Die Macht des Mainstreams

Die Telekom will bis 2015 dreißig Prozent der Spitzenposten mit Frauen besetzen. Nun gibt es gegen ein Drittel Frauen in Top-Positionen nichts zu sagen, auch mehr wären nicht schlimm. Verkehrt ist die bewusste Herbeiführung solcher Quoten. Zwingend wäre ein solcher Schritt, wenn erkennbar wäre, dass durch die männliche Dominanz derzeit ein Schaden für das Unternehmen entsteht, der behoben werden muss. Dann dürfte man freilich nicht bis 2015 warten, sondern müsste gleich handeln. Oder werden derzeit Frauen illegal am Aufstieg gehindert? Auch dann müsste sofort eingeschritten werden. Die Schimäre hinter dem Projekt der Telekom aber ist die Vorstellung, die Geschlechter müssten in möglichst allen Bereichen der Gesellschaft gleich verteilt sein.

Es ist dies eine Vision, die durch ihre scheinbare Plausibilität besticht, wie einige andere Mainstream-Illusionen auch, gegen deren attraktiven Sog man mit nüchterner Logik nicht ankommt. Einfach, weil zu viele Menschen wollen, dass es so sei. Wenn die Gleichverteilung der Geschlechter ein gesellschaftlicher Idealzustand wäre, müsste man ihn von beiden Seiten her einstellen – auch in Männerbrachen wie dem Bau oder im frauendominierten Reinigungs- und Textilgewerbe. Der Zustand völliger Frauendominanz vor einigen Jahren, als an der Spitze der Grünen (Radtke, Röstel), der Linken (Gabi Zimmer) und der Union (Merkel) Frauen standen, hätte Proteste auslösen müssen, die auch durch den Einwand sonstiger Männerdominanz nicht zu entkräften sind. Tatsächlich hat diese Konstellation damals gezeigt, dass unterschiedliche Geschlechterverteilungen möglich, normal und unproblematisch sind.

Die Geschlechter-Parität ist Teil eines Schlichtheitssogs, der allzu oft die Mainstream-Massen erfasst. Andere Beispiele sind das Pfand auf Einwegflaschen. Was haben wir uns weiland die Finger wund geschrieben, dass ein Pfand die Rückgabe befördert, nicht die Vermeidung. Heute haben wir die höchste Einwegquote seit Bestehen der Bundesrepublik: Die PET-Flaschen werden zurückgegeben und sofort geschreddert.

Ein anderes Beispiel ist der verblüffend eingängige Slogan von der Angleichung der Renten in Ost und West. Nach jetzigem Modell werden die Erwerbseinkünfte im Osten künstlich hochgerechnet und dann mit dem (niedrigeren) Rentenfaktor Ost multipliziert. Bei der Angleichung entfiele das Hochrechnen, so dass Ostrentner zwar den gleich Faktor hätten, am Ende aber weniger herausbekämen. Man dringt mit dieser Logik aber gegen die verlockende Gleichheitsbotschaft (vornehmlich der Linkspartei) nicht durch. Eine Änderung zu Ungunsten der Ost-Rentner ist im Osten beliebter als die Realität.

Und auch in der Sozialpolitik gilt meist: Viel hilft viel, und Gutes tut, wer Armen Gutes tut. Obwohl jeder weiß, dass tägliches Einwerfen von Geld in den Hut des Bettlers das Betteln zum Erwerbsmodell von Dauer macht, verführt „Reichtum für alle“ oder „Hartz IV aufstocken“ noch immer auf breiter Linie. Bei der Frauenquote oder dem Frauensprech ist es ähnlich, weil einfach nicht durchdringt, dass das grammatikalische Geschlecht im Deutschen nicht mit dem biologischen zusammenfällt. Der Satz „Frauen sind die besseren Autofahrer“ geht nur so, nicht mit -innen.

Fazit: Marx hatte teilweise recht. „Wenn eine Idee die Massen ergreift, wird sie zur materiellen Gewalt.“ Stimmt soweit. Aber sie wird eben oft auch Unfug.

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