Mitleid und Seele – Porträt einer menschlichen Regung

Rechtzeitig vor dem Fest sind sie wieder da, die großen Kinderaugen auf den Postkarten der Hilfsorganisationen, die Reportagen aus afrikanischen Slums und Berichte Über die Bedüftigen hierzulande im reichen Deutschland. Weihnachten ist die hohe Zeit des Mitleids, vielleicht auch deshalb, weil das christliche Symbol des arg- und schutzlosen Kindleins in der Krippe jeden noch einigermaßen empfindsamen Menschen wehrlos macht und mit Beschützerinstinkten erfüllt. Spendensammeln, anderen helfen in einer Zeit, deren Konsumüberfluss hierzulande viele mit einem schlechten Gewissen zurücklässt – all das scheint irgendwie natürlich zusammen zu gehören.

Mitleid, dieses sich einfühlen in die Pein der anderen Kreatur, diese Fähigkeit, fremdes Leid wie eigenes zu erleben und zu helfen, ist eine seltsame Regung. Im Darwinschen Kampf um Überleben und privilegierte Fortpflanzung dürfte sie eigentlich gar nicht vorkommen, weil sie den Stärkeren ablenkt vom ewigen Streben nach Überlegenheit und dem von Auslese bedrohten Schwächeren eine Chance gibt, die er im Sinne der Höherentwicklung der Art eigentlich nicht verdient hätte. Am ehesten erklärlich sind Mitleid und Kooperation, wenn man den Zusammenhalt unter Artgenossen als evolutionären Vorteil und eine Machttechnik in der Konkurrenz zu äußeren Feinden sieht. Es gibt inzwischen auch Grund zu der Annahme, dass sozialer Zusammenhalt genetisch als Funktion einer bestimmten Region des Limbischen Lappens in der Großhirnrinde angelegt ist. So will der kalifornische Psychologe James Goodson bei unterschiedlich geselligen Finken sogar besondere Nervenzellen gefunden haben, die deren Sozialverhalten erklären.

Ob nun genetisch programmiert oder von der Evolution antrainiert – Mitleid ist eine der zentralen, wenn nicht gar die menschlichste Regung schlechthin. Es ist in gewissem Sinne die Kernbotschaft des Christentums, das Anteilnahme, Verständnis und Hilfsbereitschaft – salopp gesprochen –  sogar noch über die „natürlichen“ Gelegenheiten (Schwache, Arme, Kranke etc.)  hinaus auf „Unwürdige“, Unsympathen, Fieslinge und Feinde ausgedehnt sehen will, die das eigentlich gar nicht verdient haben. Jesus Christus nimmt mit seinem Kreuztod gar die Sünden der ganzen Welt auf sich –  mehr Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Vergebung sind nach menschlichem Ermessen nicht vorstellbar. Mitleid ist somit eine rundum positiv besetzte Eigenschaft, weil der Mitleidende das Ungemach des Nächsten wichtiger nimmt als sein eigenes Wohlbefinden.

Mitleid ist gut, könnte man es schlicht formulieren. Und wie bei allem Guten, ist übermäßiger Genuss nicht super-gut, sondern schlecht. Der große Psychologe Alfred Adler etwa weist in seiner „Menschenkenntnis“ darauf hin, dass das Engagement für andere eben auch dazu dienen kann, dem praktizierenden Bemitleider das angenehme Gefühl zu geben, ein guter Mensch zu sein. Die vermeintliche Selbstlosigkeit wird so zu einem raffinierten Anrechtsschein für gesellschaftliche Anerkennung oder zur Krücke für das eigene Selbstwertgefühl. Aus etwas Selbstlosem wird durch mehr oder weniger bewusste Anwendung selbstsüchtige Selbstaufwertung. Das so genannte Helfer-Syndrom ist so eine Entartung, bei der sich der Helfende im Grunde selbst hilft, indem er immer aufs Neue seine eigene Tugendhaftigkeit unter Beweis stellt.

Und noch eine seltsame Eigenschaft hat das Mitleid: Wer andere bemitleidet, macht diese automatisch zu Hilfsbedürftigen, Schwachen oder Opfern, die eben Mitleid nötig haben. Der Empfänger von Mitleid kann sich gegen diese Eingruppierung ins Opfer-Fach übrigens kaum wehren. Der Mit-Leidende dagegen kann im Stillen seine Überlegenheit auskosten, denn wer mit-leidet ist allemal besser dran als der Leidende selbst. Solange es Leidende gibt, hat der Mitleid-Spender seine Existenzberechtigung. So finstere Wege gibt es in unserer Seelenwelt.

Oder wie la Rochefoucauld es ausgedrückt hat: „Wir sind immer bereit, im Unglück unserer Freunde eine Art Genugtuung zu empfinden.“ Nicht minder zwiespältig ist Mitleid als politisches Motiv und Konzept. Dass die Einfühlsamkeit von Menschen missbraucht werden kann, ist dabei noch einer der offensichtlichsten Effekte, der freilich dazu führen kann, dass Misstrauen wächst, wo eigentlich unverstellte Hilfsbereitschaft vonnöten wäre. Viel komplizierter aber ist etwas anderes: Wer mitleidet, will helfen, sofort und auf möglichst geradem Wege. Und genau hier beginnt das Dilemma der Sozialpolitik. Dass man einem unter Entzug leidenden Süchtigen kein Geld gibt, ist einsehbar und hat sich weitgehend durchgesetzt. Darüber hinaus aber gilt vielfach der Grundsatz: Wer nicht hat, dem soll gegeben werden. Ein verständlicher, nur allzu menschlicher Affekt. Doch genauso, wie es sinnvoll sein kann, die Stützräder abzuschrauben, wenn der Nachwuchs Radfahren lernen soll, kann es sinnvoll, motivierender und langfristig hilfreicher sein, nicht gleich jede Not zu lindern, deren Anblick unsere Herzen ergreift.

Die meisten sozialpolitischen Debatten drehen sich daher nicht darum, ob geholfen werden soll, sondern wann und in welcher Form. Wobei der meist links im politischen Spektrum angesiedelte Vollversorger sogleich die Alleinvertretung gelebter Menschlichkeit zu vereinnahmen sucht, während Zurückhaltung in der Regel mit dem Ruf sozialer Kälte und schlimmer Hartherzigkeit leben muss.

Es ist in solchen Dingen mitunter hilfreich, einen Blick auf Entwicklungshelfer zu werfen, die hauptberuflich und professionell mit Schicksalen umgehen, die niemanden kalt lassen können. Und mit einigem Erstaunen stellt man fest, dass selbst im Angesicht unglaublicher Katastrophen Mitleid nicht den nüchternen Blick auf die menschliche Realität verstellt: Direkthilfe (Decken, Zelte, Nahrung) nur in akuter Not, damit sich niemand in Hilfscamps festsetzt. Danach Hilfe zur Selbsthilfe, Material, Geräte, statt fertiger Häuser oder Zisternen. Saatgut, das von der ersten Ernte zurückgezahlt werden muss. Oder, wie es ein Entwicklungshelfer in Nordafghanistan einmal ausdrckte: „Wer hungrig ist, geht zur Jagd, wer satt ist, nicht.“ Und so kann es wohl Situationen geben, in denen das Mitleid gebietet, ein Fischernetz zu verschenken und keine Mahlzeit, damit uns der gleiche Mensch nicht am nächsten Tag schon wieder leid tun muss.

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3 Antworten to “Mitleid und Seele – Porträt einer menschlichen Regung”

  1. feydbraybrook Says:

    Thomas von Aquin, auf den sich die kath. Soziallehre beruft, sagt:
    „Es ist nämlich lobenswerter, daß einer auf Grund einer Vernunftsentscheidung ein Liebeswerk tut als aus der bloßen Leidenschaft des Mitleids“.
    Zwar könne die Leidenschaft „die Gutheit einer Handlung“ vermehren, jedoch nicht, wenn sie ihr vorausginge.
    Das wirft also die Frage nach unseren Motiven auf: warum fühlen wir uns berufen, mitleidend zu handeln?
    Man darf sich da nichts vormachen: wir tun es gerade in der Weihnachtszeit aus schlechtem Gewissen, weil wir den Konsum pflegen. Im Sinne Aquins ist es also keine gute Handlung, an Weihnachten zu spenden. Natürlich, den Menschen vor Ort kommt es zugute und denen ist es egal, ob wir aus Leidenschaft oder aus Vernunft Geld spenden: man überlebt, egal warum.
    Aber für uns ist es nicht egal, ob wir uns genau überlegen, zu welchem Zeitpunkt wir wohin wieviel Geld spenden. Damit es auch ankommt. Damit es sinnvoll eingesetzt wird in Deinem genannten Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe.
    Es geht also darum, daß wir uns auseinandersetzen mit dem Elend in der Welt und vll auch die Zusammenhänge insoweit verstehen, daß wir durch unseren Reichtum auch Anteil haben an der Ausbeutung der 3. Welt.
    Ich halte es für besser, Fair-Trade-Kaffee zu kaufen, als irgendwie mal schnell unreflektiert 10 € irgendwohin zu spenden.

    Aber das soll kein Aufruf zum Nicht-Spenden sein, denn es könnte sein, daß jemand sagt: ich spende überhauipt nicht mehr, weder zu Weihnachten, noch zum Sommeranfang, denn es ist ja eh nur Gewissensberuhigung. Und Fair-Trade-Produke sind mir zu teuer.

    Dann noch lieber unreflektiert spenden.

    http://feydbraybrook.wordpress.com/2010/12/11/burka-kaftan-kopftuch-so-funktioniert-stigmatisierung/

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  2. RB Says:

    Mitleid und Mitgefühl sind KEINE seltsamen Regungen. In Wien lebte vor vielen Jahren ein Caritasdirektor der auf die stupide Frage eines Journalisten „Die Leute, die spenden, beruhigen doch nur ihr eigenes schlechtes Gewissen“, der Caritasdirektor antworte darauf „Na und, die haben wenigstens ein Gewissen“.
    Ich unterstütze seit einiger Zeit finanziell einen alleinstehenden Mann, der nur die Mindestpenison erhält. Er freut sich monatlich über diese Zuwendung und ich freue mich, dass ich ihm das alltägliche Leben ein bissl verbessern kann. Darf ich mich nicht darüber freuen, dass er sich freut und ich in der Lage bin, ihm zu helfen?

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  3. David Harnasch Says:

    „Dass man einem unter Entzug leidenden Süchtigen kein Geld gibt, ist einsehbar und hat sich weitgehend durchgesetzt.“ … obwohl es jeder ethischen Grundlage entbehrt. Tatsächlich sind die einzigen Bettler, die von mir Geld bekommen, jene, bei denen der Entzustremor einsetzt. Nicht einer von denen wird nach einem hochriskanten und qualvollen unbetreuten Entzug trocken werden. Warum sollte ich ihm diesen Tort nicht ersparen? Wenn harte Alkoholiker den Entschluss fassen, ihre Sucht überwinden zu wollen, wird ihnen glücklicherweise jede Hilfe zuteil. Bis dahin hilft man Ihnen gewiss nicht, indem man sie Entzugsqualen leiden lässt.

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