit“ mit sich.

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