Carte blanche für die Weste blanche

Dumm gelaufen. Da dachte man einst, wenn früheren Stasi-Mitarbeitern die Pflicht zur Selbstoffenbarung ihrer Biographie auferlegt, wäre der Aufarbeitung genüge getan. Tatsächlich hat man das völlig neue Mittel der Selbst-Absolution in den Politikbetrieb eingeführt. Nie waren in Brandenburg so viele ehemalige IMs oder gar MfS-Hauptamtliche in öffentlichen Funktionen, auf Kandidatenlisten oder hatten ein Mandat inne. Weil sich das Selbstverständliche offenbar nicht überall von selbst versteht, ist der moralischen Bürgerpflicht mit einer kurzen Meldung „Ich war dabei“ nun genüge getan, ganz gleich, wie schäbig sich die vormaligen Zuträger verhalten haben mögen.

Die eigentlich naheliegende Annahme, wer über Jahre schwer gespitzelt und etlichen Zeitgenossen übles nachgeredet hat, käme für Amt und Würden dann – Offenlegung hin oder her – nicht mehr in Frage, erweist sich als naiver Irrtum. Während sonst in der Politik allgemein auf Verfehlung Rücktritt ohne Chance auf Wiederkehr folgt, verhilft das Eingeständnis ehemaligen Stasisten zur erlösenden Ereigniskarte für die Fortsetzung der Karriere. Nach dem Motto: Gestehe, und die bis gerettet. Die Carte blanche für die Weste blanche.

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2 Antworten to “Carte blanche für die Weste blanche”

  1. Henning Says:

    Lieber Ralf Schuler, an der Stelle Widerspruch. Der freiheitliche Rechtsstaat ist nicht die Staatsform, die Verfehlungen auf immer rächt. Vielmehr gilt, wenn jemand straffällig wurde, hat er nach verbüßen der Strafe, durchaus wieder die Möglichkeit sich politisch zu betätigen. Er muss allerdings Leute finden, die ihn wählen. Über Verstorbene (noch dazu engagierte Brandenburger) nichts schlechtes, aber der gute Graf Lambsdorf war rechtskräftig verurteilt und hat weiter fleißig mitgemischt und z.B. im Entschädigungsfond richtig viel Gutes bewirkt. Vielleicht nicht genug, sicher zu spät, aber dennoch.
    Nein, auch ehemalige IMs müssen die Möglichkeit haben, sich politisch zu betätigen. Niemand ist aber gezwungen sie zu wählen. Und merkwürdig bleibt, wie viele ehemalige IMs in der Brandenburger Linken an führenden Positionen Politik machen.
    Henning Schluß

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    • ralfschuler Says:

      Richtig. Die Replik war auch nicht dazu gedacht, lebenslanges Büßen zu fordern. Vielmehr trieb mich die Verwunderung darüber um, dass die Tatsache des Spitzelns an sich offenbar immer weniger interessiert. Es liegt vermutlich in der Natur der Sache, dass dort, wo Absolutionsmöglichkeiten vorhanden sind (siehe Beichte), diese gern genutzt werden, um rasch wieder durchzustarten. Man muss sich auch klarmachen, dass die meisten Ex-IMs in der heutigen Linken, duchaus mit Überzeugung bei der Sache waren und nicht gezwungen wurden. Dann auch noch einer Partei anzugehören, die eher bewahrend mit dem Erbe der DDR umgeht, ist doch schwer erträglich, weil in den Stasi-Biografien eben oft nicht der unglückliche, schwache Mensch zum Vorschein kommt, der sich für einen Studienplatz oder durch Erpressung zur Mitarbeit bewegen ließ.
      Aber lebenslanger Ächtung sollte in der Tat nicht das Wort geredet werden. Nur ist die Quantität „geläuterter“ Ex-Stasisten schon auch eine bestimmte Qualität.

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