Weihnacht Zeit los

Die Herren sind nicht grau. Hier irrte Michael Ende. Die allgegenwärtigen Mitarbeiter der Zeit-Sparkasse, denen nur das antikapitalistisch fabulierende Fabel-Mädchen „Momo“ mit ihren Freunden beikommen kann, tragen im Kinderbuch-Klassiker dunkle Mäntel, finstere Hüte und – natürlich – dicke Zigarren im Mund. Sie stehlen den Menschen die Lebenszeit, indem sie jede freie Minute, die neben profitabler Effizienz übrigbleibt, auf ihre Zeit-Konten abbuchen. Der Mensch ohne Muße, will uns Michael Ende sagen, versinkt im Muss. Er wird zermahlen im Räderwerk der gierigen Wirtschaftsordnung wie weiland Charlie Chaplin in „Moderne Zeiten“. Kampf dem funktionierenden Funktionsträger, könnte Momos Motto lauten. Meine Zeit gehört mir, wäre der passende „Stern“-Titel zur Bewegung.

 Aber die Herren sind gar nicht grau. Nur manche tragen Anzug, andere Jeans, bunte Klamotten, nicht weiter auffällig, häufig Nichtraucher. Jedes Jahr zur Weihnachts-„zeit“ kommt dieses Land wieder auf seinen Mangel zu sprechen. Zeit. Von Einkehr ist da die Rede in Predigten und nachdenklichen Essays, von Besinnung und Innehalten, und die Klischeebilder in den Auslagen und der Werbung zeigen entspannte Familien, denen kein Schichtplan und kein Feiertagsdienst im Nacken sitzt. Ausgerechnet jetzt, da der Einzelhandel den Umsatz des Jahres macht, wo die Geschäfte der Versandhändler brummen, wo es Urlaubssperren gibt und man neben dem Job noch die Geschenke abends nach der Arbeit besorgen muss. Innehalten. Wer’s glaubt, wird seelig. Kaum irgendwann im Jahr sind wir mit unserem Zeitkonto so tief im Dispo wie vor dem Fest.

Und die Herren von der Zeitsparkasse, die gleichberechtigungshalber längst zur Hälfte Frauen sind, machen auch so weiter wie im Rest des Jahres. Sie stehen geduldig hinter einem im Büro, hören sich unhöflicherweise das Telefonat mit an, dass einen gerade davon abhält, die dringende Mail weiter zu beantworten, die einen beim Bearbeiten des eiligen Textes gestört hatte. Der zermürbende Alltagswahnsinn beginnt dort, wo man gezwungen ist, alle Kommunikationskanäle offenzuhalten, wo ins Festnetz-Telefonat das Handy hinein klingelt und der hereinplatzende Chef den Abbruch aller begonnenen Arbeiten ganz selbstverständlich einfordert. Die ohnehin übervolle Aufgaben-Agenda, die man gerade verbissen aus dem Weg schaffen wollte, kommt durcheinander, wird schon wieder verschoben, verlängert, unhaltbar, unschaffbar.

Je mehr von „sich sammeln“, von Einkehr (nichts ins Wirtshaus, ihr Banausen!) und Besinnung die Rede ist, desto dramatischer kommt ins Bewusstsein, wie arg die Umdrehungszahl der Alltagsmaschine in den letzten Jahren angezogen hat. Neue Kommunikationswege, nahezu ständige Erreichbarkeit, kürzere Taktzeiten beim Be- und Verarbeiten von Informationen und Produkten haben inzwischen selbst ehedem geruhsame gesellschaftliche Eckchen erreicht. Aus den grauen Kapitalistenknechten mit Zigarre ist ein munteres Häuflein von normal gekleideten Zeitgenossen geworden, als die wir uns gegenseitig einen regelrechten Krieg der Datenraten liefern: Wer meine Mail nicht gleich beantwortet, hält mich auf. Wer sein Handy abschaltet, zwingt mir seinen Rhythmus auf, lässt mich Dinge später bearbeiten, wenn ich eigentlich schon gehofft hatte, endlich frei zu haben.

Die kommunikativen Schlendriane sind wie trödelnde Linksfahrer auf der Autobahn, die uns armselige Stressgetriebene zum Runterschalten zwingen. Obwohl uns die Zeit im Nacken sitzt, die, die uns gerade fehlt und die, die wir hoffen, als kargen Zins am Ende herausschlagen zu können, wenn wir jetzt durch den Tag hetzen. Das Schlimmste aber ist, dass sich das Elend dieser Zeit-losigkeit in der Frei-zeit fortsetzt. In durchgearbeiteten Wochen bleibt so viel Alltag liegen, dass man an freien Tagen schon wieder unter Druck ist, die private Agenda abzuarbeiten: Rasen mähen, Winterreifen draufziehen, Einkaufen, Recyclinghof, die Lampen anbohren und endlich das Rezept von der Ärztin abholen, die nie vor zehn Uhr vormittags in der Praxis ist, weil sie Hausbesuche macht.

 Da baumelt keine Seele, da rieselt’s nicht beschaulich-erholsam im Stundenglas: So ein freier Tag will effizient durchgeplant sein, wenn am Ende zwei Stunden „Einfach-nur-sitzen-und-gucken“ übrigbleiben sollen. Wenn überhaupt. Jeder Plauder-Anruf von Tante Fine, jede blöde Baustelle auf dem vermeintlichen Schleichweg, jeder Müllwagen in der schmalen Einbahnstraße wirft einen zurück – und wieder sind die Nerven hin. Selbst Treffen mit Freunden, auf die man sich schon lange freut, werden so zum „Termin“. Der Billard-Herrenabend am Freitag ist nicht mehr witzig, wenn man mit Hochdruck aus dem Büro losfährt, um es noch rechtzeitig durch den Stau zu schaffen und schon weiß, dass man am Samstagmorgen früh raus muss, um vor dem Auftritt der Kinder noch rasch einzukaufen.

 Obendrein sind wir vermutlich selbst schuld an unserem Elend, weil der Effizienzzwang uns gegenseitig in eine Kette der zeitlichen Ausbeutung zwingt. Wer viel oder unregelmäßig arbeitet, will im schmalen „Zeit-Fenster“ seiner Freizeit den gesamten Handel und alle Dienstleistungen zur Verfügung haben, damit er lästige Gänge und Besorgungen auf der Straße der Sehnsucht nach Ruhe rasch erledigen kann. Ganze Maschinerien von Zulieferern, Versorgern und Hilfsdiensten werden in Bewegung gesetzt, um diesen Wunsch zu befriedigen. Und wieder können ganze Belegschaften sehen, welche Zeit für sie auf der Alltags-Resterampe übrig bleibt – und verlangen passgenauen Angeboten, wenn ihre Zeit gerade mal frei ist….

 Der Berliner Senat immerhin ist – erzwungen vom Bundesverfassungsgericht – in diesem Jahr erstmals daran gehindert, alle Adventssonntage als verkaufsoffen zu deklarieren. An zwei Wochenenden vor dem Fest ruht der Konsum, damit die Menschen, die einst ausnahmsweise trotz des Sonntags arbeiteten, nicht künftig immer öfter arbeiten gerade weil Sonntag ist. Ob der Rutschbahn-Trend zur 24-Stunden-Gesellschaft damit aufgehalten werden kann, ist eher zu bezweifeln. Schließlich gibt es nicht wenige, die in dem vorweihnachtlichen Shopping-Stopp keine erholsame Rennpause auf ihrem wenig christlichen Beschaffungsparcour sehen, sondern ein Hindernis für die schnelle Einkaufstruppe der Weihnachts-Task-Force.

 Es begab sich aber zu der Zeit… Wie wäre es eigentlich mal mit Weihnachts-Widerstand. Das Fest als Anlass, sich aufzulehnen gegen die marktgerechte Zeit-Verknappung. Zeit schenken, an einem Tag einfach mal „nichts“ planen, Handy ausschalten, offline sein…? Klingt irre, oder? Weihnachten statt Wendland, damit endlich wieder Zeit ist, dass sich etwas „begibt“, statt „just-in-time“ geliefert zu werden.

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