Besser protestieren

Ein neues Berufsbild macht seit geraumer Zeit die Runde: der Aktivist. Ein „Aktivist“ hat heute nichts mehr zu tun mit der DDR-Bestarbeiter-Bewegung und ihrem Vorkämpfer Adolf Hennecke, der ehedem seine Norm im Kohlebergbau um 300 Prozent übererfüllte. Der Aktivist von heute ist vorzugsweise gegen etwas, weil das die schöneren Aktionen bringt. Gegen Atom, gegen Robbenjagd oder gegen die Blockade des Gazastreifens. Aktivist ist längst zu einem Hauptberuf geworden (siehe: Hanna Poddig: Radikal mutig. Rotbuch Verlag), auch wenn nicht ganz klar ist, wer das Gehalt überweist.

Und weil wir den Trend nicht verschlafen wollen, liegt die neue Geschäftsidee auf der Hand: Wo eine neue Branche entsteht, braucht es Unternehmensberatung. Ich werde Protest-Berater. Aufbauen kann man hier auf verschiedene Studien, die herausgefunden haben, dass sich beispielsweise nicht alle Tiere für Tierschutz-Aktivisten eignen. „Niedliche“ (ganz wichtig!) Robbenbabies gehen, beeindruckende Wale gehen auch, glitschige Ostsee-Heringe gehen nicht. Zwar sind auch sie vom Aussterben bedroht, aber das ist was für den EU-Agrarministerrat, nichts für Schlauchboot-Aktionen oder Pranger-Plakate. Medial und psychologisch müssen die Objekte der Aktionen geeignet sein, so das Fazit der Untersuchungen.

Womit wir beim Semiar für den Polit-Aktivisten wären: Proteste gegen die Unterdrückung der Bahai im Iran gehen nicht, Proteste gegen grausame Reitermilizen in Darfur gehen nicht, Proteste gegen Israels Besatzungsregime gehen immer. Es gibt Tage, da fragt man sich, ob der Welt eigentlich das Unrecht ausgeht, weil sich alle Aktivisten um Israel und die Juden kümmern. Auch hier gilt die Regel: Effektiv protestieren! Konflikte ohne Kameras sind verschenkte Konflikte, also dort protestieren, wo Medien sind. Und: Reizschwelle beachten! Dass der Hausspatz ausstirbt bringt niemanden in Rage. Dass Usbeken in Kirgistan unterdrückt werden, auch nicht. Israel zu kritisieren, sichert dagegen Aufmerksamkeit, weil es nach Tabubruch riecht.

Liebe Seminar-Teilnehmer, verkämpfen Sie sich nicht mit kleinteiligem Protest gegen einzelne Raketen aus dem Gazastreifen auf Sderot, brechen Sie mit Schiffen voller Prominenter gen Gaza auf. Fragen Sie nicht, warum Ägypten den Landweg in den Gazastreifen nicht freigibt, sondern finden Sie möglichst namhafte Juden, die an Ihrer Seite gegen das Unrecht kämpfen. Und in der nächsten Woche geht es um „Sozialproteste in Deutschland – effektiv und kraftvoll“. Hier bitte das Kapitel „Protest-Marketing“ im Buch schon einmal durcharbeiten, Schwerpunkt „Montagsdemonstration“.

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