Die Deutschen sind sich nicht grün

Grüne im Höhenflug, Grüne auf Wolke sieben, es grünt so grün in allen Umfragen, und die Kommentatoren sind sich nach dem Parteitagswochenende der Grünen in Freiburg nahezu einig: Wenn die Grünen tatsächlich regieren wollen, müssen sie Politik für alle machen. Warum findet das keiner komisch oder absurd? Warum muss eine Partei, die in den Umfragen führt, andere Politik machen als ihre eigene?

Es gehört zu den Eigenheiten des deutschen Politikbetriebs, dass zum Regieren nur berechtigt ist, wer eine Politik der Mitte macht. Die Deutschen kultivieren nun schon seit Jahrzehnten das Missverständnis, dass man wählen kann, was man will, und der Gewählte müsse dann Politik für die Leute machen, die ihn gewählt haben, anstatt seinem Programm zu folgen. Kein Wunder, dass es regelmäßig zu Enttäuschungen kommt.

Fragt man in Studien die Wertespektren der Deutschen ab, so vertritt eine Mehrheit eher konservative Standpunkte von Familie bis Eigenheim. In Finanzdingen erwarten die Meisten geringe Abgaben bei möglichst umfassendem staatlichem Leistungskatalog. Eine liberal-konservative Konstellation. Hinzu kommen Umweltschutz, sichere, billige Energie, Bildung und vor allem Gesundheit. Man muss den Grünen für ihren parteipolitischen Olympia-Boykott und beispielsweise der Grünen-Spitzenkandidatin von Berlin, Renate Künast, für ihre Forderung nach Tempo 30 für alle fast schon dankbar sein, weil mit solchen Ansagen klargemacht wird: Wer Grün wählt, bekommt auch Grün.

Man kann sich kein Bund Schnittlauch kaufen und anschließend darüber Beschwerde führen, es es keine Lakritz-Stangen sind. Wie wäre es, wenn man endlich aufhören würde, seine Wünsche auf Parteien und nette Politiker zu projizieren und statt dessen die Parteien beim Wort nimmt? Sprich bei ihren Programmen. Wer Grün wählt, darf nicht nur gegen längere AKW-Laufzeiten sein, er muss auch mit 30 Km/h durch die Hauptstadt kriechen wollen und lässt zur Olympiade die Glotze aus. Aber so eng sehen die Deutschen das nicht.

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6 Antworten to “Die Deutschen sind sich nicht grün”

  1. Will Says:

    Der Grund dafür, warum alle möglichen Dinge in die Parteien hineinprojiziert werden, ist sicherlich in ihrem unattraktiven und faden Programm zu sehen. Und deshalb beginnt man eben, sich Sachen in das Programm hineinzudenken, für die man gerne stimmen würde.

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  2. wuuk Says:

    Schön wärs, wenn man die Parteien mal bei ihren Programmen nehmen könnte. Aber offensichtilich ist das nicht so einfach wie du beschreibst, sonst wären beispielsweise die Studiengebühren in NRW längst abgeschafft.

    Stattdessen bleibt uns nach der Wahl ein Roulettespiel aus Koalitionen, Koalitionsverhandlungen und Wahlversprechen.

    Woran kann man sich also sonst noch halten, wenn schon nicht an die Programme (auch nicht an grüne Programme)? Richtig, an nette Politiker, schöne Slogans und die Hoffnung, nach der Wahl nicht allzusehr verarscht zu werden.

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    • ralfschuler Says:

      Die Frage ist, ob da nicht schon ein Pendel-Effekt im Gange ist und die Parteien sich womöglich genau nach dem Mitten-Prinzip richten: Wir haben es zwar versprochen, aber jetzt müssen wir Politik für alle machen… Aber bei vielen Wahlversprechen kann man in der Tat schon vorher wissen, dass sie nicht einzuhalten sind – wenn Bund-Länder-Finanzen im Spiel sind, wenn die Hoheit ohnehin nicht im Land liegt oder wenn gesetzgeberische Hürden einfaches Rückdrehen zum langwierigen parlamentarischen Tauziehen machen. Bei den Studiengebühren ist das so eine Sache: Man kann es gut versprechen, dann ist man dran, hat einen leeren Haushalt und müsste den Unis zur Erfüllung des Versprechens jetzt Geld entziehen. Wer will das schon? Schließlich hat doch Bildung Priorität…

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  3. brotherlove68 Says:

    Der steigende Zuspruch zur Partei der kritischen Intelligenz zeigt, dass die Richtigkeit ihrer Ziele endlich auch von den Massen erkannt wird. Die jahrzehntelange Kärrnerarbeit fortschrittlicher Genoss_innen war also nicht umsonst:

    http://bluthilde.wordpress.com/2010/11/22/bluthildes-direktiven-10-paedosexualitaet/

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    • ralfschuler Says:

      Ich habe eine Weile überlegt, ob ich den Link unter dieser albernen Eigenwerbung stehenlassen soll und habe mich dann dafür entschieden. Es ist zwar kompletter Schwachsinn, soll aber wohl Satire sein. Nun ja, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten.

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  4. Auch ein Blog zieht mal Bilanz « Ralfschuler's Blog Says:

    […] The busiest day of the year was November 22nd with 1,257 views. The most popular post that day was Die Deutschen sind sich nicht grün. […]

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