Wir über uns und unsere Gemüseküche

Die Selbstzentriertheit des deutschen Medienbetriebes ist zu gleichen Teilen verblüffend wie faszinierend und ärgerlich. Vor allem bei sogenannten Gesellschaftsthemen brechen sich da mitunter Zeitgeistströme völlig ungetrübt von jeder Realitätsbindung Bahn. Anders gesagt: Oft sind es in Personalunion die gleichen Schreiber und Reporter, die in Stuttgart der „politischen Klasse“ bescheinigen, sich meilenweit von den Menschen entfernt zu haben, die wenig später dem Vegetariertum, dem Elektroauto, dem „neuen Mann“ oder der Harald Schmidt Show zu medialer Präsenz verhelfen, die mit der tatsächlichen Resonanz beim einfachen Publikum gar nichts zu tun hat. Bei der (auch vom Autor geschätzten) Harald Schmidt Show wird das besonders offensichtlich, weil sie das liebste Kind der kreativen Metropolen-Intelligenz ist und die Feuilletons jede winzige Veränderung am Sendekonzept zu großzügigen Beiträgen nutzen, obwohl Schmidts Quoten meist noch unter denen von Birte Karalus oder „Frauentausch“ liegen, die dem Kulturkorrespondenten selbstverständlich keine Zeile wert sind. Motto: Egal, was die Masse meint, der Trend bin ich.

Sich am Leitbild des „neuen Mannes“ zu orientieren, kann keinem jungen Mann empfohlen werden, wenn er nicht vom Schulhof bis zur auf Dauer angelegten Partnerwahl zu den Verlierern gehören will. Dem unsportlich-versonnenen Trakl-Leser mit Brille und linkischem Auftreten können die inneren Werte aus beiden Ohren tropfen, und er wird von Disco bis Speed Dating schon in der Vorrunde ausscheiden. Frauen haben bis heute ihr Beuteschema nicht wirklich geändert, stehen auf überlegene Typen, fast immer älter, fast immer größer, gern mit höherem sozialem Status und wollen den „neuen Mann“ meistens erst dann, wenn der angebetete Imponierer auch in der Beziehung so bleibt  – statt Fenster zu putzen. Vielleicht sollten sie es einfach mit einem neuen Mann probieren….

Das SZ-Magazin hat in seiner jüngsten Ausgabe nun einem anderen Scheintrend ein ganzes Heft gewidmet: der „Gemüseküche“ – weil es besser klinge als „vegetarisch“, heißt es im Editorial ganz unverhohlen publikumsgeschmeidig. Und: „Gemüse liegt zweifellos im Trend, und das nicht nur, weil Fleisch aus der Mode geraten ist.“ Den Fleisch-pro-Kopf-Verbrauch der Deutschen können sie damit nicht meinen, denn der ist seit Jahren stabil und schwankt lediglich um einige Gramm pro Jahr (bei etwa 88 kg). Wer es noch genauer wissen will und den netto-Fleischverzehr heranzieht (weil im „Verbrauch“ ja auch Tiefutter, tierische Produkte etc enthalten sind), findet ebenfalls keine talwärts gehende Kurve. Hier mampfen die Deutschen tapfer 60 kg jährlich weg. Und das nicht erst seit gestern.

Mit anderen Worten: Hier schreibt das Bionade-Bürgertum über sich selbst und dünkt sich progressiv. Nun brauchten die meisten „Progressiven“ der Geschichte die Massen ohnehin nur als machtvolle Staffage, und es verwundert deshalb auch nicht, dass man sich vom Grillduft in sommerlichen Kleingartenanlagen, auf Balkonen, in Parks oder gar auf Parkplätzen den selbstgemachten Trend nicht kaputtmachen lassen will. Ärgerlich wird es nur, wenn zu diesem Behufe auch noch halbgarer Unfug zusammengeschrieben wird.

Dass es also ein eher dümmlicher Irrtum der Evolution gewesen sein muss, den Menschen als Allesfresser konfiguriert zu haben und überleben zu lassen – geschenkt. Wenn aber der in Berlin lebende Autor Peter Praschl (ich hoffe sehr für ihn, dass er nicht zur Bestätigung des Klischees auch noch am Prenzlauer Berg wohnt!) das Thema Mangelernährung bei Vegetariern einfach vom Tisch wischt, ist es im besten Falle oberflächlich. Den Bedarf an hochwertigem Eiweiß etwa in der Stillzeit vegetrarisch zu decken, setzt einige Anstrengungen voraus. Ich weiß auch nicht, wieviele Leistungssportler Vegetarier sind, finde deren industrielle Mast mit künstlichen Eiweißpräparaten aber auch nicht sonderlich sympathisch. Schlittenhunde als Fleischfresser sind übrigens um ein Vielfaches leistungsfähiger als die vegetarischen Rentiere (deshalb nimmt man auch erstere auf Expeditionen mit), aber das hat mit dem Menschen natürlich gar nichts zu tun.

Unrecht hat Praschl übrigens auch mit der Behauptung, vom Schlachtvieh werde alles weggeworfen, was sich nicht „umstandslos braten“ lasse. Tatsächlich bleibt so gut wie nichts – bis hin zu Hufen, Knochen, Gedärm, Haut (Leder), Blut etc. – unverwertet. Muss man ja nicht wissen. Muss man dann aber auch nicht schreiben.

Am Ägerlichsten ist aber, dass hier ein Ernährungskonzept offensiv vertreten wird, das in einer Welt des Hungers an Snobismus und Dekadenz kaum noch zu überbieten ist. Praschl preist das reichhaltige und vielfältige Angebot in seinem Bio-Supermarkt, das jeden eines Besseren belehre, der von Eintönigkeit und Unausgewogenheit bei Vegetariern rede. Dieses Privileg ist vermutlich nicht einmal dem gesamten reichen Drittel der nordwestlichen Welthemisphäre zugänglich. In Asien, wo sich Millionen Menschen unfreiwillig vegetarisch nur von Reis ernähren, wird man dem Vitamin-A-Mangel (schlägt auf die Augen) der mit dieser Getreideart verbunden ist, kaum Herr. Auch in Mittel- und Laiteinamerika (Mais, Kartoffeln) oder Afrika (Getreide und verschiedene Wurzeln) fehlt es mitunter schon an der Litschi danach oder der Kiwi zur Vitamin-C-Auffrischung neben den jeweils verbreiteten Mono-Mahlzeiten. Ich weiß nicht, wie gut die Bio-Supermärkte in Soest, Detmold oder Brakelsiek bestückt sind, wahrscheinlich aber zeigt man Praschl schon zwanzig Kilometer hinter der Berliner Stadtgrenze einen Vogel für den Vorschlag, sich spannend und abwechslungsreich vegetarisch zu ernähren.

Es soll jeder einfach essen, was er mag. Vor allem sollte es jeder können. Wenn diese Forderung umgesetzt würde, könnte sich die Menschheit glücklich schätzen. Wohlstands-Konzeptnahrung zu preisen, die nicht mal ansatzweise geeignet ist, auf dem Milliardenplaneten etwas Sinnvolles zu bewirken, ist so deplatziert wie eine Brigitte-Diät für dickbäuchige Afrikaner-Kinder.
Mahlzeit.

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6 Antworten to “Wir über uns und unsere Gemüseküche”

  1. Popeye Says:

    Wunderbarer Kommentar zu diesen selbstverliebten Lifestylespinnern! Danke!

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  2. claude Says:

    Exzellent getroffen, 100 Punkte. Das einzige, was ich zu bemäkeln hätte wäre die etwas schlechte Lesbarkeit qua Ausrichtung auf 800×600 Monitore, die es eigentlich schon eine ganze Weile nicht mehr gibt. Siehe z.B. hier:

    http://en.support.wordpress.com/themes/#browsing-themes

    🙂

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  3. Tierinstrumente | Glauben Sie mir kein Wort! Says:

    […] a) In Ralfschuler´s (sic!) Blog ist zu lesen: „Schlittenhunde als Fleischfresser sind übrigens um ein Vielfaches leistungsfähiger als die vegetarischen Rentiere (deshalb nimmt man auch erstere auf Expeditionen mit), aber das hat mit (sic!) dem Menschen natürlich gar nichts zu tun.“ (Quelle) […]

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  4. Anja Says:

    Orang Utahs sind noch stärker als Schlittenhunde – sie essen allerdings 100% pflanzliche Nahrung….

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