Den Euro in seinem Lauf…

Neben Indoktrinierung, Misswirtschaft und ideologischer Scheuklappen-Politik ist der Staatssozialismus vor allem an einem gescheitert: an dem Versuch, ein gut gemeintes Gesellschaftsmodell zu etablieren und diesem die Realität unterzuordnen. Es hätten nur alle mitmachen müssen, und der Sozialismus hätte geklappt.

 Wenn alle mitgemacht hätten, hätte auch der Euro ein Erfolg werden können.

 Nun ist die Idee vom geeinten Europa mit dem Staatssozialismus Stalin’scher Prägung nicht wirklich vergleichbar, weil Europa ein Bund der Freiheit, nicht des Zwanges sein soll. Dennoch wohnt man den immer neuen Rettungsversuchen mit einiger Verwunderung bei, weil die Ursachenforschung – wie bei einer falsch geknöpften Jacke – offenbar immer nur bis zum vorherigen Knopf reicht. Jeder weitere ist zwingend und „alternativlos“ bis das Malheur perfekt ist. Geht man zurück auf Start, so bietet sich ein ganz anderes Bild: Schon bei der Einführung des Euro wurden die Europäer nicht mitgenommen. Zu groß und wichtig war die Vision von der gemeinschaftlichen Zukunft, zu der die Gemeinschaftswährung unbedingt gehörte, als dass man die Bürger darüber hätte abstimmen lassen wollen. Wo dies geschah (Irland), ging es prompt schief, und die Briten hielten sich gleich ganz raus.

 Kritiker, die darauf hinwiesen, dass die unterschiedliche Wirtschaftsstärke der Mitgliedsländer künftige nicht mehr würde durch Abwertung ausbalanciert werden können, wurden zu Außenseitern und Spinnern gestempelt. Sie haben schlichtweg recht behalten, weil der Verweis auf die USA schon damals nicht wirklich trug: Dort stehen Bundesstaaten gegeneinander, nicht souveräne Nationalstaaten wir in Europa. Und es betrachten sich die meisten Menschen dort zuerst als Amerikaner. Es kann ja nichts passieren, wurde den euroskeptischen Deutschen erklärt, es gibt ja den Euro-Stabilitätspakt und die Maastricht-Kriterien. Mehr als drei Prozent Defizit dürfen die Euro-Länder gar nicht machen. Als ausgerechnet Deutschland diese Marke in Serie riss, ließ Berlin die allzu harte Regel aussetzen, bis es wieder genehm war und kein Blauer Brief aus Brüssel mehr drohte.

 Als Griechenland 2002 dem Euro beitrat, führte es die anderen Währungspartner mit einer so aberwitzig einfachen Masche hinters Licht, dass EZB, EU-Kommission und Jean Claude Juncker eigentlich noch heute vor Scham im Boden versinken müssten. Man meldete einfach falsche Wirtschaftszahlen nach Brüssel! Nichts weiter. Keine Verrechnung des BIP mit dem Reziproken der Metaxa-Öchsle-Zahl oder Addition der Gyros-Konstanten zum Korfu-Faktor der insularen Fisch-Produktion. Einfach die von Brüssel geforderte Wunschzahl auf die Realkonjunktur draufgeschlagen, frisch ins Kuvert und unbeschwert nach Europa geschickt. Eine so abgrundtiefe Blamage, dass sie bis heute eigentlich nicht wirklich aufgearbeitet ist. Statt Bankraub, der Griff in die offene Kasse.

Jetzt, knapp zehn Jahre und drei Milliarden-schwere Rettungspakete später, hat man sich nicht etwa bei den damals verfemten Euro-Skeptikern entschuldigt, sondern stillschweigend das Reglement geändert. Die einst ausdrücklich ausgeschlossene Umverteilung zwischen den Euro-Ländern, soll nun in Form des Stabilitätsmechanismus‘ ESM zu einer festen, dauerhaften Einrichtung werden. Und was noch viel schlimmer ist: Man hat die Europäer am Beginn des Euro nicht mitgenommen, und man hat auch nicht vor, sie jetzt beim weiteren Verbrennen von Steuermilliarden mitzunehmen.

 Wenn es denn tatsächlich so ist, dass jeder Preis, um dessen willen man Griechenland rettet, geringer wäre, als der Preis für eine unkontrollierte Pleite Athens, dann müsste sich endlich jemand von großen europäischen Staatslenkern zu einer ernsten Ansprache ans Volk erheben: ,Wir stehen vor einem wirtschaftlichen Abgrund. Wir retten nicht Griechenland, sondern unsere eigenen Volkswirtschaften, unsere mit Staatsanleihen abgesicherten Renten, unsere Banken, die die Wirtschaft mit Krediten am Leben halten, unseren Wohlstand. Diese Rettung wird teuer, aber alles andere wäre der Ruin.‘

 Wenn Europa nicht endlich beginnt, Politik mit den Europäern zu machen und nicht über sie, wird dieses Projekt scheitern. Wenn die Griechen etwa in einer Volksabstimmung erklären, sie hätten jetzt genug vom Sparen, könnte selbst im dringendsten Eigeninteresse das restliche Europa keine weiteren Hilfen nach Athen schicken und müsste sich mit den Folgen einer wirklich tiefgreifden Euro-Krise in den eigenen Volkswirtschaften herumschlagen. Es geht nicht um neue Institutionen, eine EU-Wirtschaftsregierung oder noch tiefere Integration der Mitgliedsländer. Im Gegenteil. Es geht schlicht darum, die hehre Vision von Europa auf das Maß der tatsächlichen Gemeinsamkeiten der Europäer zurückzustutzen. Das wird dem alten Kontinent besser bekommen, als Enthusiasten, denen es beim schiefen Zuknöpfen der Europa-Jacke gar nicht schnell genug gehen kann.

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5 Antworten to “Den Euro in seinem Lauf…”

  1. Иосиф Виссарионович Джугашвили Says:

    Harascho!
    Dieser Hype hätte nicht mal Eingang in einen einzigen Fünfjahresplan der UdSSR, geheiligt sei ihr Name, gefunden! Ich bitte euch, Genossen: Bedenket doch, welch eine harte Währung der Rubel war und wieder ist.
    Hier, im fernen Workuta, blicke ich bewundernd auf die propagandistischen und planwirtschaftlichen Fähigkeiten der EUdSSR, die uns emeritierten Kommunisten vor Neid erblassen lassen. (Selbst der Renegat Trotzkij, hätte ich ihn nicht säubern lassen müssen, hätte vor euch die verschwitzte Ledermütze der Arbeiterklasse gezogen.)
    Ihr seid einfach fortschritticher als wir, Genossen! Und der Weg in den wahren Sozialismus, zum endgültigen Sieg der Arbeiterklasse, ist euch nicht mehr zu verwehren.
    Doswidanja, Towarischtschi!
    Der euch bewundernde Josef

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    • ralfschuler Says:

      Beachtliche Leistung, Towarisch Stalin, ich wüsste nicht mal, wie ich die Tastatur auf Kyrillisch umstellen kann! Und EUdSSR gefällt mir auch ganz gut. Nu wot, na zewodnja wsjo. S sozialistischeskij priwjetom (für die Richtigkeit dieser Angaben keine Kalaschnikow!)

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  2. René Says:

    Das Schlimme ist, daß das Gros der europäischen Völker gar nicht mitbekommt, wie es um die Kunstwährung Euro steht. So lange man für sein Geld noch was kaufen kann und die Preise noch nicht davongaloppieren, werden sich die meisten Menschen keine Sorgen machen (mit Ausnahme derjenigen, die sich etwas tiefgründiger als über Bild, Tagesschau u. Co. informieren.)

    Die Politik des Staatssozialismus wurde und wird nicht nur beim Euro betrieben; auch in Sachen Atomausstieg wird zuerst das ideologisch geprägte Ideal zum Ziel gesetzt, ohne nach links und rechts zu schauen. Kosten? Wird schon nicht so schlimm. Alternativen? Gibt es keine bzw. sind „den Menschen nicht zu vermitteln“: Es wird ein Ausstiegsdatum festgelegt, wer da nicht mitmacht, ist ein Ewigggestriger, verantwortungsloser Lobbyist oder sonst was aus der Schimpfwortkrise der politischen Korrektheit.

    Wäre es beim Euro nicht eher angebracht, ein möglichst frühes Ausstiegsdatum zu vereinbaren? Wer wird jedoch dafür auf die Straße gehen? Na ja, solange unsere Gehälter und Staatsausgaben mit den papiernen Versprechen von Überschuldeten bezahlt werden, wird dies nicht geschehen.

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  3. Ulrich Elkmann Says:

    „Die Tastatur auf Kyrillisch umstellen“: dies, Genosse, ist wahren Vorkämpfern der Weltrevolution nur ein Klacks. Die kyrillische Schreibung aufrufen (z.B. Wikipedia), markieren, Zwischenablage, et voilá: „Иосиф Виссарионович Джугашвили“. Dies ganz im Sinne realsozialistischer Buchführung bzw. des Erweises des Linientreue. Darf ich mich jetzt als EU-(Polit)Kommissar bewerben?.
    Lang lebe die Guttenberg-Galaxis.

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  4. Stefan Wehmeier Says:

    „Ihr werdet mir tausend Fragen stellen, und nachdem ich sie alle zu eurer Zufriedenheit beantwortet habe, werdet ihr von vorne anfangen.“

    Silvio Gesell, 1929

    Es gibt Kindergarten-Diskussionen und Diskussionen für Erwachsene. Erstere beschäftigen sich mit der a priori sinnlosen Frage, ob es noch eine andere Möglichkeit für das zivilisierte Zusammenleben geben könnte als die Natürliche Wirtschaftsordnung (echte Soziale Marktwirtschaft = freie Marktwirtschaft ohne Kapitalismus), die der Sozialphilosoph Silvio Gesell bereits 1916 vollständig und widerspruchsfrei beschrieben hatte (alle „Gegenargumente“ basieren auf Vorurteilen und Denkfehlern) und die Ludwig Erhard noch nicht durchsetzen konnte, weil ihm die „katholische Soziallehre“ in die Quere kam; letztere behandeln die überaus interessante Frage, warum es Kindergarten-Diskussionen sogar noch im 21. Jahrhundert gibt (wobei die „hohe Politik“, so genannte „Wirtschaftsexperten“ und der „hohe Journalismus“ noch nicht einmal bis zum „Niveau“ der Kindergarten-Diskussionen vorgedrungen sind).

    Die Ursache ist eine veraltete Programmierung des kollekiv Unbewussten, welche die halbwegs zivilisierte Menschheit überhaupt erst „wahnsinnig genug“ für die Benutzung von Geld machte (Edelmetallgeld ist immer Zinsgeld), lange bevor diese seitdem grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung wissenschaftlich erforscht war. Anderenfalls hätte das, was wir heute „moderne Zivilisation“ nennen, gar nicht erst entstehen können! Das – und nichts anderes – war (und ist noch) der eigentliche Zweck der Religion, die vom Wahnsinn mit Methode zum Wahnsinn ohne Methode (Cargo-Kult um die Heilige Schrift) mutierte, und die uns – unabhängig vom so genannten Glauben – alle zu Untertanen machte, die ihr eigenes Programm nicht kennen. Die Bewusstwerdung der Programmierung nennt sich „Auferstehung“: http://www.deweles.de/willkommen.html

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