Der strahlende Thilo

Es ist schon verblüffend, wie der mediale Herdentrieb reflexartig losbricht, ganz gleich, ob im Fall Sarrazin oder beim Thema Atomenergie. Zu beidem kann man verschiedene Meinungen haben, nur sollte man sich erst einmal mit den Fakten beschäftigen.

Bei der Kernenergie kritisieren die Kommentatoren nahezu durchweg, dass die Energiekonzerne nur ein Drittel der zu erwartenden Gewinne an den Bundeshaushalt abführen müssen. Nun kann man sich über Prozente trefflich streiten, wenn man dieser Logik folgt, wäre eine Verstaatlichung der AKWs die konsequenteste Methode, den maximalen Gewinn abzuschöpfen. Allerdings ist zu bezweifeln, dass die Atom-Kritiker damit zufrieden wäre: Der Staat saniert sich auf Kosten einer riskanten Technologie, würde dann der Vorwurf lauten.

Putzig ist auch die Empörung darüber, dass die Konzerne ihre Abgaben „sogar noch von der Steuer absetzen können“. Das Gegenteil wäre absurd: Geld, dass ein Unternehmen abgibt zu versteuern, obwohl es gar nicht vorhanden ist, wäre ja nun der Gipfel des Irrsinns.

Interessant ist auch zu beobachten, wie Gutachten (zu Recht) in Zweifel gezogen werden, die von Instituten stammen, die der Energiewirtschaft nahestehen. Nur kann man dann nicht Gutachten von Greenpeace oder Öko-Instituten dagegenhalten, ohne sie zu hinterfragen. Und schließlich fehlt in vielen Verrissen die Auseinandersetzung mit der Sache selbst: Wenn die Kernenergie nun länger zur Verfügung steht, muss es im Sinne der ehrgeizigen Klimaziele darum gehen, vor allem Kohlekraftwerke abzuschalten und Akzeptanz für die nötigen Leitungstrassen zu schaffen, die zwingend für den Ausbau der erneuerbaren Energien nötig sind. In Brandenburg regt sich auch dagegen Widerstand.

Was all das mit Thilo Sarrazin zu tun hat? Wer die Debatte gerade auch unter Wissenschaftlern zu Sarrazins Thesen verfolgt hat, konnte in der F.A.Z. vom Mittwoch (7. September) eine Rehabilitation erster Klasse für den „biologistischen“ Teil des Buches nachlesen. Nimmt man alles zusammen, so bleibt an der allgemeinen Kritik vor allem der konfrontative Tonfall. In beiden Fällen stößt das gefühlte Weltbild bestimmter Kreise mit einer Überdosis Realität zusammen. Man darf also gespannt sein, mit welcher Begründung Sarrazin aus der SPD ausgeschlossen und von der Bundesbank suspendiert werden wird.

Advertisements

Schlagwörter: , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: