Mürrisch

Es gibt so wunderbare alte Worte. Mürrisch ist so eins, dass von Murren, Brummen, ablehnen, unzufrieden sein… – herkommt. Synonyme können freilich nie den ganzen Gefühlskosmos ausleuchten, der in einer Vokabel steckt. Für das Wort „mürrisch“ gibt es jetzt allerdings eine umfassende Ausdeutung auf anderthalb Zeitungsseiten: Das jüngste Interview mit „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (30. Mai 2010).

Mit bewunderungswürdiger Langmut hat sich Johanna Adorján von dem angehenden Jubilar (90. Geburtstag am 2. Juni) patzig kommen lassen. Ein bockiger, missmutiger, gelangweilter, maulfauler, genervert und widerwilliger MRR brilliert in der Kunst des Journalisten-Kujonierens und gibt am Ende gar unumwunden zu, dass er auch über die Dinge, über die er gern sprechen würde, nicht sprechen wolle. Besser ist „mürrisch“ nie inszeniert und aufgeführt worden. Über den Befragten erfährt man im Grunde nichts, dafür präsentiert sich der Literatenfresser in einer Verfassung, in der ihn jeder Tatort-Ermittler sofort aufs Präsidium geladen hätte. „Wenn Sie nicht reden wollen, können wir auch anders…“ Nur lädt man Reich-Ranicki eben zu nichts mehr und schon gar nicht vor.

Dieses Dokument einer Geisteshaltung der rhetorischen Sitzblockade ins Blatt gehoben zu haben, ist mutig und verdient hohe Anerkennung. Bleibt zu hoffen, dass Johanna Adorján nach Abschalten des Diktiergerätes dem alten Griesgram wenigstens ordentlich die Meinung gesagt hat. Auch für Neben-Päpste gilt Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.  Journalisten sind auch Menschen. Meistens jedenfalls.

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