Das deutsche „Normal-Ich“

Ein „neuer Nationalismus“ sei im Zuge der Euro-Krise aufgebrochen, beklagen betrübte Freunde der europäischen Einigung. In Wahrheit ist der „neue Nationalismus“ der alte, und er kann nur diejenigen erstaunen, die immernoch glauben, man könne europäische Integration beschließen. Nicht umsonst ist die schrittweise institutionelle Wandlung von EWG über EG zu EU nicht zur basisdemokratischen Abstimmung gestellt worden. Wo man die Völker befragte, ging es prompt schief.

Dass vor allem deutsche Europa-Freunde nun enttäuscht sind, ist allerdings verständlich: Keine andere Nation hat sich im Laufe der jüngeren Geschichte so danebenbenommen wie die Deutschen, und deshalb hat auch keine andere Nation so radikal mit ihrem eigenen Nationalismus gebrochen. Deshalb haben vermutlich mehr Deutsche als alle anderen tatsächlich geglaubt, sie seien vor allem Europäer mit deutschem Migrationshintergrund. Hinzu kommt, dass für den Kriegsverlierer Deutschland das Aufgehen im europäischen Verbund die einzige Chance war, unbeargwöhnte Außenpolitik zu betreiben. Bonn wurde zum Motor Europas, weil es auf eigene Rechnung nicht agieren konnte, durfte und deshalb auch nicht wollte. Europa wurde zu einer Form deutscher Machtausübung, die man ihm als souveränem Nationalstaat nie zugebilligt hätte. Mit der Wiedervereinigung ist dieser Zwang zur Integration entfallen.

Früher brauchte Deutschland Europa, heute braucht Europa immer öfter Deutschland – und zwar das wirtschaftlich starke, souveräne, außenpolitisch einflussreiche, das für Griechenland zahlt und sich an militärischen Einsätzen beteiligt. In dem Maße, wie Deutschland hier gefordert wird, beginnt Deutschland auch wieder sich selbst zu denken: Vom nationalsozialistischen „Über-Ich“ zum europäischen „Wir“ und zurück zum „Normal-Ich“. Hoffentlich.

Eine ganz andere Frage ist, ob und wie Europa zurechtkommt ohne den von starken Eigeninteressen getriebenen deutschen Motor. Dass es nun ohne den innigen Integrations-Trieb aus Berlin gleich wieder zum Krieg kommt, wie jene vermuten, die Europa als Friedensprojekt für unersetzlich halten, ist eher unwahrscheinlich.  Denn auch der Nationalismus hat im Laufe der Zeit sein Wesen verändert und ist heute nicht mehr die „nationalistische Bedrohung“, > d.h. nicht mehr ein hasserfülltes Gegeneinander der Völker, sondern  tritt vielmehr in Erscheinung als individualistisches Beharren auf  dem eigenen Weg auch in internationalistischen Kontexten und vor allem darin, dass keine Bereitschaft zur Solidarität besteht.

Solange es folgenlos bleibt, können Rumänen und Spanier gern mit uns in einem Boot sitzen. Aber es wird heikel, sobald auf irgendeinem Feld zurückgesteckt werden oder gar gezahlt werden soll. Nationalismus hat heute – glücklicherweise – kein aggressives Gesicht  mehr, sondern ein verweigerndes. Er beginnt, wo immer aktiver Vollzug der europäischen Liebe gefordert ist – um es mal bildlich zu sagen.

Vieles spricht dafür, dass es besser ist, diesem alten, neuen Nationalismus in Zukunft Rechnung zu tragen. Der Euro hat als zeichenhaftes finanzpolitisches Konstrukt der europäischen Vermelzung weiteren Vorschub leisten sollen. Auch hier sind mit Bedacht die Völker nicht gefragt worden (wo sie gefragt wurden….). Es ist zwar richtig und logisch, dass der europäisierten Währung nun die europäisierte Wirtschafts- und Finanzpolitik folgen müsste als Konsequenz aus der Krise. Nur ist es eben wenig sinnvoll der institutionellen Überschätzung des Integrationsgedankens nun auch noch illusionäre Verschmelzung der sehr unterschiedlichen Fiskalregime nachzuschieben, ohne dass es dafür Akzeptanz gibt.

Visionen, und seien sich noch so gut gemeint, kollabieren wie überschuldete Haushalte, wenn sie sich zu weit von der Gefühlslage der Menschen entfernen. Solange ein kontinentaler Fernreisender nach der Herkunft befragt, noch Franzose oder Pole statt Europäer sagt, sollte man es in Brüssel mit viel Ruhe angehen lassen.>

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