Thema verfehlt: Pamphlete wider die Islamkritik

Was haben Sahra Wagenknecht und Mohamed Atta gemeinsam? Nichts, außer dass sie beide Weltbildern anhängen (anhingen), die Terror und Tod über die Menschen gebracht haben. Dabei spielt es so gut wie keine Rolle, dass Attas Wahn politisch instrumentalisierter Religion und Wagenknechts Kommunismus einer ins Religiöse gesteigerten vermeintlich wissenschaftlichen Weltanschauung entspringt. Und genauso, wie es Milliarden friedlicher, braver, frommer Muslime auf dieser Welt gibt, gibt es vermutlich einige Millionen Kommunisten, die ihre Überzeugungen völlig ungefährlich ausleben. Berechtigt all das zu der Feststellung, dass Islamismus und Kommunismus harmlose Doktrinen seien?

Patrick Bahners, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bringt an diesem Wochenende sein Buch „Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam“ (Verlag C.H. Beck) in die Buchläden, und sein Kollege Thomas Steinfeld vom Feuilleton der Süddeutschen Zeitung hat ihm dazu schonmal vorab gratuliert. Im Visier: Die „Islamkritiker“ wie Necla Kelek, Henryk M. Broder oder die Holländerin Ayaan Hirsi Ali, die als “ vebale Eingreiftruppe“ im Dienste eines vermeintlichen antiislamischen McCarthyismus gesehen werden. Vor allem der Furor, mit dem hier gegen „die Islamkritik“ und den dahinter vermuteten Rassismus zu Felde gezogen wird, verstört einigermaßen.

Bahners versucht dabei zunächst in seinem Essay jeglichen Verweis auf mögliche textliche Quellen von Hass, Aggression, Autoritarismus und Alleinvertretungsanspruch des Islam in Koran und Hadithen mit theologischer Einordnung zu widerlegen. Das ist scharfsinnig, wenn auch nicht immer lesefreundlich aufgeschrieben, geht aber am Kern der Debatte vorbei. Theologische Texte sind kryptisch und widersprüchlich und entfalten ihre konstruktive oder destruktive Wirkung vor allem durch die Katalyse der Zeit, in der sie stehen und gelesen werden. Christi Liebesbotschaft und der „Neue Bund“ in den Evangelien haben das Christentum nicht vor Kreuzzügen und Inquisition bewahrt, und all die Manifeste zur Befreiung der werktätigen Massen haben praktizierende Sozialisten/Kommunisten nicht davon abgehalten, gerade auch jene Massen zu meucheln und auszuhungern.

Nachdem im Namen des Islam in relevanter Qualität und Quantität gemordet und Terror gesät wurde, ist offensichtlich, dass diese tödliche und Drangsalieruns-Potenz auch diesem Denkgebäude innewohnen kann, wenn es im richtigen Zeitgeist-Kontext angespielt wird. Es ist also „nicht sehr hilfreich“ – um einen Terminus der Kanzlerin zu verwenden – wenn Bahners und Steinfeld nun viel Energie an den Nachweisversuch verwenden, dass der Islam auf gar keinen Fall Hintergrund und Ursache des islamistischen Terrors sein könne. Er kann, wie man gesehen hat, und die spannende, wichtige Frage ist, unter welchen Bedingungen er es tut. Anstatt den Islam als rein und unschuldig gegen Leute zu verteidigen, die den Autoren ganz offensichtlich in vielerlei Hinsicht nicht passen, wäre es produktiver darüber nachzudenken, ob und wie man Exzesse, diesmal im Namen des Islam, verhindern kann.

Die politische Stellung der islamischen Welt gegen den Westen ist hier ebenso mit Sorge zu betrachten, wie die Tatsache, dass sich reformatorische Strömungen mit namhaften Vordenkern im Islam derzeit nicht ausmachen lassen. Hinzu kommt, dass die Einordnung von Religion in eine säkulare Welt zwangläufig einen Verlust an Verbindlichkeit mit sich bringt, den viele Muslime in der westlichen Welt mit einer gewissen Verachtung beobachten und mithin aus der Hermetik ihres eigenen Glaubens eine gefühlte Überlegenheit ziehen, die ihnen im weltlichen Alltag bitter fehlt.

Kurz: Kommunismus, Christentum, Islam und etliche andere –ismen haben längst ihre Unschuld verloren, und es ist genauso demagogisch, in Talkshows zu behaupten, der bisherige Kommunismus sei gar nicht der richtige gewesen, wie es fahrlässig ist, den Islam leichthin aus der aktuellen Problemzone wegzuloben. Islamkritik, Kritik am Islam und Auseinandersetzung mit ihm ist heute wichtiger denn je. Auch, um den braven Gemüsehändler von den Attas und den gutwilligen Gewerkschafter vor den Wagenknechts zu bewahren.

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5 Antworten to “Thema verfehlt: Pamphlete wider die Islamkritik”

  1. C.S. Merten Says:

    Quis haec leget?

    (Als Donaldist hatte Bahners prima Brot und Arbeit in Entenhausen gefunden. Warum will er jetzt mehr? Warum genügt ihm das nicht? Ich begreif’s einfach nicht.)

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  2. Carlos Chilipimmel Says:

    So widersprüchlich ist der Koran nun auch wieder nicht.
    Wie Kleine-Hartlage sagt: da in fast jeder Sure „von der Trennung von Gläubigen und Ungläubigen die Rede ist und davon, dass die Ungläubigen minderwertig sind und in die Hölle kommen, dann gehe ich davon aus, dass das ein wichtiges Thema ist. Und weil es sich eben wie ein roter Faden durch den Koran zieht etwas ist, das die Weltauffassung von Muslimen prägt. Eine Korananalyse, die diesen Gesichtspunkt unterschlägt, ist schlechterdings nicht seriös.“
    Die Auswirkungen des Normensystems dieser Religion sind eine Katastrophe, die Heftigkeit, mit der religigiöse Normen wie z.B. das Kritikverbot sogar bei im Westen lebenden Feiertagsmuslimen verankert ist, ist bemerkenswert, ein Grund sich Sorgen zu machen.

    Patrick Bahners hätte sich besser weiter mit Donald Duck beschäftigt, was ich von ihm gelesen habe war unterirdisch. Der Verlag musste anscheinend auch noch Sarrzins Coverlayout klauen.

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    • ralfschuler Says:

      Eine Debatte über derartige Prägungen wäre in der Tat interessant. Im Christentum wird der Bann gegen Ungläubige etc. heute theologisch vor allem als moralischer Anspruch an den Gläubigen gesehen. In altertümlichen Worten soll gesagt werden: Richte dich an den hohen Idealen Christi aus, damit du nicht zu denen gehörst, die Schlechtes in der Welt tun. Hier ist die Unterscheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen geschickt von der aggressiven Komponente gegen Dritte befreit worden, die ja in der Tat viel zu einfach ist und von den Anstrengungen für die eigene Besserung nur ablenkt. Ich fand bei Bahners aber auch die Einlassungen zur Taqiya (Selbstverleugnung des Gläubigen unter Ungläubigen zu Tarnungszwecken) eher oberflächlich. Wer in Ländern eine bestimmten muslimischen Prägung arbeitet, stößt sehr schnell auf eine seltsame Wahrheitskultur, die das Recherchieren und Berichten für Journalisten sehr schwer macht. Zahlen und Ereignisse werden je nach Gegenüber ausgeschmückt, Dolmetscher und Begleiter hängen sich mit großer Inbrunst an den Gast sind äußerst eilfertig, die vermutete Sicht des Reisenden zu bestätigen. Ich weiß nicht, ob das mit den meist schwierigen Verhältnissen in solchen Ländern zu tun hat oder mit einer von der Taqiya mitgeprägten Weltsicht, die Flexibilität der Meinungen gerade auch im Umgang mit anderen für normal hält und auch gar keinen anderen Anspruch an Wahrhaftigkeit erhebt. Am schlimmsten war es in Afghanistan, wo einem so abenteuerliche Geschichten erzählt werden, und man beispielsweise Verdacht schöpft, wenn sich herausstellt, dass der Erzähler gut russisch spricht. Schnell ergeben dann Nachforschungen, dass auch mit den Taliban gut zurecht kam und nun den internationalen Truppen sehr hilfreich ist. Und das ist kein Einzelfall.

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  3. Carlos Spicywiener Says:

    Mattussek im Spiegel zu Bahners/Steinfeld.
    http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,746473,00.html

    Das sitzt.

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