Das neue Rot heißt Grün

Eines ist beim Kopenhagener Klimagipfel unübersehbar: Der Kampf gegen den Klimawandel hat längst das Ausmaß einer neuen Zeitgeist- und Gesellschaftsbewegung angenommen. Ähnlich wie die 68er-, Anti-Vietnam- oder Friedensbewegung, ist die „grüne“ Umweltbewegung zum neuen Sammelbecken eines weltweiten Aufbruchs geworden. Rund 30 000 Vertreter von Nichtregierungsorganisationen aus dem Herzen Afrikas, Ozeanien, Südamerika und anderen Regionen, denen allein die Anreise zum UN-Gipfel schon eine kaum zu bewältigende Herausforderung sein muss, treffen sich am Rande dieses Mammut-Kongresses und feiern den sie vereinenden Geist. Hinter ihnen stehen all diejenigen, die sie daheim unterstützen und die sie geschickt haben.

Die neue „grüne“ Bewegung hat den Charme einer vermeintlichen unideologischen Neutralität (die sie bei näherem Hinsehen natürlich nicht hat) und die unglaubliche Mobilisierungskraft eines Kampfes auf Leben und Tod. Weil „die“ die Zukunft unserer Kinder gefährden, muss man aufstehen, selbst handeln und einem allerdings etwas diffusen Gegner das Heft aus der Hand nehmen. Und welche ultimativere Berechtigung könnte es für einen Aufstand geben als die Zukunft der Kinder?!

Und: Wer gegen den Klimawandel etwas tun will, tut automatisch etwas für die Dritte Welt, gegen das Monopolkapital und für das eigene Gewissen. Alles, was ein Bier braucht und der Protestler für zünftige Aktionen. Denn auch hier gilt die alte „Faust“-Formel:  Wenn etwas nicht in Ordnung ist, sind die Vertreter des Bestehenden Schuld daran. In dieser Hinsicht besitzt „Grün“ die wunderbare Multifunktionalität eines Schweizer Taschenmessers. Die Öl-Staaten, die Konzerne, Pharma- und Software-Riesen, Regierungen sowieso – jeder kann sich den Schuldigen aussuchen, der ihn schon immer irgendwie ärgerte. Auch wenn der eine oder andere womöglich zum Lösen der Klimaprobleme recht nützlich sein könnte.

Eines freilich bleibt rasch auf der Strecke: Das Eingeständnis, dass jeder Einzelne mit seinem Lebenswandel zu dem des Klimas beiträgt. Das Predigen von Verzicht ist seit dem Wirtschaftswunder nicht populärer geworden. Und dass man einfach nur modernere Technik einsetzen müsse, um genauso weitermachen zu können, muss man schon glauben wollen, um es zu glauben.

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