Olbertz-Trilogie (Abschluss)

Das Letzte gleich zuerst: Jan-Hendrik Olbertz kann Präsident der Berliner Humboldt-Uni werden. Für viele mag das das Letzte sein, mir geht es vor allem darum, dass die Entscheidung: ist man dafür oder dagegen –  erst am Schluss eines umfassenden Abwägungsprozesses erfolgen kann. Also als letztes.  Dem greife ich hier vor und will es hinterher auch erläutern:

Durch die öffentliche Debatte um seine Schriften, seine Person und die Rolle von Mitläufertum in der DDR ist Olbertz Teil, aber auch Träger dieser Diskussion geworden. Er wird das „Umstrittensein“ mit ins Amt nehmen, repräsentieren und durch die Inhabe des Amtes wachhalten. Das ist in diesem Falle und in dieser Konstellation in meinen Augen vertretbar. Es ist kein Patentrezept für den Umgang mit schwierigen Biographien nach dem Motto: Betraut alle Diskreditierten mit hohen Ämtern, damit sie weithin Zeugnis geben von den Verfehlungen der Vergangenheit.

In diesem speziellen Falle ist Olbertz zu Stellungnahme und Diskurs gezwungen worden; nicht für jeden befriedigend, aber doch so intensiv, dass die Mechanismen des öffentlichen Gedächtnisses den Vorgang festhalten werden. Zwanzig Jahre Nachwende-Tätigkeit und die Debatte haben gezeigt, dass er die Flecken auf seiner Weste als solche erkennt und nicht als liebenswertes individuelles Muster schönfärbt. Damit sollte er seine Chance verdient haben. Wiederholungsgefahr besteht nicht. Einsicht ist vorhanden. Der entstandene Schaden ist überschaubar. Der Posten eines Hochschulrektors kann zumindest nach meinem subjektiven Eindruck in diesem Fall mit kleinen Abstrichen vom absoluten polit-historischen Reinheitsgebot wahrgenommen werden.

Dass Jan-Hendrik Olbertz sich dieser Tage zur Podiumsdiskussion mit seinen direkten Kritikern bereit erklärte, muss ihm ebenfalls angerechnet werden. Peinlichkeit, Reue und selbstkritische Reflexion konnte man ihm bei diesem Auftritt durchaus abnehmen, auch wenn ein gewisser Anteil smarter Geschmeidigkeit dabeisein dürfte. Unschön fallen allerdings allzu offensive Verteidigungsversuche mit dem Tenor auf: Erst die Stasi, dann die Blockparteien, nun die Akademiker – Hexenjagd gegen alles, was sich in der DDR bewegt hat… Ganz so einhellig ist die Front gegen ihn denn doch nicht. Das akademische Konzil der HU steht hinter ihm (und seinem eigenen Votum verständlicherweise), und auch aus der Politik gab es Unterstützung.

Der einzig vertretbare und akzeptable Duktus des Umgangs mit Olbertz‘ Ideologie-Traktaten von damals kann in seiner Position nur Demut sein. Das klingt theatralisch, folgt aber im Grunde der Logik aktiver Trauerarbeit. Mag sein, dass er bis heute meint, er habe damals keine andere Chance gehabt – zu rechtfertigen gibt es an den beiden Dissertationen gleichwohl nichts, und man kann nur darüber trauern, dass Menschen in eine Situation gebracht wurden, zwischen ihrer eigenen Angst und Mitläufertum zu wählen. In dieser Haltung der Demut verbergen sich gleichermaßen die Erkenntnis und das Bekenntnis, dass man sich stets gegen jeden Ansatz totalitären Drucks zur Wehr setzen muss. Damit wären Olbertz‘ Fehltritte von einst ins Produktive gewandt und in gewisser Weise aufgearbeitet. Soweit dies denn möglich ist. Er sollte allerdings nicht durch psychologisch nachvollziehbaren Trotz und den Schmerz der verlorenen Unschuld dieses Fazit in Frage stellen.

Die meisten seiner Verteidigungsversuche gehen ohnehin nach hinten los. So räumt Olbertz durchaus die massive Ideologielastigkeit seines Faches, der Erziehungswissenschaften, in der DDR ein. Meint aber, das Recht, dieses Fach in der DDR zu wählen, könne man ihm nicht absprechen. Da hat er formal Recht. Nur kann das Prinzip nicht lauten: Wir bilden eine entlastende Causal-Kette nach dem Motto: Das Recht, Grenzer zu werden, hatte ich, und dass Grenzer schießen, gehörte dazu. Die Selbstverantwortung beginnt spätestens bei den eigenen Taten. Ganz gleich, welche Berechtigung vorherige Entscheidungen hatten.

Dass es einem ehrgeizigen Intellektuellen viel abverlangt, auf solche Versuche des Ausbruchs aus dem Gefängnis der eigenen Biographie zu verzichten, ist nachvollziehbar. Zumal, wenn die Selbstwahrnehmung im Augenblick des Verbiegens schon die eines gepeinigten Opfers gewesen sein mag. In diesem Sinne ist Jan-Hendrik Olbertz ein Sybol für viele DDR-Lebens(mit)läufe: Auch wenn wir noch so widerwillig zu befohlenen Demonstrationsterminen gingen, waren wir am Ende die Jubel-Staffage des Systems. Damit muss man leben, damit kann man auch leben. Vorausgesetzt, man ist sich dessen bewusst.

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7 Antworten to “Olbertz-Trilogie (Abschluss)”

  1. embartl Says:

    Möglich, dass Olbertz versucht hat, die Diktatur zu überrumpeln. Nach dem Motto: Immer einen Schritt voraus, dann kriegen sie mich nicht.Einfach schneller sein. Im Größen-Selbst leben. Von Hybris kann man schon durch Demut geheilt werden. Aber kommt hier die Seligsprechung nicht vor dem Kniefall? Zu dem er gezwungen wurde. Er ist gedemütigt worden.Noch begreift er diesen Vorgang als Ehrverletzung. Damit provoziert er auf der Seite derer, die Willkürakten an der HU ausgesetzt waren, Stolz und verhindert wiederum Aufarbeitung.

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    • ralfschuler Says:

      Als Seligsprechung möchte ich meinen Text auch nicht verstanden wissen. Eher als Plädoyer, warum wir seinen Amtsantritt wohl werden hinnehmen müssen und wie man versuchen kann, darin die Verstetigung der Mahnfunktion zu sehen. Ob es wirklich Hybris war, ist aus der Rückschau schwer zu entscheiden. Es könnte auch sein, dass er lediglich versucht hat, den Knutenschlägen auszuweichen und dabei eben sehr gebückt gelaufen ist. Eigentlich müsste er selbst merken, dass diese Methode berechtigterweise vom Selbstwertgefühl nicht viel übrig lässt.

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      • embartl Says:

        In der DDR gab es unter Abiturienten den Slogan:Wenn du nichts wirst, Lehrer kannst du immer noch werden. Ein schlauer Kopf kann sich ausrechnen, dass unter diesen Umständen die Trauben nicht allzu hoch hängen und das es klappen könnte mit dem : Überholen ohne einzuholen, damit vor die Knutenschläger zu kommen. Hat ja auch eine ganze Weile geklappt. Dass ihn die Diktatur jetzt einholt, ist ein Dämpfer mit dem er wohl nicht gerechnet hat. Ich glaube nicht, dass jemand lange die Kraft haben kann, als negativer Mahner in der Öffentlichkeit zu stehen. Achtung,Respekt und Innehalten angesichts eines Emporkömmlings? Mahnung wofür? Wenn er sich für Reputation sog. Opfer interessieren würde, deren Geschichten als Kehrseite derselben Medaille begreifend, ginge es vielleicht. Dafür , vermute ich, fehlt ihm die Empathie. Ein Phänomen übrigens für mich, im Osten groß geworden mit vielen roten Lehrern und Nachbetern, dass in D/west Lehrer eher systemkritisch waren. Kamen nicht viele Grüne aus dieser Klientel?

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      • ralfschuler Says:

        Ich bin glaube auch nicht, dass die Mahnung aktiv von ihm ausgeht, sondern dass das Wissen um seine Vorgeschichte durch Erwähnung in der Öffentlichkeit dafür sorgt, dass das Thema präsent bleibt. Eine Art Passiv-Mahnung, so wie die Kiesingers, Globkes und andere in der deutschen Nachkriegsgeschichte zu einer Art Signalreiz geworden sind. Und es ist so etwas wie ein präventiver Trost, um mit dem offenbar unvermeidbaren Amtsantritt zu ein wenig zu versöhnen, denn es wird wohl rechtlich keine Handhabe dagegen geben. Das Interesse der Berufungskommission, sich keine Blöße zu geben wird korrespondieren mit Olbertz‘ Entschlossenheit und flankiert von einer desinteressierten bis freundlichen Öffentlichkeit (siehe FAZ vom 12. Juni 2010, Meinungsseite).

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  2. emb Says:

    Justitiabel wäre es einfacher, auch für die Opfer der Willkürakte. Sich wieder mit alten Demütigungen konfrontiert zu sehen, ist anstrengend und befreiend zugleich. Ohnmachstgefühle werden wach und Befriedigung über deren Abarbeiten an -mehr oder weniger differenziert geführter -öffentlicher Diskusssion. Will denn Kaube den Disput über Verantwortungs-vs. Gesinnungsethik anfachen? Wie weit Olbertz den Raum ausschreitet, dessen Tür er unfreiwillig geöffnet hat, bleibt abzuwarten. Gelingt eine Veröffentlichung seiner Schriften im Netz, wird`spannend. Neugierig bin ich auch, wie er sich zu Unrecht an der HU stellen wird. Ich hoffe, dass mein reaktiviertes Rehabilitationsbegehren zu einer nachweislichen Exmatrikulation als sog. Beststudentin vom Forschungsstudium in einem geisteswissenschaftlichen Fach an der HU Ende der 70er nicht singulär ist. Allein die Pressefreiheit ist eine Genugtuung.

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  3. embartl Says:

    Justitiabel wäre es einfacher, auch für Opfer der Willkürakte. Sich wieder mit alten Demütigungen konfrontiert zu sehen, ist anstrengend und befreiend zugleich. Ohnmachtsgefühle werden wach und Befriedigung über deren Abarbeiten an -mehr oder weniger differenziert- geführter öffentlicher Diskussion.Will denn ihr Kollege Kaube den Disput über Verantwortungs-vs. Gesinnungsethik wieder anfachen?Wie weit Olbertz den Raum, zu dem er die Tür unfreiwillig geöffnet hat, ausschreitetn wird, bleibt abzuwarten. Gelingt eine Veröffentlichung seiner Schriften im Netz, wird`s spannend. Neugierig bin ich auch zu erleben, wie er sich zu Unrecht im akademischen Bereich stellen wird. Ich hoffe, das meine immerhin nachweisliche Exmatrikulation als sog. Beststudentin vom Forschungsstudium in einem geisteswissenschaftlichen Fach an der HU Ende der 70er nicht singulär ist. Allein die Pressefreiheit ist eine Genugtuung.

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    • ralfschuler Says:

      In der FAZ hat Heike Schmoll über die Veranstaltung geschrieben und Züge von Inquisition entdeckt. Der Unterschied, um den man sie vielleicht beneiden sollte, besteht darin, dass sie vermutlich ideologisches Dummschwätzertum nie in Einheit mit einem dazugehörigen Machtapparat erlebt hat und deshalb mit intellektuellen „Jugendsünden“ eher großzügig umgeht. Ich bin auch nicht euphorisch über die Personalie Olbertz, denke aber, dass man mit ihr wird leben müssen.

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