Thilo Trotzig

Es verspricht das Skandal-Buch des Herbstes zu werden. In „Deutschland schafft sich ab“ spricht Thilo Sarrazin (65) Urängste und Aversionen der Deutschen an. Politik und Verbände reagieren mit alten Reflexen. Nur was genau sie dem politischen Sturkopf vorwerfen, sagen sie nicht.

Inwendig muss es brodeln. Wenn Thilo Sarrazin auf dem Talkshow-Sessel Platz nimmt, wippt er nervös und wartet angespannt auf das Rotlicht. Ein wenig verkniffen blickt er hinter seiner Brille hervor, misstrauisch mal, dann wieder mürrisch und unsicher. Kein Obama aus Gera, wo er geboren ist, kein Feuerwerks-Rhetoriker, der Säle in kämpferischen Gleichklang der Worte zwingt. Und doch muss drinnen ein Wurm namens Ehrgeiz wohnen, der sich von Schelte und Verachtung draußen nährt.
„…vielmehr machte mir die Tatsache zu schaffen, dass ich bei subjektiv gleichem Leistungsvermögen nicht mehr zu den Besten gehörte, sondern unter lauter Besten nur noch Mittelmaß war“, schreibt er mit Blick auf seine Schulzeit. „Diese narzistische Kränkung, die sich mit meinem Selbstbild nicht vertrug, wirkte noch viele Jahre nach.“
Ganz über den Berg ist Sarrazin wohl bis heute nicht. Mit geradezu stoischem Trotz bohrt der Sozialdemokrat und Bundesbankvorstand in den empfindlichen Stellen der Gesellschaft herum, in den allerempfindlichsten, versteht sich, wo es am meisten wehtut. Endlich einmal Bester sein unter lauter Mittelmaß. Wie punktgenau er mit seinem Buch ins eitrige Schwarze getroffen hat, bestätigen ihm seine Kritiker, vom eigenen Parteichef Sigmar Gabriel (legt den SPD-Austritt nahe) bis zur Kanzlerin (Kritik ist wenig hilfreich und verletztend).
Dabei ist Thilo Sarrazins Buch – bislang nur im Vorabdruck auszugsweise in „Spiegel“ und „Bild“ zu lesen – viel weniger skandalös und spektakulär als die Kritiker meinen. Da ist zum einen die gut mit Zahlen untersetzte Abhandlung darüber, dass die Geburtenzahlen der einheimischen Deutschen seit Jahren sinken, diejenigen zugezogener Muslime seit Jahren auf hohem Niveau rangieren. Sarrazin rechnet hoch und kommt zu dem Schluss, dass bei anhaltendem Trend in 90 Jahren nur noch 200000 bis 250000 Kinder in Deutschland geboren werden. Höchstens die Hälfte davon seien Nachkommen ohne Migrationshintergrund. Ein Befund, der seit mindestens 25 Jahren im Umlauf und statistisch belegbar ist. Ist Sarrazin nun ein „brauner Ungeist“, weil schon die Nazis „deutsche Frauen“ zum Gebären aufforderten? Wenn man ihn so sehen will, dann schon.
Sarrazin dekliniert die gängigen und weitgehend unbestrittenen Sozialstatistiken durch, wonach muslimische Einwanderer überdurchschnittlich Sozialtransfers in Anspruch nehmen und deutlich unterdurchschnittlich am Arbeitsmarkt vertreten sind. Die Bildungskarrieren von Muslimen in Deutschland liegen weit unter dem Niveau der Deutschen, aber auch sichtbar unter dem anderer Migrantengruppen. Die Kinder von asiatischen Einwanderern zeigen gar eine höhere Abiturquote als die Deutschen. Muslime sind stattdessen in der Kriminalitätsstatistik überrepräsentiert, auch in der dritten Einwanderergeneration noch wenig integriert und sprechen vergleichsweise schlecht Deutsch. Auch von Sarrazins Kritikern hat diese Zahlen niemand beanstandet oder korrigiert.
Ist also bereits die Erwähnung der Tatsachen tabu? „Nicht hilfreich“ und „verletzend“, umschreibt es die Kanzlerin, nur stellt sich die Frage, ob der verschwiegen-diskrete Umgang mit dem längst erkannten Integrationsproblem der bessere Weg ist. Der Blick in die Nachbarländer, wo von Jörg Haider (Österreich) bis Geert Wilders (Niederlande) deutlich dumpfere Gestalten sich mit erheblichen Wahlerfolgen gesellschaftlicher Blindfelder annahmen, legt eine andere Herangehensweise zumindest nahe.
Der sensible Punkt in Sarrazins Thesen ist wohl, dass er Urängste von Deutschen anspricht, die sich in einer Moderne nicht zurechtfinden, in der die Grenzen zwischen Gastgeber und Gast verwischen. Ein Gast mit deutschem Pass ist keiner mehr, selbst wenn er türkisch spricht, ganze Stadtteile mit seinem fremden Lebenswandel prägt oder Kopftuch trägt. Darf man dieses Unwohlsein artikulieren? Oder ist der einzig statthafte Standpunkt multikulturelles Mutmachen? Ja, darf man überhaupt die massiven Integrationsprobleme so scharf konturiert auf eine Herkunftsgruppe fokussieren? Ist Thilo Sarrazin ein Rassist oder gehört er zur inkriminierten Spezies der „Islamkritiker“? Belastbare belastende Indizien liefert der Autor für beides nicht. Das kann clevere Taktik sein oder schlicht der Tatsache geschuldet, dass der Sozi Sarrazin doch kein Nazi ist. Dass er freilich eine muslimisch geprägte Gesellschaft für sich und seine Enkel nicht will, daraus macht er keinen Hehl: „Wenn ich den Muezzin hören will, buche ich eine Reise ins Morgenland.“ Man kann das auch netter sagen. Oder besser gar nicht?

Eine andere untergründige Angst – wohl nicht nur der Deutschen – liegt in dem diffusen Gefühl, die individualistische, fragmentierte westliche Gesellschaft der Moderne mit ihren Selbstblockaden und Auswüchsen könnte womöglich untergepflügt werden von einer vormodernen, viel dupfer reflexhaften und sich nicht ständig selbst hinterfragenden Kultur. Muslime kriegen einfach Kinder, während wir ein schier ausuferndes Bedingungsgebäude rund um die Nachwuchsentscheidung errichtet haben, das an den Geburtenraten unterhalb der Reproduktionsschwelle auch nichts ändert. Muslime gehen in vielen Fällen einfach davon aus, dass ihre Religion die Wahre ist – im Grunde der einzig logische Umgang mit einer überirdischen Annahme. Wir stellen uns selbst in nahezu allen Lebensbereichen so sehr in Frage, dass wir oft nicht einmal bereit sind, unsere ureigenen Überzeugungen gegen Ungeist zu verteidigen. All dies wird von Sarrazin mit seiner schnörkellosen, zuweilen harten Beschreibung bedient und provoziert. Wohlweislich verschweigt er freilich, welche Konsequenzen aus seiner Bestandsaufnahme zu ziehen wären.
Viele Tabus zum Brechen hat diese Gesellschaft nicht mehr. An einigen rührt Thilo Sarrazin. Da ist der gleichfalls nicht ganz neue Befund, dass die Geburtenzahlen in bildungsfernen und sozial schwachen Schichten steigen, wenn die Sozialsysteme sich am Bedarf orientieren und mit jedem neuen Kind neue Leistungen bezogen werden können. In den USA hat Bill Clinton 1997 unter dem Eindruck rapide steigenden Bevölkerungszuwachses notgedrungen den Bezug von Sozialhilfe auf vier Jahre begrenzt. Danach sank die Fruchtbarkeit in Problem-Milieus wieder. In Deutschland hat der Bremer Sozialstatistiker Gunnar Heinsohn vergleichbare Trends nachgewiesen. Sarrazin greift diese Untersuchungen auf und empfiehlt drastische Einschnitte bei Sozialtransfers, da das Wissen um Verhütung heute Allgemeingut sei. Da mag er recht haben, aber er wird auch wissen, dass gesellschaftspolitischer Druck via Sozialsystem in Deutschland nicht vorgesehen und wohl auch nicht akzeptiert ist.
Gänzlich vermintes Terrain betritt der Ex-Senator allerdings, wenn er beiläuftig genetische Fragen streift. Kritiker werfen ihm ohnehin vor, mit „kulturellen“ Unterschieden tatsächlich „genetische“, sprich: „rassische“ zu meinen. Das ist eine Frage der Interpretation, und in diesem Falle keine gutwillige. Wo Sarrazin auf erhöhte Quoten von Behinderungen und Erbschäden unter Muslimen hinweist, kann er sich ebenfalls auf Studien etwa aus Großbritannien berufen. Die kamen vor einiger Zeit schon zu dem Schluss, dass die verbreitete Cousinen-Ehe innerhalb von Familienclans im Einzelfall kein Problem ist. Wo sie aber über Generationen praktiziert wird, kommt es zu genetischen Fehlbildungen.
Sowas sagt man nicht, sagte man früher zu Kindern. Thilo Trotzig sagt es trotzdem. Gerade weil es die anderen nicht sagen und weil er weiß, dass es stimmt. Inwendig brodelt es. Ganz gleich, was all die anderen sagen, die noch gewählt werden wollen.

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3 Antworten to “Thilo Trotzig”

  1. seyke666 Says:

    Wer weniger an reißerischen, denn tatsächlichen Fakten aus der tatsächlichen Lebenswelt von Muslimen interessiert ist, dem sei ganz herzlich das neue Buch „Integrationsunwillige Muslime?“ von Prof. Dr. Ahmet Toprak von der FH Dortmung ans Herz gelegt. Erschienen im Lambertus-Verlag und zu erhalten im Buchhandel, bei amazon usw.
    Im Gegensatz zu zu Sarrazin macht Toprak Hoffnung, dass Integration immer mehr zweigleisig (und zwar aufeinander zugehend) erfolgen wird. Das Buch macht neugierig auf andere Menschen und Kulturen und sollte von jedem politisch und gesellschaftlich aktiven Menschen gelesen werden. Ein Milieubericht, der wirklich aufweckt, aufklärt und aufmuntert: eine kultursensible Pflichtlektüre.

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  2. Roland Ziegler Says:

    Hallo Herr Schuler,

    Sie fragen, was die Empörten so empört, und da möchte ich Ihnen ein wenig auf die Sprünge helfen. Nach meinem Dafürhalten betrifft die Empörung insgesamt nur einen recht kleinen Teil des Sarrazinschen Gesamtwerks, den man nach dem Sarrazinschen Dreisatz, der als solcher in die Geschichte eingehen sollte, wie folgt formalisieren könnte:

    Axiom 1: Türken/Araber (zumindest deren immigrierende Teile) haben aus genetischen Gründen statistisch einen niedrigeren IQ.

    Axiom 2: Sie vermehren sich ungleich stärker als die einheimischen Deutschländer.

    Conclusio: Also wird Deutschland dümmer in dem Sinn, dass der Durchschnitts-IQ sinkt.

    Folgerung aus dem Dreisatz: Das muss man staatlicherseits verhindern, indem man die Vermehrung bzw. den Zuzug dieser Bevölkerungsgruppe behindert.

    Warum also wird sich darüber empört? Die Möglichkeiten der Empörung angesichts dieses Dreisatzes lassen sich ebenfalls gliedern:

    1.) Vorwurf falscher Axiomatik: Die genetische Veranlagung sei aus aktueller wissenschaftlicher Sicht viel komplizierter, die Funktionsweise der Gene sei nicht so simpel-deterministisch usw.. Überhaupt sei das gesamte IQ-Messverfahren fragwürdig.

    Weniger wichtig, aber der Vollständigkeit halber: Auch Axiom 2 – die höhere Geburtenrate – wird kritisiert: mit fortschreitender kultureller Integration sinke die Geburtenrate dieses Bevölkerungsteils.

    2.) Rassismus-Vorwurf: Unabhängig davon, ob die Axiome nun wahr oder falsch sind, stellt die Conclusio im Ergebnis eine gesellschaftliche Benachteiligung einer bestimmten ethnisch (oder gar religiös) definierten Gruppe dar. Rassismus also.

    3.) Nun kommen wir zum eigentlichen Anlass meines Kommentars: die Zurückweisung der Folgerung aus dem Sarrazinschen Dreisatz, welcher als solcher immerhin funktioniert.

    (Vorweg: Ich bin davon überzeugt, dass die zugrunde gelegten genetischen Theoriehappen Sarrazins von dem aktuellen wissenschaftlichen Diskurs widerlegt werden. Ich bin außerdem davon überzeugt, dass auch der Rassismus-Vorwurf als moralische Kategorie zutrifft. Sarrazin, der doch sonst gern Klartext redet, könnte dem provokant begegnen, indem er deutlich sagt: „Ja, ich bin nach dem gängigen Begriff Rassist, denn ich meine, dass es aufgrund von faktisch bestehenden Unterschieden für den Staat wertvollere und weniger wertvolle Menschengruppen gibt“.)

    Was also folgt aus dem Sarrazinschen Dreisatz? Schenken wir dem Sarrazin alle Axiome. Dann würde bei weiterer Einwanderung oder Vermehrung der statistische IQ der Gesamtbevölkerung tatsächlich sinken. Natürlich nur maximal bis zu der unteren Grenze, die durch die besagte Bevölkerungsgruppe vorgegeben ist. Die Frage ist: Was ist so schlecht daran?

    Ich finde es zunächst mal merkwürdig, dass ein Politiker sich über den IQ der Bevölkerung Sorgen macht. Wohlgemerkt: nicht über Bildung und Chancen, sondern über den genetisch bedingten, d.h. vermeintlich fest verdrahteten Teils der Intelligenz.

    Normalerweise machen Politiker sich Gedanken über das Volkswohl, über Gerechtigkeit, Bildung, Kultur, vielleicht über Glück, jedenfalls über Wohlstand, aber ziemlich selten über den IQ der Gesamtbevölkerung. Nun ja, mit dieser Ignoranz der „Hardware“ will Sarrazin offenbar aufräumen.

    Offenbar geht er davon aus, dass von einem höheren „genetischen IQ“ das gesamte Volk profitiert. Aber warum?

    Wenn dem so wäre, müssten die Völker mit dem höchsten statistischen IQ, nach Sarrazin sind das osteuropäische Juden und Ostasiaten, analog die am besten verfassten Staaten bzw. das größte Volkswohl produzieren. Staaten wie Nordkorea oder China also.

    Oder binnenwirtschaftlich: Wieso sollte ein Betrieb, dessen Mitarbeiter sagen wir einen durchschnittlich 10 % höheren IQ haben als ein Konkurrenzbetrieb, erfolgreicher sein?

    Für 95 % aller Arbeitsplätze, die unsere Wirtschaftskraft ausmachen, benötigt man keinen hohen IQ. Im Gegenteil: Leute mit höherem IQ langweilen sich dort und machen was anderes. Und machen wir uns nichts vor: Selbst Manager, Lehrer oder Journalisten werden durch einen höheren IQ nicht unbedingt besser. Hier mag es vielleicht von Vorteil sein, eine gewisse Untergrenze nicht zu unterschreiten, aber es muss nicht immer Mozart sein. Wenige Ausnahmen wie eben Musik oder auch Wissenschaft profitieren sicherlich von Höchstbegabung, aber um die zu fördern, braucht man keine IQ-Züchtung in der Fläche, sondern das sind und bleiben Ausnahmetalente.

    Bleibt als letztes vielleicht das individuelle Glück? Dass das mit höherem IQ besser wird, würde nicht einmal ein Sarrazin behaupten, glaube ich.

    Was soll also dieser IQ-Fetischismus? Unterm Strich kommt für mich eine faszinierend komplexe Fehlleistung Sarrazins heraus: falsche Schlussfolgerungen aus ihrerseits falschen Axiomen. Falscher geht es eigenltich kaum. Das einzige, was übrig bleibt, ist die logische Schlussbeziehung seines Dreisatzes. die ist richtig. Dazu möchte man ihm fast schon gratulieren. Aber das hebt er in Interviews ja selber schon zur Genüge heraus.

    Viele Grüße
    Roland Ziegler

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  3. EJ Says:

    Tja, Herr Schuler, abzüglich seiner überehrgeizig kleigeistigen Zappelei – nicht Ihr Stil, oder? – spricht Sarrazin Ihnen also ziemlich „punktgenau“ aus der Seele.

    Is‘ doch schön, so ein irres alter ego zu haben. Glückwunsch! Das macht die Drecksarbeit und Sie geben den klugen Beobachter ab: Mal sehen, was dabei rauskommt.

    Hübsch. Wirklich.

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