Der Casus-Sarrazin: Psychologie eines Skandals

Die Sarrazin-Debatte ist in ihre Milieu-Phase getreten: Die gesellschaftlichen Disputanden scheiden sich je nach Milieuverhaftung und konzentrieren sich auf die jeweils dienlichen Aspekte des Buches. Sarrazin-Gegner greifen sich vor allem die Verdummungs- und Vererbungsthesen heraus und geißeln – wie etwa FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher – Sarrazins Sozialdarwinismus und überholten Biologismus. Das hat den Vorteil, dass man sich mit dem in der Tat gewichtigeren Komplex muslimischer Integration oder eben Nicht-Integration nicht auseinandersetzen muss.

Sarrazin-Unterstützer konzentrieren sich dagegen gerade auf diesen Teil seiner Ausführungen, weil er mit vergleichsweise verlässlichen Zahlen untersetzt ist und das Problem von einer Mehrheit der Deutschen ähnlich gesehen wird. Die Aufspaltung der Debatte entlang der Milieu-Linien folgt dabei einem klassischen Schema. Schirrmacher etwa, der sich als aufgeklärter, progressiver Konservativer versteht, kann und will es sich nicht leisten, auf der Seite der „Sarrazinen“ zu stehen und von den „fortschrittlichen“ Multikulturalisten scheel angesehen zu werden.

Interessant an den Sarrazin-Kritikern ist übrigens, dass auf der jeweiligen Windung der Empörungsspirale stets die Fakten der vorherigen Kurve als „olle Kamellen“, alte Hüte und längst bekannt abgetan werden, obwohl die meisten selbst ehedem heftigst dagegen polemisierten. Galt vor Jahren allein die Erwähnung erhöhter Delinquenz im jugendlichen Migranten-Milieu schon als rassistische Ausgrenzung, so wischt man Sarrazins Verweis auf verstärkte Einwanderung in die Sozialsysteme heute mit gelangweilter Beiläufigkeit vom Tisch, als habe man das schon immer gesagt und der Spätversteher Sarrazin komme gewissermaßen mit Verstaubtem Skandal-Material daher.

Die Sarrazin-Unterstützer wiederum wollen nicht mit den Naiv-Integrationisten in einem Boot sitzen, die die Welt eher als freundliche Vision und gemütliche Fortschreibung von „1001 Nacht“ sehen wollen, und denen Vorwürfe an das Migranten-Milieu vor allem peinlich sind. Auf dieser Seite der Barrikade nimmt man die Sarrazinsche Vererbungs- und Verdummungslehre als marottenhafte Ausschmückung des eigentlichen Themas und geht rasch darüber hinweg.

Nach der Milieu-Phase folgt freilich regelmäßig die Beilegungs-, Abkling- und Vergessensphase. Beide Seiten werden sich resigniert in ihren Positionen bestätigt sehen: Die einen darin, dass Sarrazin ein schlimmer Provokateur, Rassist und Störer des gesellschaftlichen Friedens ist, die anderen darin, dass der Mainstream der veröffentlichten Meinung und der angstgetriebenen Politik lieber den Mantel des Schweigens über migrationspolitische Brüche und Unverträglichkeiten breitet. Und bis zum nächsten „Skandal“ ist dann erstmal wieder Ruhe im Lande.

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10 Antworten to “Der Casus-Sarrazin: Psychologie eines Skandals”

  1. monologe Says:

    Warten. Glotzen. Erhabentun. Gönnen. Meinen. Klappehalten. DieLillyputten.

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  2. EJ Says:

    O.K., man hätte ganz sachlich mal über die Konsequenzen nachdenken sollen, die aus Sarrazins Elaborat zu ziehen sind, auch – mit Zuwanderungsstop wäre es angesichts der Dramatik der Entwicklung ja nicht getan – über Vertreibung der Muslime, evtl. über Zwangssterilisation und sogar Euthansie usw. usf.?

    So wollen Sie sicher nicht verstanden werden? Oder?

    Meinten Sie also, man hätte Sarrazin kurzerhand ignorieren und den Tatsachen, wie sie sind, ins Auge schauen und über die Integration sprechen sollen, die Sarrazin für unmöglich und auch nicht für wünschenswert hält? Es gibt Leute, die das seit langem tun und ebenso lange für Spinner gehalten werden. – Warum?

    Sie hätten vielleicht bemerken sollen, dass es eine fundamentale Asymmetrie in dieser Diskussion gibt. Es gibt nicht eine Auseiandersetzung um unterschiedlich Lösungen des Problems. Es gibt nur die Auseinandersetzung zwischen denen, die das Problem mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln (per Integration) für lösbar halten, und denen, die es mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln für nicht lösbar halten, für die es, so oder so bzw., besser, entweder – oder, in die Katastrophe führen muss.

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    • ralfschuler Says:

      Wenn ich einen gewissen humanitären Konsens unterstellen darf, dann gibt es keine einfachen Lösungen für das Problem bereits erfolgter Einwanderung. Wenn das Problembewusstsein durch so ein Buch und seinen Zuspruch geschärft würde, wäre schon viel gewonnen. Niemand hat hier ernsthaft Nazi-Methoden im Umgang mit Migranten gefordert. Auch Sarrazin nicht.

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      • EJ Says:

        Nein, niemand hat hier ernsthaft Nazi-Methoden gefordert. Auch Sarrazin nicht. Richtig. Für denjenigen aber, der Sarrazins gen-fixierte Problembeschreibung für zutreffend hält, gibt es entweder keine Lösung des Poblems, kommt es also unweigerlich zu einer schleichenden Islamisierung und Verblödung, oder es gibt eine Lösung des Problems – nach Nazi-Methoden.

        In der Tat: Sarrazins Buch schärft das Problembewusstsein.

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  3. EJ Says:

    Diskretion ist manchmal Mist: Der Streit geht im Kern darum, ob die Lösung des Problems innerhalb unsers gegenwärtigen Systems erfolgen kann/ soll, oder ob das drohende andere (muslimische) System nur durch ein anders System (als unser gegenwärtiges) abgewendet werden kann.

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  4. Alan Posener Says:

    Sie widerlegen im Text Ihre Theorie selbst. Sie zeigen, dass jede neue Skandalisierung des Themas Zuwanderung selbst die Gegner der Skandalisierung zwingt, die ehedem bekämpften Positionen halb für sich zu reklamieren. Was hier passiert, ist dass ein Mob aus der Mitte sich einen Sündenbock für das Versagen der Bürger und Banker im Land sucht. Man sucht vergeblich nach einem einzigen positiven Vorschlag – auch in diesem Blog-Beitrag.

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    • ralfschuler Says:

      Das ist schon einigermaßen putzig: Als der viel geschmähte Jörg Schönbohm noch Innensenator in Berlin war, ich meine, es wäre 1997 oder 1997 gewesen, hat er darauf hingewiesen, dass der sogenannte „tipping point“ bei etwa 30 Prozent problematischer Migration in einem Stadtviertel liege. Damals wurde er als Ausländerfeind am Rande des Rassismus geprügelt. Ich wurde geprügelt, der ich seine Einschätzung unterstützte. Und der vermeintlich applaudierende Spießbürger wurde von taz bis Berliner Zeitung etc. Die Einschätzung hat sich als gnadenlos richtig erwiesen, und nun sollen jene, die den gut gemeinten, aber schlecht gemachten Zuzug schon immer für ein Problem hielten, die Lösungen liefern?
      Was Bürger und Banker (- hätte mich auch gewundert, wenn Ackermann nicht auch daran schuld wäre!-) damit zu tun haben, ist mir allerdings völlig unklar. Fakt ist doch, dass es eine breite Klientel gibt, die Zuwanderung (naiverweise) einfach nun als praktizierte Menschenfreundlichkeit sieht und jeden zum Xenophoben und potentiellen Rassisten stempelt, der auf Probleme hinweist. Ein Aufstand wäre losgebrochen, wenn Mitte der 90er Jahre jemand Einwanderungsgesetze wie in den USA, Kanada oder Australien für Deutschland gefordert hätte.
      Dass die Deutschen keine Ausländerfeinde sind, haben sie übrigens hinreichend mit der Aufnahme bosnischer Bürgerkriegsflüchtlinge bewiesen. Die Solidarität damals war und ist beeindruckend.

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    • max Says:

      Das ist doch der typische Alan Posener Relativismus Scheissdreck. Natürlich werden die Roths, Ströbeles und Posners durch Sarazzin „gezwungen“, ihre Positionen zu überdenken. Man merkt einfach nichts davon. Oder wo wäre denn der Artikel von Posener, die Aussendung von Roth, Ströbele, Beck und wie sie alle heissen, die zugeben, sich geirrt zu haben? Wo? Gestern wollte der Blutgreis Ströbele im Gespräch mit Frau Kelec bei ntv schlicht nichts davon wissen. Frau Roth ist entgegen allen üblichen Empörungsriten schlicht nicht zu hören. Und von Posener, ausser den üblichen Blödheiten_ nix.

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  5. ebook leser Says:

    Wie man im Spiegel lesen kann, ist das Buch von Sarrazin nicht nur verkaufsmässig ein Hammer, sondern es fördert auch Parteieintritte von islamfeindlichen Parteien. Vielleicht denken jetzt mal die Kritiker nach, wem sie mit ihrem Aufschrei eigentlich helfen. Den Verkaufszahlen des Buches und den islamfeindlichen Parteien. Manchmal, und das betrifft jetzt nicht nur Sarrazin, sondern auch die Kritiker, ist Schweigen besser als Reden.

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    • ralfschuler Says:

      Da ist was dran, nur kann die Furcht vor falschen Reaktionen der Öffentlichkeit kein Grund zu taktischem Schweigen sein. Eine Gesellschaft, die vom Streit der Meinungen lebt, kann nur in äußersten Ausnahmesituationen Meinungssperren akzeptieren. Der Appell sollte vielleicht lauten, sachlich und ohne Schaum vor dem Mund mit Sarrazin ins Gericht zu gehen, die Ängste der Leute ernstzunehmen und jeden Anschein zu vermeiden, man wolle den Bundesbanker mit unlauteren Mitteln mundtot machen. Das geschieht allerdings gerade, wo immer der Verlag Auftritte des Autors geplant hat. Wenn sich in der Öffentlichkeit der Eindruck festsetzt, die da oben drücken den einfach weg, ist niemandem gedient. Im Gegenteil.

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