Der Euro geht auf Grundeis

Es gibt eine einfache Wahrheit: Spekulation braucht Nahrung. Rosige Aussichten, üble Nachrede, das jüngste Gerücht. Gegen solvente Staaten kann man nicht spekulieren, auch nicht gegen ihre Währung. Aber die Märkte müssen der Politik nicht vertrauen. Das ist das ärgerliche an ihnen. Zumindest aus Sicht der Politik. So entschlossen, aber auch so panisch die jüngsten Gipfel Rettungspakete in Höhe von etwa 700 Milliarden Euro beschlossen haben, so deutlich spüren die Akteure an den Finanzmärkten die Angst, die dahintersteht. Und sie spüren, dass diese Angst berechtigt ist.

Da finden sich Länder zusammen, die allesamt schwer verschuldet sind und beschließen, dass sie sich notfalls gegenseitig Kredite geben, wenn sie in Geldnot geraten sollten. Schulden mit Krediten zu zahlen heißt, sie nicht zu zahlen. Und: Woher kommen eigentlich diese Milliarden, die da nun zur Notrettung im Topf sein sollen? Wo lagen sie bisher? In Wahrheit handelt es sich nämlich gar nicht um reales Geld, sondern um ein kompliziertes Netz gegenseitiger Zusicherungen unter Banken, Ländern und internationalen Institutionen.

Die Erfahrung jedes einfachen Bürgers besagt, dass Notzahlungen, bei denen alles einfach so weitergeht, nicht real sein können. Deutschland hat im vergangenen Jahr mehr als 80 Milliarden Euro neue Schulden machen müssen und hilft nun mit weiteren 22 Milliarden für Griechenland aus: Wird deshalb der Straßenbau eingestellt? Werden die Renten gekürzt? Die meisten Menschen spüren, dass dieses System des schmerzlosen Geldverschiebens und Weitermachens schon zu lange dauert, um weiter gutzugehen. Nicht umsonst ist seit einigen Jahren schon ein banges Geraune im Gange, ob ein Währungsschnitt kommen werde, eine Abwertung, Währungsreform – kurz eine tiefe Verunsicherung auch bei jenen, die sich mit den Finessen des Finanzmarktes nicht im Detail auskennen.

Die Finanzmärkte artikulieren auf ihre, gnadenlose, von keiner repräsentativ-demokratischen Geschäftsordnung gedämpfte Weise dieses Misstrauen und Unbehagen des kleinen Mannes. Die aktuelle Krise ist das Ringen der wirtschaftlichen Realität mit der zur Gewohnheit gewordenen Beschönigung und Vertuschung der Politik, die sich zu lange in populistischen Wahlkämpfen gegenseitig hochgeschaukelt und den Menschen vorgemacht hat, ihre Ansprüche seien bezahlbar. Die Aggressivität, mit der jetzt gegen vermeintliche Spekulanten gewettert wird, ist die verzweifelte Wut von politischen Fassadenkletterern, denen die Fassade gerade unter den Händen wegbröckelt.

Besonders beruhigend ist das alles nicht. Vor allem nicht, weil weder Ablauf der Krise noch Auswege absehbar sind. Vielleicht sollte die Politik langsam dazu übergehen, sich von dem Versuch zu verabschieden, retten zu wollen, was nicht mehr zu retten ist und statt dessen mehr Gedanken an ein kontrolliertes Crash-Szenario zu verwenden, damit der Absturz nicht in wüstem Chaos endet.

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3 Antworten to “Der Euro geht auf Grundeis”

  1. ul Says:

    Spekulationen an der Börse decken sich kaum mit meinen Ansprüchen.

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  2. Andreas Says:

    Untergangsszenarien lesen sich immer gut, keine Frage. Ganz so schlimm ist die Lage allerdings nicht. Wir haben einen Eurokurs von um die 1,27 US-Dollar. Ja, meine Güte, der war schon mal bei 0,90 Dollar und davon ist die Welt auch nicht untergegangen.

    Die Staatsverschuldung in der Euro-Zone liegt, gemessen am BIP, unter der der USA und ist nur fast halb so hoch wie die Japans. Genauso wie Italien früher immer den armen Süden oder die USA die schwachen Bundesstaaten mitschleppen, genauso kann die EU schwache Länder wie Griechenland mitziehen, die nur einen Bruchteil der Wirtschaftsleistung der Region erbringen.

    Entscheidend war und ist allerdings, den Finanzmärkten deutlich zu machen, dass es nicht gelingen wird, Griechenland & Co. aus dem Euro-Raum herauszubrechen, genauso wenig wie eben Wisconsin aus den USA herauszulösen ist. Und dass es sich deshalb eben nicht lohnt, darauf zu wetten.

    Natürlich müssen Haushalte saniert werden, das Schuldenmachen begrenzt, ja sogar Schulden zurückgezahlt werden. Man muss aber auch realistisch sein und festhalten, dass die Fehler vergangener Jahre nicht binnen Wochen oder Monaten zu korrigieren sind – denn wenn man „über Griechenland“ spricht, dann geht es immer noch vor allem um die Menschen, die dort leben.

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    • ralfschuler Says:

      Allein der Vergleich der jeweiligen relativen Verschuldung der Länder und Regionen zeigt doch, dass überall der gleiche Virus am Werk ist. Ich glaube auch nicht an irgendwelche Eigeninteressen von „Spekulanten“. Die Lage von Griechenland hat sich keinen Deut verbessert, es kann nur seine Schulden bedienen und wird selbst mit dem ehrgeizigen Sparprogramm die Neuverschuldung nicht in den Griff kriegen, sondern bestenfalls mindern. Man kann also gar nicht guten Gewissens auf griechische Anleihen setzen und wird es auch in Zukunft nicht tun.
      Es geht hier auch nicht um irgendwelche Szenarien aus Lust am Untergang. Crashs sind im Grunde regelmäßig der Normalfall in der Geschichte des Geldes. Es geht darum, ihre Anzeichen möglichst früh zu erkennen. Die Politik, für die das der größte Ausweis von Unfähigkeit wäre, hat naturgemäß kein Interesse daran, hier die Gefahren realistisch einzuschätzen und darzustellen. Die Experten wiederum betrachten auch diesmal wieder immer nur die Mechanik von einzelnen Ausschnitten der Finanzmärkte. In der Makroökonomie gilt aber ähnlich wie in der Physik eine Art Energieerhaltungssatz, wonach sich die Geldströme nicht lange anhaltend und gravierend von der Realwirtschaft entfernen können, ohne dass es zu Verwerfungen kommt. Deshalb konnte man die letzten beiden großen Krisen auch diffus vorhersehen, ohne ihren konkreten Auslöser zu wissen. So wird es auch mit der allseits grassierenden Verschuldung und dem dahinterstehenden Konsum-Vorgriff geschehen: Wo und an welcher Stelle die Zellmembran des Systems reißt, werden wir dann sehen.

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