Angeköhlert mit Löschpapier

Dem deutschen Bundespräsidenten steht nicht viel mehr zu Gebote als die Kraft des Wortes. Diese Macht freilich nutzt er weidlich – um die Deutschen aufzurütteln und zu verstören. Man weiß nicht so genau, welcher präsidiale Auskenner Horst Köhler jüngst ins Manuskript geschrieben hat, die internationalen Truppen verfolgten nicht zuletzt auch wirtschaftliche Ziele mit ihrem Einsatz in Afghanistan. Das ist – milde gesagt – Humbug und anders gesagt, ein Witz.

Kupfer, Eisen, Kohle, Öl und Lapislazuli gibt es in Afghanistan, und es müssten noch beträchtliche Mengen an Gold oder Diamanten entdeckt werden, um nach Ausbeutung aller Lagerstätten auch nur annähernd an das Volumen jener Beträge heranzukommen, die der Einsatz bislang gekostet hat. Infrastruktur gibt es nahezu keine, und außer den Chinesen baut derzeit niemand etwas in nennenswerter Größenordnung ab. Dass sich der Westen ausgerechnet an Afghanistan gesundstoßen wolle, vermutet nicht einmal die ewig witternde Sahra Wagenknecht von der Linkspartei. Es wäre derzeit auch unmöglich. Und Pipelines durch die Wüstenei zu legen wird auch kein strategischer Blindfuchs versuchen.

Die Ansage vom Bundespräsidenten also war Blödsinn, hat aber erfolgreich alle Reflex-Hörnchen auf die Bäume gescheucht, die schon immer wussten, dass das internationale Monopolkapital im Hintergrund die Fäden zieht. „Aus wirtschaftlichen Interessen“ sei Deutschland also am Hindukusch engagiert, schallt es empört von Klaus Ernst (Linke) bis zu SPD und Grünen  herüber, und: Rückzug jetzt erst recht. Das ist in zweierlei Hinsicht witzig. Zum einen, weil die Deutschen zu den wenigen Völkern gehören, die ihre Soldaten ausschließlich auf Schlachtfeldern sterben sehen wollen, auf denen sie keine Interessen haben. Andere Länder sehen das aus unerfindlichen Gründen umgekehrt.

Und zweitens, weil der Deutsche an sich von Luft und frischem Bio-Wetter lebt und die inkriminierten „wirtschaftlichen Interessen“ selbstverständlich nur von „der Industrie“ und „den Reichen“ verfolgt werden. Der kleine (deutsche) Mann braucht weder Energie noch Rohstoffe, und wenn ausnahmsweise doch, dann kauft er sie mit resourcenschonenden Mikrokrediten im fairen Handel vom alternativen Grün-Markt in Verrotterdam.

Interessanterweise ist der Einsatz der Deutschen Marine gegen die Piraten am Horn von Afrika in der Bevölkerung nicht umstritten, obwohl dort im Grund ausschließlich wirtschaftliche Interessen verfolgt und die Handelsstraßen von Asien nach Europa freigehalten werden. Wer die Fregatten zwischen Jemen und Dschibouti einmal begleitet hat, der weiß, dass mit dieser Armada dem internationalen Terror (so steht es im Mandat) absolut nicht begegnet werden kann. Es geht um die Seewege. Was ja völlig in Ordnung ist, weil „Piraten“ ja fiese Halunken sind, die Selbstmordbomber der Taliban aber ehrenwerte Widerständler und wirtschaftliche Interessen in Afghanistan nun das Allerletzte wären.

Die deutsche Erregungskultur könnte man auch mit dem schönen alten Kinderspruch zusammenfassen: Angeköhlert mit Löschpapier, morgen kommt die Braut zu dir. Völlig sinnlos, und stimmen tut es auch nicht.

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