Journalismus und die feine englische Art

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast fordert von Verleger Hubert Burda eine Entschuldigung für die Recherche-Methoden seines Gesellschaftsblattes „Bunte“. Das Blatt hatte eine Berliner Firma mit der Beschattung etwa von Franz Müntefering oder von Oskar Lafontaine beauftragt. Nun mag das in der Tat nicht die feine englische Art sein, Leuten flächendeckend aufzulauern, scheinheilig ist Künasts Empörung trotzdem.

Freier Journalismus bedeutet, Dinge herausfinden zu wollen, auch wenn die Betroffenen dies nicht wollen. Man mag die Berechtigung der Öffentlichkeit bestreiten, etwas über das Privatleben von Politikern zu erfahren; allerdings kann es durchaus politisch sein, wenn etwa Italiens Ministerpräsident jungen Gesprielinnen Posten verschafft oder ein christsozialer Spitzenpolitiker in Berlin ein fruchtbares Verhältnis unterhält. Die Methode jedenfalls, jemanden rund um die Uhr zu beobachten, wird nicht deshalb anrüchig, weil es kein Redakteur der Bunten war, der dort vor der Tür von Ex-SPD-Chef Müntefering im Wagen saß.

Hat sich Günter Wallraff etwa jemals dafür entschuldigt, dass er mit falscher Identität Information erschlichen hat?! Oder heiligt am Ende das Ergebnis die journalistischen Mittel? Wer was findet, durfte schnüffeln, wer nicht, ist ein Schnüffler? Fakt ist, dass im Journalismus die Schuldvermutung gilt und der Anfang der meisten  Nachforschungen ist. Oder sollte gar die parteipolitische Färbung der Investigationsopfer bei der Beurteilung der Anstößigkeit eine Rolle spielen?

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3 Antworten to “Journalismus und die feine englische Art”

  1. Robert Says:

    Heißt das, die BUNTE hat alles richtig gemacht?

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    • ralfschuler Says:

      Nicht alles richtig (wem gibt man schon Absolution), das ist Geschmackssache. Zumindest aber nichts falsch. Jedenfalls dann nicht, wenn sie nicht eingebrochen oder anderweitig illegal versucht haben, an Informationen zu kommen. Der Stalking-Paragraph greift nicht, da ja die „Opfer“ nicht belästigt wurden. Ansonsten trifft hier zu, worauf ich schon verschiedentlich hingewiesen habe: Wir sorgen uns in der öffentlichen Debatte immer wieder gern um staatliche Überwachung. Das ist gut, richtig und wichtig, verlieren dabei aber die vielfach unbeachtete Datenerhebung kommerzieller Unternehmen aus dem Blick.

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  2. Robert Says:

    Ich finde nicht, dass es von öffentlichem Interesse ist, ob zB Herr Müntefering eine Freundin hat oder nicht – jedenfalls nicht, bevor er selbst sie vorstellt.

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