Männer, Macht und Moral

Selbstbetrug ist der schönste Betrug, weil man die Welt damit immer ein wenig besser machen kann. Die eigene zumindest. Gut zwei Wochen ist die Verhaftung von IWF-Chef Dominique Strauß-Kahn (DSK) nun her; hat spielend die Erledigung des Falles Bin Laden aus den Schlagzeilen verdrängt und beschäftigt Talkshows und Kommentatoren bis heute. Vor allem eines treibt die Zunft der professionellen Denker und Erörterer um: die knisternde Allianz von männlicher Macht und Sex.

Dabei steht am Anfang stets die Verwunderung darüber, wie ein Mensch mit Niveau und Erfolg sich zu derartigen Übersprunghandlungen hinreißen lassen könne. Alles erreicht und alles zerstört mit einem triebhaften Aussetzer. In der zweiten Stufe gibt es die Erklärungsversuche, die – wie immer in solchen Fällen – dem Weltsicht-Schema des Autors folgen. „Männliche Dominanz“ ist so ein Standard-Topos, der im Meinungshauptstrom so nahe liegt, dass eigentlich misstrauisch werden müsste, wer immer sich danach bückt, um ihn publizistisch aufzuheben: Männer, zumal solche die es weit gebracht haben, betrachten die Welt inklusive ihrer Mitmenschen als als Werkzeugkasten mit unbeschränktem Zugriffsrecht. Außerdem werde Sex als Ausübungsform von Macht betrachtet und angewandt.

Das alles mündet dann – man ahnt es schon – in mehr oder minder deutlichem Votum für die Frauenquote. Schließlich sind Übergriffe leitender Frauen auf männliche Mitarbeiter kaum überliefert, ebensowenig wie Frauentagsausflüge mit reichlich Strippern oder Sex-Parties auf dem Landsitz von Margareth Thatcher.

Tatsächlich spricht nicht besonders viel für die Theorie der „reaktionären Männer“. Denn wer es an die Spitze schafft, tut dies meist gerade durch besonders raffiniertes Spielen auf der Klaviatur der gesellschaftlichen Regeln, während der Aufstiegs-Rambo schon auf den ersten Metern scheitert. Sex zur Demütigung der weiblichen Umgebung ist aus Bürgerkriegen bekannt, dürfte in westlichen Breiten aber rasch zu Ächtung und Ausschluss aus der Gemeinschaft führen.

Viel naheliegender ist eine andere, freilich weniger gut ins Stanzen-Portefeuille passende und nicht sehr angenehme Erklärung: Die gesellschaftlich plakatierte und idealisierte Sexualmoral passt auf breiter Front mit der realen Biologie der Triebe nicht zusammen. Zumindest ist der Firnis über dem gewollten Lieben und dem gelebten Leben doch deutlich dünner, als man sich das vielfach eingestehen möchte.

Indizien: Peter Hartz und die brasilianischen Bordellbesuche der VW-Gewerkschafter, der Fall Michel Friedman, Beckenbauer, Israels Präsident Moshe Katzav, Berlusconi, die Berliner Ausflüge des Horst Seehofer, Mehrfach-Ehen nach dem Schröder-Fischer-Modell, das Beziehungs-Karussell zahl-reicher Prominenter, die es sich leisten können, Partnerschaften durch frische Partner frisch zu halten… Degenerierte Eliten, könnte man einwenden. Mag sein, aber es ist eben auch ein Hinweis darauf, dass Männer, wo sie Gelegenheit dazu haben, eine Triebstruktur ausleben, die in den akzeptierten Vorstellungen niveauvoller Partnerschaft kaum vorkommt.

Und es sind nicht nur „die da oben“: Deutsche Hurenverbände (keine Schmähung, so nennen sie sich selbst) gehen von 1,2 bis zwei Millionen Besuchen bei Prostituierten täglich aus. Bei geschätzten vierzig Millionen deutschen Männern wären das bis zu fünf Prozent.

Und wer beim Hotelpersonal mal dezent nachfragt, kriegt ordentliche Einschaltquoten für die Pay-TV-Kanäle im einsamen Dienstreise-Zimmer zugeraunt. Wer treibt die Klickzahlen bei „Youporn“ & Co. in die Höhe und macht Unzufriedenheit im Liebesleben zum mehrheitlichen Hintergrund ständig steigender Scheidungsraten? Kurz: Während Werbung und Medien nüchtern auf die schlichte männliche Reizstruktur bauen und selbst das unappetitlichste Gesundheitsthema noch mit einer knackigen Nackten auf dem Spiegel-Stern-Focus-Titel bewerben, tun wir im gesellschaftlichen Leben so, als zündeten Männer beim Date die Kerze an, weil Lichtdesign ihr Lieblingshobby ist. Als sähen Männer extrem kurzen Röcken und tiefen Dekolletés hinterher, weil sie gern tiefe Gespräche führen wollen. Als funktionierten vermeintlich wohltemperierte Beziehungen nicht häufig nur wegen heimlicher Triebabfuhr – im harmlosesten Falle vor dem Bildschirm.

All das entschuldigt nichts und rechtfertigt auch niemanden. Es ist nur ein Hinweis darauf, dass man keine hochtrabenden Theorien drechseln und die nächste Stufe der gesellschaftlichen Revolution zünden muss, sondern dass Strauß-Kahn neben dem Millionär und IWF-Chef auch ein armseliger, kleiner, außer Selbstkontrolle geratener Mann ist, dem aller weltlicher Ruhm nicht weiterhilft, wenn das Kopfkino auf Porno schaltet. Wenn der IWF eine Frauenquote hätte, wäre DSK womöglich nicht Chef aber noch immer genauso rammelig.

PS: Und weil wir gerade bei Männern und Frauen und Selbstbetrug sind: Wann gibt eigentlich endlich mal jemand zu, dass Frauenfußball, nun ja, ähm, räusper – eine Spartensportart ist? Allen Versuchen, sie per TV und Marketing in den Markt zu drücken zum Trotz. Gerade sind übrigens 90 000 WM-Tickets aus dem internationalen Verkauf wieder an Deutschland zurückgegeben worden…

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6 Antworten to “Männer, Macht und Moral”

  1. Roithamer Says:

    Das ist ja nicht alles falsch, was in diesem Artikel steht, aber es sind wahrlich keine neuen Erkenntnisse. Und die logische Frage ist doch, warum die von Männern geprägten gesellschatlichen Verhältnisse so repressiv sind, dass sie der männlichen Triebstruktur nicht gerecht werden können.

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    • ralfschuler Says:

      Sollte man eine Welt wollen, in der sich die männliche Triebstruktur frei entfalten kann? Ich denke nicht.
      Ich glaube auch nicht, dass die Männer in diesem Punkt die gesellschaftlichen Verhältnisse prägen, sondern dass hier zwei Sexualstrategien gegeneinander stehen, die nur gemeinsam produktiv im Sinne der Fortentwicklung sind. Das Problem ist die häufig unterbleibende Kommunikation über die unterschiedlichen Interessen und die illusionäre Annahme, die Geschlechter unterschieden sich lediglich körperlich, alles andere sei gesellschaftliche Überformung. Für die Entwicklung des Lebens auf dieser Erde ist es ein geradezu genialer Dreh, zwei unterschiedliche Prägungen innerhalb jeder Gattung durch das gemeinsame Interesse am Fortbestand zusammenzuführen. Einerseits wird nicht der immer gleiche Erbcode reproduziert, sondern variiert, andererseits müssen sich die unterschiedlichen Männlein und Weiblein arrangieren, sich kennenlernen, ein gemeinsames Projekt bilden. Da seit Ende der fünfziger Jahre der gesellschaftliche Resonanzkörper für weibliche Themen deutlich an Gewicht gewonnen hat, sollte niemand dem Trugschluss erliegen, das gemeinsame Projekt Gleichberechtigung ginge ohne die Männer – und ihre Sexualität, die freilich auch durch das noch immer bestehende weibliche „Beuteschema“ fortgeschrieben wird. Der viel beschworene „neue Mann“ bleibt schon in der Schuldisco der einsame Looser. Bis heute wählen Frauen überlegene Partner. Kein Wunder, dass viele Männer diesem Wunschbild auch gern nachgeben…

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  2. dieblaueneu Says:

    „Die gesellschaftlich plakatierte und idealisierte Sexualmoral passt auf breiter Front mit der realen Biologie der Triebe nicht zusammen“

    stimmt: und zwar deshalb, weil die reale Biologie der sog. „Triebe“ nicht erkannt ist.

    Nicht die Sexualitität ist die Ursache des Machtverhältnisses und des Verhaltens der Geschlechter sondern

    Die MACHT( DER STRUKTUR DES LEBENS IST) URSACHE DER SEXUALITÄT.

    Wir sind zellbiologisch im INNERN geschaffen als EXPANSIVE

    endosymbiotische

    (vernetzte ZELL-,)Wesen, die sich zur

    Sicherstellung der– Anpassungsfähigkeit,

    in immer neuen Formen der Expansion (Kinder, Nachkommen, Zellexpansion)— in zwei— nach immer neuen

    Symbiosen strebenden

    Erscheinungsformen aufspalten mußte, und zwar

    in die beiden Teile, aus denen sie sich im Ursprung auf zellbiologischer Grundlage um des Überlebens Willen dauerhaft verbunden haben( heute noch sichtbar in der Verschmelzung von Samen und Eizelle),

    nämlich den ENERGIESPENDEN MÄNNLICHEN TEIL (Zellbiologisch : Mitochondrien, ursprünglich selbständige Bakterie) und

    den sich ZUR EXPANSION UND REPLIKATION

    DEM MÄNNLICHEN (psychisch wie physisch) ÖFFNENDEN

    WEIBLICHEN TEIL(ursprünglich auch selbständiger Bakterienzusammenschluß).

    Dieses ständige streben nach— mehr und neuen „“Energien““— zur symbiotischen Expansion um das Leben zu erhalten, denn mit der Sexualität,der geschlechtlichen Fortpflanzung wurde auch der TOD des Individuums geboren, ist die Triebfeder, es ist das LEBEN SELBST IN MÄNNERN UND FRAUEN.

    Die Hurerei der Frauen wie der gewaltsame Eindringungswille, der Besamungswille der Männer spiegeln diese biologischen expansiven UR-Kräfte im Extrema in ihrer den Menschen sich gegenseitig benutzenden (Ausbeutungs-,) Darstellung.

    Die „Sexualmoral “ muß dieses unbändige Streben des Lebens der Lebensmacht, der ENDOSYMBIOSE, des beständigen Versuches einer neuen Harmonie in die Symbiose mit dem/der anderen zu treten anerkennen und ihm Räume zum ausleben schaffen, die frei sind von MISSBRAUCH.

    Wir missbrauchen und vergewaltigen unsere Lust durch unser Streben nach ökonomischen Vorteilen, für das wir alles Opfern, was weit über die Zweckbestimmung, die ökonomische Sicherung der Aufzucht der Kinder, unserer Expansion und Rettung vor dem Tod als Art, hinausgeht.

    Die Strukturen die dies ermöglichen müssen wir beenden, und zwar,
    1)
    indem wir jede Form der Hurerei, der Selbstenwürdigung des Menschen zum Tier verbieten, insofern treffe ich mich mit Alice Schwarzer

    2)
    indem wir

    kommerzfreie

    Räume schaffen, in denen wir die promiskue Seite unserer Wesen-jeder nach seiner Bedürfnisstufe- ausleben können um gleichzeitig die partnerschaftliche auf Dauer – zumindest der Aufzucht der Kinder- angelegte monogame Seite des Lebens würdigen uns achten.

    Wer sich tiefer für die Problematik interessiert, für den zwei Werke:

    1) Lynn Margulis, Die Andere Evolution
    2) Das E-Book: Geschlechterrassismus, Feindschaft bis zum Endsieg der weiblichen Dominanz ODER Was Frau ist, Was Mann ist, Was Macht ist (bei Lulu.com)

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  3. Biene Says:

    Es ist sicher nett gemeint, aber einen vermeintlichen Vergewaltiger als Opfer seiner Triebe darzustellen, ist schon reichlich unsinnig. Ob Sie dies wohl auch tun würden, wenn ihre Tochter/Mutter/Tante das Opfer wäre?

    Vielleicht ist es für Männer generell nie gut, zu viel Macht zu besitzen. Die Geschichte zeigt es. Bei weniger Macht würden sie sich nicht in dem glauben wähnen, alles und jeder steht ihnen zur Verfügung.

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    • ralfschuler Says:

      Wie deutlich soll ich denn noch schreiben, dass derartige Übergriffe nicht zu rechtfertigen sind. Habe ich auch gar nicht getan. Trotzdem muss man sich doch die Frage stellen, woher der Trieb zu solchen Taten kommt – und zwar, wie ich versuchte zu zeigen, nicht nur bei Mächtigen. Das Problem ist die versagende Triebkontrolle.

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  4. Hans Says:

    Darf ich kurz daran erinnern, dass DSK noch nicht verurteilt wurde. Es müsste daher heißen: ….armseliger, kleiner, außer Selbstkontrolle geratener Mann SEIN KÖNNTE, ….. Dass Medien und leider sogar Teile der Justiz die Unschuldsvermutung schon seit längerem nicht mehr erst nehmen sollte uns nicht als Entschuldigung für schlampige Formulierungen dienen.

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