Balla balla: Das Schönredner-Kartell rund um die Frauenfußball-WM

Sie wollen doch nur spielen. In wenigen Tagen ist Fußball-WM der Frauen in Deutschland, und das Gastgeberland steht Kopf. Soll heißen: Schon jetzt kann man den grassierenden Wahn-Virus bei Zucht und Verbreitung beobachten. Den Korrektheitswahn, das genaue Gegenteil von Fußball-Fieber.

Das kolossale Missverständnis: Frauenfußball als Messlatte der Gleichberechtigung. Wird die WM kein zweites Sommermärchen, zieht Frauen-Bundestrainerin Sylvia Neid vermutlich vors Verfassungsgericht und klagt die Taumel-Stimmung per Antidiskriminierungsgesetz ein. ­Was dieser Tage exemplarisch zu beobachten ist, sind Verklemmung und Verdruckstheit einer Gesellschaft, die glaubt, die Welt sei nur gerecht und in Ordnung, wenn kickenden Mädchen die gleiche Euphorie entgegenschlägt, wie den derben Hackentretern vom 1. FC Maskulin.

Und weil alles andere nicht so recht in den Tagtraum von der heilen und gleichen Welt hineinpassen würde, versucht man der wehrlosen Öffentlichkeit den Frauenfußball halt medial überdosiert einzutrichtern. 53 Prozent der Männer seien „heiß auf Frauenfußball“, hat eine Umfrage dieser Tage herausgefunden. Die Frage war, ob sich die Männer Frauenfußball ansehen würden – von aufsteigender Hitze keine Spur. Wenn Bundesliga oder Champions League unter Männern auf einen Zuspruch von 53 Prozent kämen, würde sich Fifa-Chef Josef Blatter vermutlich höchst selbst von der Spitze seines Korruptionseisbergs stürzen.

Noch arger trieb es unlängst ein Autor der Tageszeitung „Die Welt“, der schwelgerisch-fassungslos vermeldete, es seine schon vier Millionen Tütchen mit Panini-Bildern von den Akteurinnen der Frauen-WM ausgeliefert worden: „Die Zukunft des Fußballs ist weiblich!“, so sein Fazit. Man braucht genau einen Anruf beim deutschen Ableger des italienischen Sammel-Klebebildchen-Imperiums in Stuttgart, um herauszufinden, dass bei der letzten „Herren“-WM 90 Millionen Tütchen verkauft wurden. Da sind vier Millionen gewiss ein hoffnungsvoller Anfang, auch wenn „Auslieferung“ noch nicht Verkauf bedeutet, denn es gibt ein Remissionsrecht der Händler zum Rückversand, wenn die Nachfrage stocken sollte.

Bei Kaufland steht der Container mit den Fan-Utensilien derweil noch etwas einsam in der Ecke, obwohl am Sonntag sogar der ARD-„Tatort“ mit einer Crime-Story aus dem Frauenfußball-Milieu Beihilfe leistete. Und der alberne „Rosenkrieg“ zwischen Ex-Kapitän Michael Ballack und dem DFB verdrängt locker den Damen-Sturm aus den Schlagzeilen. Wie wär’s also, wenn wir im kollektiven Irrsinn einfach mal einen Gang zurückschalten würden?!

Es ist toll und cool, wenn Frauen und Mädchen Spaß an Fußball haben und dabei auch noch erfolgreich sind. Es ist aber in dieser wie in anderen Sportarten kein Naturgesetz, dass Aufmerksamkeit und Fan-Enthusiasmus sich nach den Maßstäben wünschenswerter Gleichheit entwickeln. Die Paralympics oder Sportarten wie Fechten, Ringen oder aktuell Rudern sind das beste Gegenbeispiel.

Und das ist auch gut so, um mit einem Wowereit-Zitaten-Klassiker zu einer anderen Eigentümlichkeit im Frauenfußball-Zirkus überzuleiten: Warum arbeiten sich seit Jahr und Tag immer wieder selbst ernannte Tabu-Brecher daran ab, Homosexualität im Profifußball der Männer auf die öffentliche Tagesordnung zu setzen, während es beim Frauenfußball nicht erst jetzt vor der WM einen unausgesprochenen Konsens gibt, den hohen Anteil lesbischer Spielerinnen zu verschweigen?

Kurz und gut und schön: Mädels, spielt, was Beine und Lungen hergeben, zersiebt das Tor der anderen und sorgt dafür, dass der Pott in Deutschland bleibt.  Und wir anderen sollten aufhören, uns eine desillusionierende Niederlage wiedermal selbst zu organisieren: Frauenfußball ist eine Mannschaftssportart, nicht weniger aber eben auch nicht mehr. Wenn Ihr uns verzaubert, um so besser.

PS: Und besorgt Euch beim nächsten Mal einen anderen Sponsor: Schöfferhofer Kaktusfeige geht nun wirklich nicht. Nur mal so als Anstoß.

 

 

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5 Antworten to “Balla balla: Das Schönredner-Kartell rund um die Frauenfußball-WM”

  1. Ewald Zenger Says:

    Der letzte Bulle: „Ich liebe Frauen und ich liebe Fußball. Aber Frauenfußball?^^“

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  2. Pätus Bremske Says:

    Frauenfußball-WM? Laut Superanwalt Torsten van Geest, respektive seinem Antrag auf einstweilige Verfügung gegen die Bundeskanzlerin, fliegt uns das Berliner Olympiastadion doch am 26. d. M. um die Ohren:

    http://weltverschwoerungsblog.wordpress.com/2011/06/07/verschworungsexperte-des-monats-rechtsanwalt-torsten-van-geest/

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  3. Hubert Farnsworth Says:

    Sehr geehrter Herr Schuler,

    die Art wie Sie sich nun schon mehrfach am Thema Frauenfußball abgearbeitet haben, lässt tief blicken. Wo liegt eigentlich Ihr Problem? Hat man Sie zum Gemeinschaftsempfang vorgeladen? Und der Blockwart hackt ab ob auch alle da sind? Eben! Die Bundesrepublik Deutschland richtet ein internationales Turnier aus und versucht zusammen mit dem DFB ein wenig Aufmerksamkeit zu organisieren. Im Vergleich zu Herren-WM 2006, die mich persönlich auch nur leidlich interessiert hat, ist das alles noch sehr moderat. Zudem empfinde ich den direkten, sportlichen Vergleich mit den Herren als unsinnig, da Frauenfußball eine eigenständige Sportart ist und auch so behandelt werden sollte.

    Entspannen Sie sich!

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    • ralfschuler Says:

      Sehr geehrter Herr Farnsworth, Sie wollen mich zu dem bekehren, was ich selbst geschrieben habe: Frauenfußball ist eine eigene Sportart, da führt der Vergleich mit den Männern nur in die Irre. Genau das habe ich an verschiedenen Beispielen zu illustrieren versucht. Und genau deshalb finde ich es so abwegig und naiv-korrekt, Sätze zu schreiben wie: „Die Zukunft des Fußballs ist weiblich“. Dass ich bei dem Thema ohnehin ganz entspannt bin, liegt unter anderem daran, dass mich auch Männerfußball nicht interessiert. Aber es ist eben kein „entspannter“ Versuch, ein wenig Öffentlichkeit herzustellen für ein fröhliches Sportereignis. Wenn Sie in die Redaktionen hineinsehen könnten, dann würden Sie feststellen, dass es gerade keinen Zweifel an der Großartigkeit der zu erwartenden WM geben darf. Und ganz nebenbei werben die Frauen selbst damit, mehr Titel zu besitzen als die Männer – was ja nur sinnvoll ist, wenn man die Vergleichbarkeit unterstellt.
      Wenn Sie den Text noch einmal in Ruhe lesen, können Sie die Botschaft eigentlich nicht übersehen: Lasst uns ein fröhliches Sportereignis haben, und vergesst den ganzen gesellschaftspolitischen Ballast. Der tut dem Sport nie gut, wie man am DDR-Siege-Sammeln als Krücke fürs Nationalbewusstsein gesehen hat.
      In diesem Sinne Sport frei und darauf ein Schöfferhofer!

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  4. Martin Toden Says:

    IMHO fehlt es in Bezug auf die Frauenfußball-WM im Grunde nur an öffentlichen Stimmen, die sich trauen das auszusprechen, was den meisten Männern beim Thema Frauenfußball durch den Kopf geht: Frauenfußball ist unästhetisch, unathletisch, total langweilig und lächerlich anzusehen. Der Abstand zu Männern in puncto körperlicher Leistungsfähigkeit, Zweikampfstärke, Sprintschnelligkeit etc. (vor allem bei Sportarten wie Fußball, in denen gerade diese Aspekte eine große Rolle spielen) ist so immens und augenfällig, daß man darüber nur mit einer gigantischen Werbetrommel hinwegrollen kann.
    Dazu kommt der ebenfalls nur mit völliger politischer Inkorrektheit aussprechbare Effekt, daß eine Sportart wie Fußball, die athletische, kampfstarke Akteure braucht, naturgemäß keine im ästhetischen Sinne attraktive Frauen anzieht, sondern eher solche, die vulgo unter die Kategorie „Kampflesbe“ fallen. Daß das der Attraktivität der Protagonistinnen eher abträglich ist, fällt einem geradezu ins sprichwörtliche Auge.
    Ich glaube, daß viele so denken, es aber nicht auszusprechen wagen, weil sie den geballten Zorn der meinungskorrekten Gutmehrheit fürchten. Sei’s drum. Ich habe kein Problem damit, daß die meisten Frauen, die Männerfußball gucken, gerne mit der Zunge schnalzen, wenn Poldi oder Diego Forlan beim Trikotwechsel zu sehen sind. Das war schon zu Luis Figos Zeiten so. Warum sollten Männer da nicht auch einen äquivalenten Augenschmaus erwarten dürfen?

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