Archive for Mai 2011

Merkels Stimmungspolitik – eine intellektuelle Beleidigung

Mai 31, 2011

Ein allzu schlechter Trickbetrüger diskreditiert den Betrogenen. Wenn man schon übers Ohr gehauen wird, will man sich wenigstens damit trösten, dass es ein Meister seines Faches war, der einen da ausgenommen hat.

Bei Angela Merkels Atom-Ausstieg kann man das nicht behaupten, und so ist es denn vor allem die intellektuelle Beleidigung, die einem nach Laufzeitenverlängerung und Turbo-Ausstieg in Aversionen stürzt. Welche Meinung darf’s denn sein? Wir haben sie alle! Wenn man sich nicht einmal mehr die Mühe macht, den Bürger mit raffinierten taktischen Volten zu beeindrucken, fühlt man sich denn doch als allzu dämliches Stimmvieh vera….lbert. Soll ich wen wählen, der mich für bekloppt hält?!

In der Sache, war die Laufzeitenverlängerung durchaus sinnvoll, weil sie einen durchdachten Umstieg auf erneuerbare Energien nach bester konservativer Art ermöglichte: Diese Ressourcen, diese Infrastrukturen stehen zur Verfügung, also kann man die entsprechenden Kapazitäten Schritt für Schritt abschalten. Nun wird ein hochkomplexer 10-Jahres-Plan beschlossen – der ehrgeizigste seit Lenin mit seinem GoElRo Russland elektrifizieren wollte – bei dem niemand wirklich sicher ist, dass es funktioniert.

Psychologisch beugt sich Merkel einer Stimmung, die zwar nachvollziehbar aber nicht logisch ist: Wer mit dem Flugzeug unterwegs ist, muss das Restrisiko Absturz in Kauf nehmen. Da die eigene Auslöschung der größte Unfall jedes Individuums ist, ist das Beispiel durchaus mit einem Atom-Gau vergleichbar. Wenn einem der Vorteil (schnelle Reise, umweltfreundliche Energie) in beiden Fällen das Restrisiko nicht wert ist, muss man aussteigen. Kann einem aber irgendwer erklären, warum man von nun an zehn Jahre friedlich neben den deutschen (polnischen, französischen, tschechischen etc.) Atomkraftwerken vor sich hin lebt, wenn die Meiler eine nicht hinnehmbare Bedrohung sind? Und wenn zehn Jahre, warum nicht zwölf oder vierzehn? Es gibt nur zwei plausible Gründe, warum irrationale Ängste ernstgenommen werden: Therapie oder Ausnutzung.

Geradezu absurd und in der Durchschaubarkeit eine regelrechte Verhöhnung der Öffentlichkeit ist die Tatsache, dass eine „Ethikkommission“ über Laufzeiten und Reaktorsicherheit befindet und dann ernsthaft als Entscheidungsfundament der Politik herangezogen wird. Eine dreistere Verdummung hat es lange nicht gegeben! Was bitte schön, qualifiziert denn eine Ethikkommission zu Risikoabwägung und  Laufzeitenabschätzung? Wird sie demnächst auch über technische Risiken der Kohlendioxid-Verpressung befinden, die Sinnhaftigkeit neuer Raumfahrt-Missionen begutachten oder dem Novartis-Konzern neue Wege in der Polymerforschung anempfehlen? Ebensogut hätte man die vatikanische Glaubenskongregation um ein Votum bitten können.

Unredlich ist dieser Coup aber vor allem, weil ganz offensichtlich ist, dass von den Akteuren niemand daran glaubt. Alle Experten und die meisten Vertreter der Koalition geben (in Hintergrundgesprächen) zu, dass sich nicht die Sicherheitslage der deutschen Meiler nach Fukushima verändert hat, sondern die Risikowahrnehmung. Im Klartext: ,Wir reden euch nicht mehr nur nach dem Mund, wir handeln auch danach.’ Eine Methode, die unter dem Titel Populismus etwas unappetitlich klingt und deshalb nun mit umso forscherem Durchregieren der mehr als angebrachten Zweifel enthoben werden soll. Wäre ich überzeugter Atomkraftgegner, würde ich mir von Laufzeitverlängerern keinen Green-Deal verkaufen lassen. Wäre ich Merkel, würde ich es auch nicht versuchen. Aber inzwischen beginne ich zu verstehen, warum die Masche mit dem vermeintlichen Lotto-Gewinn, den man sich auf einer Bus-Reise abholen muss, immer noch zieht. Womit wir wieder bei den Trickbetrügern wären…

 

 

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Männer, Macht und Moral

Mai 29, 2011

Selbstbetrug ist der schönste Betrug, weil man die Welt damit immer ein wenig besser machen kann. Die eigene zumindest. Gut zwei Wochen ist die Verhaftung von IWF-Chef Dominique Strauß-Kahn (DSK) nun her; hat spielend die Erledigung des Falles Bin Laden aus den Schlagzeilen verdrängt und beschäftigt Talkshows und Kommentatoren bis heute. Vor allem eines treibt die Zunft der professionellen Denker und Erörterer um: die knisternde Allianz von männlicher Macht und Sex.

Dabei steht am Anfang stets die Verwunderung darüber, wie ein Mensch mit Niveau und Erfolg sich zu derartigen Übersprunghandlungen hinreißen lassen könne. Alles erreicht und alles zerstört mit einem triebhaften Aussetzer. In der zweiten Stufe gibt es die Erklärungsversuche, die – wie immer in solchen Fällen – dem Weltsicht-Schema des Autors folgen. „Männliche Dominanz“ ist so ein Standard-Topos, der im Meinungshauptstrom so nahe liegt, dass eigentlich misstrauisch werden müsste, wer immer sich danach bückt, um ihn publizistisch aufzuheben: Männer, zumal solche die es weit gebracht haben, betrachten die Welt inklusive ihrer Mitmenschen als als Werkzeugkasten mit unbeschränktem Zugriffsrecht. Außerdem werde Sex als Ausübungsform von Macht betrachtet und angewandt.

Das alles mündet dann – man ahnt es schon – in mehr oder minder deutlichem Votum für die Frauenquote. Schließlich sind Übergriffe leitender Frauen auf männliche Mitarbeiter kaum überliefert, ebensowenig wie Frauentagsausflüge mit reichlich Strippern oder Sex-Parties auf dem Landsitz von Margareth Thatcher.

Tatsächlich spricht nicht besonders viel für die Theorie der „reaktionären Männer“. Denn wer es an die Spitze schafft, tut dies meist gerade durch besonders raffiniertes Spielen auf der Klaviatur der gesellschaftlichen Regeln, während der Aufstiegs-Rambo schon auf den ersten Metern scheitert. Sex zur Demütigung der weiblichen Umgebung ist aus Bürgerkriegen bekannt, dürfte in westlichen Breiten aber rasch zu Ächtung und Ausschluss aus der Gemeinschaft führen.

Viel naheliegender ist eine andere, freilich weniger gut ins Stanzen-Portefeuille passende und nicht sehr angenehme Erklärung: Die gesellschaftlich plakatierte und idealisierte Sexualmoral passt auf breiter Front mit der realen Biologie der Triebe nicht zusammen. Zumindest ist der Firnis über dem gewollten Lieben und dem gelebten Leben doch deutlich dünner, als man sich das vielfach eingestehen möchte.

Indizien: Peter Hartz und die brasilianischen Bordellbesuche der VW-Gewerkschafter, der Fall Michel Friedman, Beckenbauer, Israels Präsident Moshe Katzav, Berlusconi, die Berliner Ausflüge des Horst Seehofer, Mehrfach-Ehen nach dem Schröder-Fischer-Modell, das Beziehungs-Karussell zahl-reicher Prominenter, die es sich leisten können, Partnerschaften durch frische Partner frisch zu halten… Degenerierte Eliten, könnte man einwenden. Mag sein, aber es ist eben auch ein Hinweis darauf, dass Männer, wo sie Gelegenheit dazu haben, eine Triebstruktur ausleben, die in den akzeptierten Vorstellungen niveauvoller Partnerschaft kaum vorkommt.

Und es sind nicht nur „die da oben“: Deutsche Hurenverbände (keine Schmähung, so nennen sie sich selbst) gehen von 1,2 bis zwei Millionen Besuchen bei Prostituierten täglich aus. Bei geschätzten vierzig Millionen deutschen Männern wären das bis zu fünf Prozent.

Und wer beim Hotelpersonal mal dezent nachfragt, kriegt ordentliche Einschaltquoten für die Pay-TV-Kanäle im einsamen Dienstreise-Zimmer zugeraunt. Wer treibt die Klickzahlen bei „Youporn“ & Co. in die Höhe und macht Unzufriedenheit im Liebesleben zum mehrheitlichen Hintergrund ständig steigender Scheidungsraten? Kurz: Während Werbung und Medien nüchtern auf die schlichte männliche Reizstruktur bauen und selbst das unappetitlichste Gesundheitsthema noch mit einer knackigen Nackten auf dem Spiegel-Stern-Focus-Titel bewerben, tun wir im gesellschaftlichen Leben so, als zündeten Männer beim Date die Kerze an, weil Lichtdesign ihr Lieblingshobby ist. Als sähen Männer extrem kurzen Röcken und tiefen Dekolletés hinterher, weil sie gern tiefe Gespräche führen wollen. Als funktionierten vermeintlich wohltemperierte Beziehungen nicht häufig nur wegen heimlicher Triebabfuhr – im harmlosesten Falle vor dem Bildschirm.

All das entschuldigt nichts und rechtfertigt auch niemanden. Es ist nur ein Hinweis darauf, dass man keine hochtrabenden Theorien drechseln und die nächste Stufe der gesellschaftlichen Revolution zünden muss, sondern dass Strauß-Kahn neben dem Millionär und IWF-Chef auch ein armseliger, kleiner, außer Selbstkontrolle geratener Mann ist, dem aller weltlicher Ruhm nicht weiterhilft, wenn das Kopfkino auf Porno schaltet. Wenn der IWF eine Frauenquote hätte, wäre DSK womöglich nicht Chef aber noch immer genauso rammelig.

PS: Und weil wir gerade bei Männern und Frauen und Selbstbetrug sind: Wann gibt eigentlich endlich mal jemand zu, dass Frauenfußball, nun ja, ähm, räusper – eine Spartensportart ist? Allen Versuchen, sie per TV und Marketing in den Markt zu drücken zum Trotz. Gerade sind übrigens 90 000 WM-Tickets aus dem internationalen Verkauf wieder an Deutschland zurückgegeben worden…

Mit Sicherheit unsicher: Die Deutschen und das Atom

Mai 18, 2011

Soweit ist es gekommen! Da gerät man in den Ruf, ein Atom-Freak zu sein, nur weil man in einem Akt rationaler Notwehr den Dammbruch jeglicher Irrsinns-Barrieren am nationalen Phobie-Rückhaltebecken verhindern möchte.

Kein Mensch bei Sinnen hängt seine innersten Überzeugungen an eine Maschine oder an eine Technologie. ,Ich glaube einfach an diese Edelstahl-Fräse!’ Oder: ,Das Elektroschweißen gehört zum Kernbestand der festen Wertebasis in der Union.’ Ähnlich absurd wäre irrationales Reaktor-Kuscheln, dem hierzulande auch gar niemand das Wort redet. Nur völlig drangeben möchte man deshalb ein Mindestmaß an Restrationalität denn doch nicht.

Da gerät in Fukushima ein Atom-Meiler in Not, weil er zwar ein deutlich schwereres Erdbeben aushält, als veranschlagt, nicht aber den anschließenden Tsunami. Darauf hin überprüft die deutsche Reaktorsicherheitskommission (RSK) die 17 deutschen Akw und findet das einzige heraus, was man schon vorher wusste: Gegen Flugzeugabstürze sind die meisten Meiler schlecht oder gar nicht gewappnet. Das ist 2002 schon einmal untersucht worden und hat mit Fukushima im Grunde nichts zu tun. Dass jeder deutsche Reaktor mindestens einen vollbetankten A 380 aushalten muss, nimmt man inzwischen ja im Sinne maximaler Risikominimierung hin – obwohl Meteoriten bei diesem Szenario sträflich vernachlässigt werden.

Die RSK hat durch die Bank alle denkbaren Katastrophen durchgespielt (Erdbeben, Hochwasser, Stromausfälle, Gas-Explosionen etc.) und zu den bisher angenommenen Schadensintensitäten immer noch eins drauf geschlagen. Fazit: Die deutschen Akw sind weitgehend robust gegen solche Unfälle und sicher. Dass dies für große Teile der Öffentlichkeit so nicht akzeptabel ist, hätte man freilich vorher wissen können. Schließlich beginnt das Problem ja schon bei den „denkbaren Katastrophen“, denn die deutsche Öffentlichkeit erwartet selbstverständlich die Absicherung gegen undenkbare Störfälle.

Die Mehrheitsschlagzeile lautete denn auch am Tag danach: Deutsche Atom-Kraftwerke sind nicht sicher! Begründung: Das Gutachten bescheinige nicht allen Akw in allen Kategorien die höchste Sicherheitsstufe 3. Stimmt. Wenn ein Reaktor gar nicht in einer Flutgefährdungszone liegt, muss er auch nicht die 10 000jährliche Maximalflut aushalten (auf die die RSK sicherheitshalber noch einen Meter draufgeschlagen hat). Stufe 2 könnte unter Umständen ausreichen. Allerdings nicht im Land der Fahrradhelme und Überversicherten.

Im Grunde stand die Kommission von Anfang an auf verlorenem Posten. Die Deutschen wollen in puncto Atomkraft einen überirdischen Sicherheitsstandard vollkommener Risikolosigkeit. Und selbst dann würden sie vorsichtshalber doch lieber aus dieser Technik aussteigen. Nun ist des Menschen Wille bekanntlich sein Himmelreich. Sei’s drum. Erstaunlich ist allerdings, dass dieser Absicherungsdrang nicht konsequenterweise etwa auf Kreuzfahrtschiffe, auf Stadien als Terrorziele oder industrielle Chemieanlagen übertragen wird. Oder anders gesagt: Die Deutschen hatten verdammtes Glück, dass sie bis heute überlebt haben. Toi, toi, toi!

Union – die Multifunktionspartei

Mai 13, 2011

Der Trend geht zur Multifunktionspartei. Die Union beispielsweise gibt sich derzeit alle Mühe, als das Schweizer Messer unter den Wahlvereinen ihre Markenrechte eintragen zu lassen. Motto: „Welche Politik auch immer, ihr bekommt sie von uns!“ Ein politischer Dienstleister, der alles aus einer Hand anbietet: Wirtschaftsfreundlichkeit und Mindestlöhne, klassische Familie und „modernes“ Frauenbild, Ökologie und Ökonomie und nicht zuletzt AKW-Laufzeitenverlängerung und Turbo-Ausstieg. Warum beim Wahl-Kreuzchen also mühselig immer nach neuen Kästchen auf dem Stimmzettel suchen, wenn man an ein und derselben Stelle alles haben kann?!

Sowas nennt man „Volkspartei“, werden sie im Konrad-Adenauer-Haus jetzt sagen, und haben zu Teilen ja auch recht. Nur ist es, um beim Beispiel Atompolitik zu bleiben, eben nicht die Aufgabe einer Regierung, Stimmungen aufzunehmen und möglichst getreu umzusetzen. Nicht bei Fremdenfeindlichkeit, nicht bei Europamüdigkeit oder dem Law-and-Order-Ruf der Stammtische, und es wäre eben auch in der Frage der Atomenergie verantwortlicher gewesen, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, aber nicht so zu tun, als hätten sie mit ihrer Atomangst recht.

Da niemand in Deutschland den Neubau von Akws fordert, hätte es genügt, wenn mit aller größter Sorgfalt die Sicherheit der Meiler geprüft und ggf. nachgerüstet worden wäre. Wenn Fukushima ein reales Angstvorbild wäre, müsste man sofort alle Reaktoren abschalten. „Das Restrisiko ist von einer rechnerischen Größe zu einem anschaulichen Bild geworden“, hat Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) erklärt und will dies als Begründung für den Atomkurs der Bundesregierung verstanden wissen. Und genau hier liegt der Fehler: Verantwortliche Politik muss Ängste ernst nehmen, politisch handeln aber muss sie mit rationalen (rechnerischen) Größen.

Alles andere ist das Prinzip Versicherungsvertreter: Wenn ich mir nur plastisch vorstelle, wie meine Wohnung von der auslaufenden Waschmaschine überflutet wird, kaufe ich dem Referenten jede Police dagegen ab. Wenn ich mir überlege, dass ich den Hahn immer zudrehe und noch einen Aquastopp dran habe, tue ich es nicht. Wer sich seiner Sicherheit versichern will, muss es rational tun, sonst sind die Panik-Propheten ewig in der Vorhand.

Die energiepolitische Flexibilität der Union hat aber noch einen anderen tragischen Aspekt. Der Trend zu erneuerbaren Energien ist seit langem unübersehbar. Derzeit ist man auf diesem Weg aber weltweit noch in der Phase des Ausprobierens: Wind erscheint praktikabel, braucht aber noch bessere Speichermedien, Biomasse ist ein Irrweg, wo eigens organische Substanz (Lebensmittel) dafür angebaut wird, Solartechnik bringt nur wenig Ausbeute wegen ineffizienter Photovoltaik-Zellen, Hitzekollektoren in der Wüste könnten funktionieren, Gezeiten- und Wellen-Kraft bleiben regional begrenzt etc.

Die Laufzeitenverlängerung begünstigte eine sorgfältige Sichtung dieser Entwicklungsstränge. Durch den Rapid-Ausstieg ist nun wieder enormer Druck vorhanden, in alle denkbaren regenerativen Energien zu gehen – unabhängig davon, wie sinnvoll dies ist. Dramatisch sichtbar wird dies bereits in der Landwirtschaft, wo Energiepflanzen zum festen Bestandteil bäuerlicher Kalkulation geworden sind. Mit dem Effekt, das weder Fruchtfolgen noch Grünland- oder Brachenwirtschaft betrieben wird. Statt dessen werden die Böden ausgelaugt, wird auf Effizienz produziert, dass es nicht mehr schön ist.

Und das geradezu Perverse an diesem Atom-Ausstieg nach Stimmungslage ist: Intern geben gerade in der Union viele Politiker zu, dass diese Strategie in den kommenden Jahren Gefahren für Ökologie und Energiesicherheit mit sich bringt. Schafft sich Deutschland schon wieder ab? Vermutlich nicht, aber es regiert sich um Kopf und Kragen.

Neu aufgestellt: die FDP

Mai 9, 2011

Die Liberalen müssen sich neu „aufstellen“. So sagt man halt, wenn sich nach Wahldesaster und Umfrage-Dauertief bei Parteien irgendwas verändern, sprich verbessern soll.  Da es sich um Politik handelt, könnte man eigentlich davon ausgehen, dass neue Themen her müssen oder die alten Grundsätze neu erklärt und angewandt werden sollen. Die FDP allerdings nimmt die „Neuaufstellung“ wörtlich: Auf dem Gruppenfoto sollen irgendwie missmutig dreinblickende Alt-Gesichter in die Reihe dahinter zurücktreten. Statt des übergekämmten Oberohr-Scheitels, soll sich ein munteres Bubengesicht vor die Truppe knien, von den nordrhein-westfälischen Rändern könnte wer in die Mitte rücken und die bräsige Südwest-Frontfrau künftig von hinten durch die Schultern der freiheitlichen Herren lugen.

Das ist raffiniert erdacht und mühselig einfädelt und doch ein kolossales Missverständnis: Die Wähler sind nicht weggeblieben, weil künftig andere Münder das Gleiche sagen sollen, sondern weil ihnen die Botschaft der Truppe nicht mehr attraktiv erschien. Meint die FDP es ernst mit der (inhaltlichen) „Neuaufstellung“, so braucht sie nicht in erster Linie neue Gesichter. Sie muss auch nicht hippelig im Parteienspektrum hin und her rutschen – etwas mehr links-liberal, eine Prise mehr national-liberale Akzente, Bürgerrechte statt Wirtschaftsnähe… Die Liberalen müssen sich schlicht auf den Kern des politischen Liberalismus’ besinnen und analysieren, welche Hoffnungen nach dem sensationellen Wahlergebnis von 2009 auf ihnen ruhten.

Ein immer größerer Teil der Deutschen, gerade die Leistungsbereiten und –fähigen, sehen sich durch Lohnzusatzkosten in ihrem Einkommensanspruch unziemlich geschmälert. Sie halten die Gegenleistungen des Staates für die einbehaltenen Gelder für unzureichend: Gebühren für Pässe, fürs Parken, ungewisse Rente, rudimentäre Pflege, steigende Kassenkosten, und wenn vor der Tür eine Straße gebaut wird, darf man noch zuzahlen, während über die PKW-Maut diskutiert wird. Bei den wirklich Bedürftigen kommt trotzdem zu wenig an, während in die Breite gestreute Zuwendungen verteilt werden und die Mittelschicht ihr Privatvermögen in die Bildung der eigenen Kinder investieren muss, weil staatliche Schulen zu wenig Hoffnungen berechtigen.

Der große Reset des Sozialstaates ist freilich eine Hoffnung, die man leicht enttäuschen kann, weil das komplizierte Sozial-Geflecht so rasch nicht zu entflechten ist, ohne dass gewichtige Gruppen aufheulen. Die Liberalen hatten dieses gewaltige Hoffnungsbündel der Mittelschicht auf dem Rücken und haben sich nicht einmal Mühe gegeben, es vorwärts zu tragen. Statt dessen gab es die versprochenen Mehrwertsteuer-Prozente für die Hoteliers – eine Gruppe von der man als Partei nun wirklich nicht leben kann. Da die große Steuerreform mangels Finanzierbarkeit und Mehrheit im Kabinett beerdigt werden musste, stand die FDP bald schon mit leeren Händen da und machte trotzdem weiter wie bisher. Das konnte nicht gut gehen.

Wenn sich daran etwas ändern soll, müssen sich die Liberalen nicht nur darauf besinnen, wovon die Bürger frei sein sollen, sondern vor allem wofür. Abgabenreduzierung als Selbstzweck hilft niemandem weiter und verunsichert gar noch jene, die abgesichert werden wollen. Die Chancen der freien Wahl zwischen den Sicherungssystemen zu erklären, wäre Aufgabe der Liberalen. Und die Liberalen müssten eigentlich die Familienpartei schlechthin sein, weil mit immer neuen staatlichen oder privatwirtschaftlichen Einrichtungen (Pflege, Rente, Kinderbetreuung, Ganztagsschule) private Freiheit verloren geht, ohne dass die erhoffte Unabhängigkeit gewonnen werden kann. Die Praxis zeigt, dass all diese Institutionen nicht leisten können, was sie versprechen. Dass die Gesellschaft sie in der Breite nicht wird finanzieren können und wollen, und dass auf all diesen Feldern jene stark und unabhängig sind, die sich auf familiären Zusammenhalt stützen können. Lasst den Staat die Nothilfe machen. Stärkt die Bürger, die sich zuerst selbst helfen wollen, bevor sie in teure Umverteilungsmaschinerien einzahlen, die wenig leisten und viel für die Aufrechterhaltung ihrer selbst benötigen. Faszinierende Freiheit statt Abhängigkeit und Bevormundung. Das wäre sogar ein Beitrag zu einer neuen Sozialpolitik, die nicht ständig alle Transferempfänger zu Schwachen und Hilfsbedürftigen degradiert.

Aber dazu müsste sich die FDP halt neu aufstellen….

Der bin-Laden-Coup im Spiegel der deutschen Stil-Kritik

Mai 6, 2011

Wer bisher glaubte, der Gipfel von Dekadenz werde in Wein-Kolumnen („samtiger Abgang mit einem Hauch Holunder und seeseitig blühendem Majoran“) oder den Fukushima-Episteln des ZEIT-Feuilletons („orgasmische Entladung“) erreicht, wurde in der zurückliegenden Woche eines noch Schrägeren belehrt: Die Stil-Kritik des internationalen Anti-Terror-Einsatzes gegen Osama bin Laden.

Es beginnt mit einem absoluten „No Go“ der Militär-Etikette: Das Erschießen eines weltweit gesuchten Groß-Terroristen ohne Warnanruf, Verlesung der Rechte und Überprüfung auf Bewaffnung. Die Akribie, mit der die Details des Hergangs hierzulande analysiert wurden, lassen zudem den Schluss zu, dass der Ehrenkodex des großen Western-Helden Wyatt Earp direkten Eingang in die UN-Charta der Menschenrechte gefunden hat: Mannhaft im Feuergefechte hätte man bin Laden gerade noch füsilieren dürfen. Für den Fall, dass er womöglich unbewaffnet war, erfolgt die publizistische Überstellung der diensthabenden Navy Seals an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Schließlich hätte man fairerweise auch warten können, bis Leibwächter oder andere Verstärkung auf Seiten des Terror-Drahtziehers, der Aktion wieder zu sportlicher Fairness verholfen hätten.

Dass die kulturlosen Amerikaner den Tod des wohl bekanntesten Hass-Video-Darstellers feiern und sich die deutsche Bundeskanzlerin gar noch darüber freut, ist ebenfalls ein klarer Fall zum Nachsitzen im Al-Qaida-Benimm-Kurs. Stillosigkeit Nummer drei: die Seebestattung. Mit muslimischem Beerdigungsritus nur schwer in Einklang zu bringen, schrieben verschiedene Feuilletonisten, die sich zu diesem Zwecke eigens in die Kulturtraditionen islamischer Glaubensrichtungen einlasen.

Man muss sich also kaum noch wundern, dass die Amerikaner auch bei der Wahl des Code-Namens der Operation einen unverzeihlichen Stil-Fauxpas begingen: „Geronimo“! Ausgerechnet „Gironimo“! Die Fachzeitschrift „Terror In Style International“ würde diesen geschmacklosen Rückgriff auf den Legendären Apachen-Führer in ihrer wöchentlichen Kolumne „Hass Du mich gesehen!“ vermutlich mit drei schwarzen Kalaschnikows abwärts bewerten. Fassungsloses Kopfschütteln auch bei den versammelten Army-Anstandskritikern von „Vier gewinnt“ auf n-tv.

Das Fazit: Der weltweit meistgesuchte Terrorist ist gefasst, ABER das allein kann es ja doch wohl nicht sein! Völkerrechtlich unzulässig, mit Pakistan nicht abgesprochen, und in der Umsetzung so peinlich wie ein Chateau Lafite-Rothschild zum Dessert oder hellblaue Socken zur braunen Hose. Eine formvollendete Entschuldigung beim Generalsekretariat von Al Qaida und angemessene Ausgleichszahlung an den Witwen-Fonds erfolgreicher Selbstmord-Attentäter ist das Mindeste, was Washington nach dieser peinlichen Pleite schuldig ist…