Die Ethik der Angst

Angst ist ein guter Ratgeber, wenn man auf Unbekanntes trifft. Seit der ersten Begegnung mit einem Mammut, ist der Mensch gut beraten, seine Gegenüber erst einzuschätzen, bevor er den Kampf mit ihnen aufnimmt.

Angst ist ein schlechter Ratgeber, wenn es um den Umgang mit bekannten Phänomenen geht. Hier hilft der Verstand in der Regel weiter. Angst ist oft trügerisch. Oder wie ist zu erklären, dass vor dem Straßenverkehr niemand Angst hat, obwohl in den letzten fünfzig Jahren allein auf Deutschlands Straßen mehr Menschen starben als Bielefeld Einwohner (325 000) hat? Man kann es damit erklären, dass es ein vereinzelter Tod ist, kein Massensterben und damit, dass jeder glaubt, es werde ihn schon nicht erwischen. Und doch ändert das nichts daran, dass der Tod im Straßenverkehr ein manifestes Risiko ist und kein restliches. Beim Strahlentod hingegen, gehen die meisten Deutschen davon aus, dass er sie erwischen könnte. Das ist zumindest seltsam.

Allein schon der Vergleich von friedlicher Atomkraft und Verkehrstoten (weltweit Jahr für Jahr mehr als 600 000) wird gemeinhin als zynische Zumutung empfunden, obwohl selbst bei konservativster Rechnung daran nicht so viele Menschen gestorben sind. Auf die Idee, dass an der Risikowahrnehmung etwas nicht stimmen könnte, kommt hierzulande trotzdem niemand.

Nun gut, wenn die Deutschen nun mal möglichst sofort aus der Kernenergie aussteigen wollen, sei es halt so. Demokratie ist keine Wahrheitskommission und kein Expertenrat, sondern Mehrheitswille. Ethikkommission hin oder her – auch sie wird den Menschen nicht sagen: Leute, ihr spinnt und habt einen Flitz mit dem Atom. Ganz einfach wird das mit dem Ausstieg allerdings nicht werden, schließlich müssen drei Energielücken gleichzeitig gefüllt werden:

Erstens muss die Energie ersetzt werden, die durch die abgeschalteten Atommeiler wegfällt.

Zweitens muss die zum Erreichen der ehrgeizigen deutschen Klimaziele der Kohle-Komplex der Energiewirtschaft kompensiert werden.

Und drittens wird der Energiebedarf der Industrienationen in absoluten Zahlen weiter steigen. Und auch dafür muss zusätzliche Energie her.

Letzteres liegt zum Beispiel daran, dass angeblich die nächste Generation des Automobils elektrisch betrieben wird. Auch nach dem Atomausstieg bleibt das Auto so tödlich wie bisher, aber wenigstens ist dann sein Antriebsstrom nicht mehr so mordsgefährlich.

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12 Antworten to “Die Ethik der Angst”

  1. Henning Schluß Says:

    Vielleicht ist es hilfreich, nicht nur den Aspekt des Risikos allein zu betrachten – denn ein Risiko um des Risikos willen wird man eher nicht eingehen, jedenfalls nicht wenn man gesamtgesellschaftlich rational argumentiert und nicht über FAllschirmspringen als Hobby spricht – sondern den Nutzen mit hinzuzieht. Dann verändert sich die Perspektive – zwar kann man argumenteiren, das vielleicht die Hälfte allen Straßenverkehrs überhaupt vermeidbar wäre, aber wenn man von A nach B kommen will ist es zuweilen schon von Vorteil, wenn man nicht nur laufen oder radfahren muß. Wenn ich also individuelle, schnelle und komfortable Fortbewegung überhaupt will, dann müssen wir damit verbundene Risiken in Kauf nehmen, auch wenn wir uns bemühen sollten, sie zu reduzieren (vom Airbag bis zur Tempo 30 Zone). Beim Atomstrom ist der Nutzen Elektronergie. Das ist auch eine feine Sache. Wenn ich die gleiche Elektroenergie aber risikoärmer produzieren kann und wenn ein eintretendes REstrisiko der einen Energieerzeugungsart erheblich katastrophalere Folgen haben kann als das einer anderen Energieerzeugungsart, weshalb sollte man dann, bei gleichem Nutzen, die risikoreichere wählen? Wieder gibt der Nutzen die Antwort, aber nicht der gesellschaftliche, sondern der der großen Kraftwerksbetreiber, die mit ihren abgeschriebenen Kraftwerken quasi GEld drucken können und diese Gewinne privatisieren (sieht man mal von der Brennelementesteuer ab) und die Risiken vergesellschaften, wie man jetzt in Japan fein beobachten kann. Kernkraftwerk kaputt, Radioaktives Wasser wird ins Meer gelassen – damit alle was von haben und der Konzern wird verstaatlicht. In BA-WÜ hat ein jüngst abgewählter Ministerpräsident mal versucht, auch von den GEwinnen zu profitieren, das ist nun allerdings danaben gegangen und wieder dürfens die Bürger ausbaden, weil nun sie die VErluste des verstaatlichten Energiekonzerns tragen dürfen.

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    • ralfschuler Says:

      Lieber Herr Schluss, niemand macht Atomstrom zur Glauenssache. Es ist eine Technologie mit Risiken, wie jede andere Technologie. Und es gibt auch niemanden, der neue Akws bauen will, obwohl das vielleicht weniger riskant wäre, als der Betrieb der alten Meiler. Wir steigen langsam aus dieser Technologie aus und gehen zu anderen über. Das kann man mit kürzeren oder längeren Laufzeiten tun. Das Argument des „Abgeschriebenen“ verstehe ich nicht: Es ist ein Steuer-Terminus, der darauf verweist, dass die materiellen Anlagen aus den Bilanzen turnusmäßig abgeschrieben sind. Es sagt nichts über den Sicherheitsstandard aus, und ich wüsste wirklich nicht, warum man einem Unternehmen das Geldverdienen verbieten sollte. Sie werfen Ihren Computer ja auch nicht weg, wenn Sie ihn in fünf Jahresbeträgen zu zwanzig Prozent des Kaufpreises von der Steuer abgesetzt haben. Rational und volkswirtschaftlich sinnvoll wäre eine harte Sicherheitsüberprüfung bei den Akws und der maßvolle Weiterbetrieb. Gern könnte man dabei noch mehr Druck auf den viel zu geringen Wettbewerb unter den Erzeugern machen. Man kann aber schlecht die Brennelementesteuer abschöpfen wollen und die Meiler gleichzeitig dicht machen und Milliardeninvestitionen in Netze fordern.

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  2. aron2201sperber Says:

    in den deutschen Medien wurde Auschwitz von Fukushima als Ort des absoluten Grauens abgelöst:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/03/29/kein-mittagessen/

    auch wenn durch Fukushima bislang noch kein einziger Mensch getötet wurde…

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  3. Tanja Krienen Says:

    Zu den Lebensrisiken, dieses Video –

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  4. uniquolol Says:

    “…Oder wie ist zu erklären, dass vor dem Straßenverkehr niemand Angst hat, obwohl in den letzten fünfzig Jahren allein auf Deutschlands Straßen mehr Menschen starben als Bielefeld Einwohner (325 000) hat?…”

    Schirrmacher hat in der FAZ eine Erklärung versucht, hier ein kleiner Auszug:

    “…Die Menschen des 21. Jahrhunderts leben in permanenter Risikoabwägung, nicht weil sie Sicherheitsfanatiker sind, sondern weil Risiken normativ geworden sind. Deshalb geht beispielsweise kaum noch jemand, ohne nach rechts und links zu sehen, über eine befahrene Straße. Dennoch gehen die Menschen über Straßen, wenn auch in der Regel nicht über Autobahnen. Ein Risiko eingehen heißt eben immer, sich Chancen auszurechnen. Die Heuristik, die Menschen anwenden, um derartige Risiken zu bewerten, hat Gerd Gigerenzer in anderem Zusammenhang definiert: „Vermeide Situationen, in denen viele Menschen zu einem Zeitpunkt ums Leben kommen.“ Der Satz „Risiko gehört zum Leben“ meint aber im Fall des Super-GAU: Du musst damit rechnen, dass du, deine Familie und womöglich deine Nachkommen eines Tages alle auf einmal überfahren werden…”
    http://m.faz.net/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E02AA44CC26634CBDB7322680CADEA714~ATpl~Epartner~Ssevenval~Scontent.xml

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    • ralfschuler Says:

      Das ist plausibel. Aber selbst der seltene Tod ganzer Familien ist im Straßenverkehr deutlich häufiger als der Strahlentod. Familien müssten unter Berücksichtigung dieser These möglichst getrennt in den Urlaub fliegen. Tun sie – zumindest nach meiner Erfahrung – nicht.

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  5. AMUNO Says:

    Hi,

    also ich würde es auch ein wenig differnzierter sehen, dann wenn wir uns betrachten, welche Massenauswirkungen ein atomares Unglück hat und auf welche Weise man danach schleichend stirbt, finde ich eine gesunde Angst nicht unbegründet.
    Mittlerweile stirbt bei uns jeder 4. an Krebs, was in anderen Ländern völlig unbekannt ist. Sicherlich liegt dies zum einen Teil auch an der Ernährung und am Lebensstil, allerdings muss man hier auch andere Ursachen finden. Wenn ich mich an Tschernobyl zurückerinnere und welche Wahrheiten verbreitet wurden, wird mir doch recht Bange. Hier mal eine kleine Reportage über damals: http://www.literaturasyl.de/politik/die-wolke-tschernobyl-und-die-folgen/
    Damit möchte ich vor allem drauf hinweisen, dass in der Folge von Tschernobyl zum Beispiel Schilddrüsenkrebs nachweislich überdurchschnittlich zugenommen hat und dies auch bei uns in der BRD.
    Es gibt bei einem solchen atomaren Unfall einfach keine Schutzmaßnahmen, die man ergreifen könnte und die Gesellschaft hat dann tausende Jahre mit dieser einen Entscheidung zu leben.

    Sicherlich sollte ein Ausstieg gesittet ablaufen, dies istr ja nicht die Frage. Eine Hysterie ist auch nicht angebracht, allerdings finde ich den Ausstieg nicht schlecht.

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    • ralfschuler Says:

      Das Problem an der Debatte ist aber doch, dass hier meistens zwei Dinge verwechselt werden: Die gravierenden Folgen stellt ja niemand in Abrede. Die Frage ist doch aber, wie hoch das Risiko ist, dass der Unfall eintritt. Die Debatte müsste also eigentlich darum gehen, wie das Risiko so weit minimiert werden kann, dass es hinreichend klein ist. Der Weg, Gefahren auszuschließen, indem man sie komplett aus der Welt schafft, ist in den meisten Fällen nicht gangbar, und er wäre auch im Falle des sofortigen Ausstieges eine Illusion, weil ja die Reaktoren vorhanden sind. Soweit ich es sehe, gibt es auch niemanden, der zwanghaft Meiler betreiben wollte, wenn es nicht nötig wäre.

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      • ralfschuler Says:

        Ein ausgezeichneter Beitrag zum Thema findet sich in der „Welt“ von Matthias Kepplinger, Professor für empirische Kommunikationsforschung. Dass er für den Einstieg meinen Blog gelesen haben könnte, ist wahrscheinlich Zufall….

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      • roerijk Says:

        „Die gravierenden Folgen stellt ja niemand in Abrede. Die Frage ist doch aber, wie hoch das Risiko ist, dass der Unfall eintritt. “

        Wenn die gravierenden Folgen eines Unfalls niemand in Abrede stellt, dann sicherlich auch nicht die Folgen, welcher aus dem Abbau, der Weiterverarbeitung von Uran (erhöhtes Lungenkrebs- und Leukämierisiko der betroffenen Bevölkerung, Kontamination von Oberflächen- und Grundwasser durch Uran und andere Schwermetalle, sowie Arsen), sowie der regulären und legalen Freisetzung von Radionukliden durch die Wiederaufarbeitung von Brennelementen (insbesondere die Verklappung durch Einleitungen in den Atlantik durch La Hague und Sellafield) resultieren. Gerade diese Folgen stehen denen eines Unfalls, wie Majak oder Tschernobyl in kaum etwas nach. Sie sind in Deutschland nur kaum (medial) präsent.

        Entsprechend kann man auch nicht die Folgen des regulären Betriebs von Kernkraftwerken in Abrede stellen, welche das Bundesamt für Strahlenschutz anerkannt hat (siehe http://www.bfs.de/de/kerntechnik/kinderkrebs/stellungnahme_kikk.pdf).

        Also ist das Problem an der Debatte nicht die Wahrscheinlichkeit von Unfällen, sondern dass sich bereits reale, statistisch signifikante Gefährdungen durch den Regelbetrieb von Kernkraftwerken und der Brennstoffbeschaffung ergeben, welche aber in der Diskussion (vor allem bei den Kernkraftbefürwortern) keinen Platz zu finden scheinen.

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      • ralfschuler Says:

        Die Studie ist allerdings bekannt – vor allem, weil sie ein wissenschaftliches Mysterium ist. Sie kommt selbst zu dem Schluss, dass die messbare Strahlenbelastung rund um die Meiler zu gering ist, um als Ursache in Betracht zu kommen. Die Frage ist also: Was belegt sie? Statistisch ist es auch recht schwierig, eine „signifikante“ Abweichung zu konstatieren, die aus einem Fall besteht. Was das Verdrecken von Oberflächen- und Grundwasser, Schwermetalle etc. betrifft, ist der Uranabbau in bester Gesellschaft mit Öl-Förderung, Coltan-Bergbau und etlichen anderen Rohstoffquellen. Es spricht einiges dafür, dass der Uran-Abbau in dieser traurigen Rangliste eher ein kleines Problem ist.

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      • roerijk Says:

        1. Ich habe nichts von Strahlung geschrieben und auch nicht auf die KiKK-Studie verwiesen, sondern auf die Rezeption durch das BfS. Die Studie zeigt deutlich eine Korrelation zwischen der Nähe zu einem Kernkraftwerk und das Risiko für Kinder an Leukämie zu erkranken, und das, obwohl die Studie die herangezogenen Daten sehr einschränkt und fälschlicherweise eine zu große Bezugsbasis nimmt – was beides von den vom BfS bestellten Gutachtern zur Studie zu recht moniert wird. Das ist ausreichend. Nimmt man eine größere Datenbasis (sprich: einen größere Radius um die Kraftwerke) und wählt die richtige Bezugsbasis, dann werden die Auswirkungen deutlicher. Einer der Gutachter, Prof. Eberhard Geiser, bezeichnete dieses Schönrechnen durch die Verfasser der Studie sogar als „Schmu“.
        2. Wenn die Daten einer Studie so eindeutig in eine Richtung weisen, kann man nicht einfach behaupten, dass sie eine „wissenschaftliche Merkwürdigkeit“ sei, nur weil sie wissenschaftlichen Annahmen widerspricht. Das ist unsachlich und vor allem unwissenschaftlich, weil es in diesem Fall zwei Möglichkeiten gibt: Entweder sind die Daten falsch (was in diesem Fall nicht möglich ist, weil es keine Meßdaten sind, sondern die Anzahl an Fällen) oder die wissenschaftliche Annahme. Ausserdem decken sich, wie die Gutachter feststellten, die Resultate mit denen anderer Untersuchungen zu dem Thema. Schon alleine aus diesem Grund kann man radioaktive Strahlung nicht einfach ausschließen, zumal der Schluss der Verfasser der Studie den Zahlen widerspricht. Dies kritisierte beispielsweise auch Prof. Rudi H. Nussbaum, welcher sein Jahrzehnten die radiotoxischen Auswirkungen gering-dosierter Strahlung erforscht, und der zum Schluss kommt, dass die Gefahren durch gering-dosierte Strahlung allgemein unterschätzt wird. Diese Meinung setzt sich so langsam durch, so auch in der ICRP. Die KiKK-Studie wäre eigentlich nur ein weiterer Beleg dafür.
        3. Es ist unsachlich zu behaupten, es ginge „nur um einen Fall“, es geht um signifikante Risiken, teilweise ist es fast eine Verdopplung des Leukämierisikos gegenüber dem Durchschnitt für Kinder unter 10 Jahren. Aber auch für Kinder über 10 Jahre ist das Risiko „deutlich höher“. Die Zahl der relevanten Fälle beträgt über 1.500, seit Erfassung durch das Kinderkrebsregister. Die logische Konsequenz wäre es, diese Untersuchung auszuweiten – das ist auch der Schluss des BfS. Nicht so der Schluss der Verfasser der Studie oder die Atomlobby. Übrigens ist einer der Verfasser Dr. Peter Kaatsch, der hin und wieder auf Veranstaltungen der Atomwirtschaft Vorträge hält.
        4. Wenn es um die Risikobewertung der Kernkraft geht, dann haben alle Risiken der kompletten Prozesses erfasst zu werden. Vom Uranabbau bis hin zur ungelösten Entsorgungsfrage. Die Erdölförderung oder der Abbau von anderen Rohstoffen stehen hier nicht zur Debatte – der Hinweis, woanders sei es schlimmer, kann also kein Argument für den Uranabbau und somit für Kernkraft sein. Das wäre unsachlich.
        5. Welche Schäden der Uranabbau im Vergleich zu anderem Bergbau anrichtet, kann man ganz gut an den Schäden ausmachen, welche einst im größten Uranabbaugebiets der Welt entstanden sind, und gleichzeitig mit beispielsweise dem Braunkohleabbau vergleichen: Die Sanierung der Abbaugebiete der Wismut in Thüringen und Sachsen läuft seit gut 20 Jahren und hätte eigentlich 2020 abgeschlossen sein sollen, was aber nicht vor 2040 der Fall sein wird. Die Sanierung ist notwendig, weil die riesigen Abraumhalden und Tailingsseen Radon freisetzen und Uran-, Radium- und Thoriumstaub verteilen können, sowie das Oberflächen- und Grundwasser kontaminieren. Kosten bis 2020: 6,5 Mrd. Euro. Dass dies keine reine DDR-Angelegenheit war, sondern „klassenübergreifender“ Wahnsinn darstellt, kann man an anderen Abbaugebieten (Niger, Russland, Kasachstan, Gabun, Australien, USA) betrachten. Auch, dass diese Minen und der Abraum eine gesundheitliche Gefahr darstellen (Erhöhung des Krebsrisikos um mehr als 60%, Erhöhung der Nicht-Krebserkrankungen). Eine ähnliche Gefährdung durch Kontamination mit Giften ergibt sich beim Abbau von Kupfer, Wolfram, Vanadium oder Chrom, und teilweise bei der Erdölförderung in Dritte-Welt-Ländern, wie beispielsweise in Nigeria. Der Koltanabbau hat zwar im Kongo viel Regenwald vernichtet, ist aber kein Vergleich. Schon gar nicht an der Verseuchung ganzer Landstriche gemessen.
        6. Es gibt einen gehörigen Unterschied zwischen dem Abbau von Uran und dem Abbau anderer Rohstoffe. Kupfer, Tantal und andere Rohstoffe kann man recyclen und wiederverwenden. Sie dienen auch nicht als Brennstoff. Uran kann man nur sehr eingeschränkt wiederverwerten und trotz aufwändiger, kostenintensiver Wiederaufbereitung bleiben dann Plutonium, Uran-238 (welches man höchstens verwenden könnte, um mehr Plutonium zu erbrüten) und 1% hochradioaktiver Stoffe, welche auf jeden Fall entsorgt werden müssen. Insgesamt müssen über 90% des Materials aus Brennelementen entsorgt werden. Wiederaufbereitung ist zudem wasser- und energieintensiv und kommt offensichtlich nicht ohne die Freisetzung von radioaktivem Material aus, welches durch Einleitung in den Meeren verklappt wird. Dazu kommt, dass man die benötigte Menge an Uran im Schnitt aus gut der hundertfachen Menge Gestein gewinnen muss. Um an dieses Gestein, muss man wiederrum ungefähr die 10-fache Menge Gestein bewegen.
        7. Nukleare Unfälle sind selten. Das ist gut so. Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit mbH (GRS) rechnet mit einem Restrisiko für einen auslegungsüberschreitenden Unfall von 0,0026%/Jahr. Ohne Berücksichtigung von Naturkatastrophen, Anschlägen oder menschlichem Versagen. Hochgerechnet auf die weltweit aktiven 442 Reaktoren ergibt dies 1,15% pro Jahr. Auf die Lebenszeit eines Kraftwerks (~40 Jahre) ergibt dies ein Risiko von knapp 46% – oder anders ausgedrückt: Alle 87 Jahre kommt es bei derzeit 442 aufgrund des „Restrisikos“ zu schweren Unfällen. Wohlbemerkt: Bei der Betrachtung sehr eingeschränkter Szenarien. Die Wirklichkeit hat mehrfach bewiesen, dass sie sich daran nicht hält. Das Bundesamt für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit rechnet bei einem Kernreaktor mit einem auslegungsüberschreitenden Unfall einmal in 10.000 Jahren. Auch andere Stellen rechnen gerne mit der Zahl. Rechnet man diese Zahl auf die Reaktoren weltweit hoch, dann ergibt sich statistisch alle 22,6 Jahre ein schwerer Reaktorunfall. Das ist eine greifbare Größe und keine hypothetische Gefahr mehr. Gefahren durch Unfälle in andere n kerntechnischen Anlagen nicht eingerechnet – wie beispielsweise gebrochene Tailingsdämme (Niger 2010, Church Rock Mill Spill 1979) oder zerstörte Lagerungs- oder Produktionseinrichtungen (Majak 1957, Knoxville 1959, Rocky Flats 1969, Tomsk 1993, Tokaimura 1999).
        8. Bei Risiken muss man unterscheiden, ob jemand um das Risiko weiss und das Risiko einschätzen kann, oder nicht. Man muss auch unterscheiden, zwischen individuellen und kollektiven Risiken. Wenn ich morgens mit dem Auto zur Arbeit fahre, weiss ich darum, dass ich eine gefährliche Maschine bediene und ich beispielsweise ein Kind überfahren oder in den Gegenverkehr und eine fünfköpfige Familie töten könnte. Ich habe dies nicht ständig im Kopf und ich kann auch meine Fahrkünste überschätzen, aber ich weiss um das Risiko. Ich kann auch entscheiden, wieviel Risiko ich eingehe. Es liegt teilweise in meiner Hand. Risiko und auch Umweltschäden, sind darüber hinaus zumindest teilweise über Versicherung und Steuern (was mit dem Geld passiert ist etwas anderes) eingepreist. Anders Kernkraft: Die Risiken sind nicht überschaubar, lassen sich nicht kalkulieren, die Gefahren betreffen ein größeres Kollektiv an Menschen und sind nicht versicherbar, geschweige denn versichert. Auch Schäden sind nicht eingepreist. Selbst ein Großteil der Rückbau und Entsorgungskosten sind nicht im Strompreis enthalten. Da die Auswirkungen weitreichend sind, kann ich mich auch nicht wirklich dem Risiko entziehen, selbst dann nicht, wenn ich nicht mehr Nutznießer der Technologie sein sollte. Das macht die Sache nicht mit dem Straßenverkehr oder ähnlichem vergleichbar. Allein der Vergleich ist absurd, von den Tatsachen abgesehen.
        9. In Dänemark, Österreich und Italien wurde das Volk gefragt, ob es die Risiken tragen will, mit dem Resultat, dass Dänemark und Österreich die Kernkraft erst gar nicht genutzt haben und Italien ausgestiegen ist. Die Tatsachen so verdrehen zu wollen, dass Kernkraft nur in Deutschland abgelehnt werde, und dafür keine sachlichen Gründe existierten, wäre fast schon lächerlich, wenn die Thematik nicht so ernst wäre.
        10. Wer mit Kleinreden und Verächtlichmachung argumentieren muss, kann nicht recht behalten.

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