Manöver Schneeflocke

Klirrende Kälte über Deutschland – was die winterliche Akustik anbelangt, stimmt das nicht ganz. Aus Jack Londons „Alaska Stories“ wissen wir, dass die Spucke unterhalb der -40er Celsius-Grade auf dem Weg zum Boden in der Luft zu knistern beginnt. Davon sind wir noch weit entfernt. Wenn man genau hinhört, ist es eher stiller geworden, weil der Schnee die Geräusche dämpft. Bestenfalls das Knirschen der Schritte untermalt die weiße Kulisse. Seit Frost und Schnee sich im Alltag festgesetzt haben, begegnet manchem der Winter wohl am intensivsten im Auto. Hier wird die spirituelle Dimension der Jahreszeit vielfach unterschätzt: Wer sich bei der Annäherung an eine Nebenstraßen-Kreuzung klarmacht, dass es nicht mehr in der Macht des eigenen Bremsfußes liegt, ob der Wagen zum Stillstand kommt und wenn ja, wo, der gewinnt ein ganz neues Verhältnis zu Begriffen wie „Schicksal“, „Vorsehung“ und „Vollkasko“. Besonderen Spaß machen auch schmalere Fahrbahnen, bei denen man sich die mittlere Eis-Schnee-Rinne mit dem Gegenverkehr teilen muss. Immerhin eröffnet das die Gelegenheit, den eigenen Airbag mal persönlich kennenzulernen, während die ausgehärteten Wischerblätter noch lustige Augenbrauen in den Dreck der Windschutzscheibe kratzen.
Auch der Beitrag der Kälte zum Klimaschutz spielt in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Firmen wie Bo- oder Familyfrost können die energiefressenden Kühlautos gegen offene Pritschenwagen tauschen. Und wer seine Tiefkühlkombination mal in Ruhe abtauen will, hat jetzt auf Balkon und Terrasse ein geeignetes Ausweichlager. Wenn man Feinfrost-Spinat und Steinofenpizza bis – sagen wir – Anfang Februar dort liegen lässt, kann man zudem noch ordentlich Strom sparen. Mal abgesehen davon, dass man endlich mit jedem Schlitten fahren kann, mit dem man das schon immer mal tun wollte, ist der Winter aber auch im ganz normalen Alltag praktisch: Über Hundehaufen, in denen man früher ausrutschte, stolpert man jetzt, und die Rotznasen der Kinder kann man einfach durch abbrechen säubern.
Natürlich hat die strenge Witterung auch Nachteile. Beim Ausmisten der Klo-Ecke im Kaninchenstall braucht man jetzt ein Brecheisen, weil Einstreu und Ausfluss eine feste Verbindung eingehen, und die Nachbarin strickt nun auch schon den dritten Tag an der Wärmedecke für ihren Neufundländer. Schwangere bekommen verstärkt Schnee-Wehen, und vor ausschweifenden Herrenabenden muss gewarnt werden: Schließlich vereist in schattigen Hauseingängen schnell mal die Notdurft (in der „Not dürfen“ Männer das). Und wer weiß beim Losreißen schon, welches Ende der Bogenlampe zuerst abbricht…
Ein paar Tage jedenfalls sollen arktische Temperaturen und Flockenpracht noch anhalten, auch wenn mancherorts schon wieder von „Winterschluss-Verkauf“ die Rede ist. Und dann wüssten wir noch gern, wo Dieter Althaus in diesem Jahr Urlaub macht. Sicherheitshalber. Aber das ist eine andere Geschichte.

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2 Antworten to “Manöver Schneeflocke”

  1. Dein Freund der Baum Says:

    In diesem Zusammenhang;

    Ich lasse mir von den zwei schwarzen Strichen in der ansonsten weißen Fahrbahn nicht vorschreiben, wo ich langzufahren habe, auch wenn alle Anderen ihnen folgen, dann grade nicht, auch wenn es schwerfällt und Pneus weit überfordert sind, TROTZDEM.

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