Übererfüllt: Der Gysi-Wagenknecht-Index

Früher, also vor etwa 15 Jahren, klopfte man einem Fernseher couragiert aufs Gehäuse, wenn mal wieder das Bild fest hing, seitlich weg flatterte oder sonstwelche Spirenzchen machte. Bei modernen Flachbildschirmen hat man da kaum noch Angriffsfläche. Dafür hängt auch heute das Bild nicht mehr, werden Sie sagen. Wer sich allabendlich die Talkshow-Strecke von ARD und ZDF zu Gemüte führt, wird da rasch Zweifel kriegen.

Inzwischen gelingt es nur noch geübten TV-Nutzern mit Profi-Anspruch, anhand winziger Details den Unterschied zwischen einem Bildschirmschoner und den Gesichtern von Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht zu erkennen. Wann immer über Griechenlandkrise, Bankenkrise, den Euro oder die Bundesregierung gesprochen wird, sind Gysi und Wagenknecht schon da.

Insider behaupten, getreu dem Märchen von „Hase und Igel“ säßen die beiden Linksparteiler immer schon im Studio auf ihren Stühlen, wenn die Scheinwerfer angehen und Maybrit Illner oder Günther Jauch zum ersten Probe-Durchlauf hereinkommen. „Ick byn allhier“,  ruft der grinsende Gysi dann und weigert sich standhaft, seinen Platz wieder zu verlassen.

Auch ist der Gysi-Wagenknecht-Index inzwischen zu einer anerkannten medienwissenschaftlichen Kenngröße für die TV-Dauerpräsenz geworden. Wer der magischen Zahl von 1 GW nahekommt, und das schaffen nur die wenigsten, kann für sich sagen: Ich habe es geschafft. Selbst Oskar Lafontaine erreicht in besten Zeiten heute nur noch 0,8 GW und muss sich mit einem wenig schmeichelhaften dritten Platz vor Heiner Geißler (0,74 GW) zufrieden geben.

Um so tückischer, dass sich auch der Soundtrack zum Standbild immer gleicht. Schuld sind immer die Banken oder die Amerikaner oder beide. Griechenland braucht außerdem einen Marshall-Plan, sagt Gysi in monotoner Endlosschleife, damit sie wieder auf die Beine kommen. Was er – selbstgefällig im Sessel hängend – freilich nicht sagt: Die Schulden der Griechen müsste Europa nebenher trotzdem bezahlen bis sein Marshall-Plan in vielleicht zehn oder 15 Jahren die ersten Erträge abwirft. Mit anderen Worten: Ein Land, was die niedrigen Zinssätze des Euro jahrelang verfrühstückt hat, bekommt als Aufmunterung nach dem selbst verschuldeten Kollaps Schuldenhilfe und eine neue Wirtschaftsbasis gesponsort. Man wird sich das gregorgysianische Zeitalter wohl in etwa so vorstellen dürfen, wie das Jenseits, auf das islamistische Selbstmordattentäter gern hinarbeiten.

Bleibt am Ende lediglich die Frage, was deutsche Talkshow-Redaktionen treibt, es mit dem Linkspartei-Proporz derart zu übertreiben. Warum achtet niemand annähernd so liebevoll darauf, dass CSU oder FDP regelmäßig zu Worte kommen? Warum muss eine intellektuell überschaubare Botschaft (Verstaatlichung von Banken, mehr Schulden gegen die Schuldenkrise) mantra-artig im Repetier-Modus abgespielt werden und interessanten Gesprächsbeiträgen die Redezeit rauben?

Fragen über Fragen. Einzige Hoffnung: Vielleicht arbeiten Gysi und Wagenknecht in diesen Tagen ihre TV-Quote der nächsten zehn Jahre ab. Dann hätten wir spätestens ab Januar 2012 unsere Ruhe!

 

 

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10 Antworten to “Übererfüllt: Der Gysi-Wagenknecht-Index”

  1. Ludwig Wauer Says:

    Das eigentlich Erschütternde an der Dauerpräsenz der GWs habe Sie ja noch gar nicht erwähnt: Dass die regelmäßig mit Beifall überschüttet werden, während nach den Ausführungen von echten Fachleuten (- das ist sowieso immer nur höchstens einer -) eisiges Schweigen herrscht. Ich gebe aber den Glauben an die Weisheit des Volkes nicht auf und vermute, dass es bei der Auswahl des Pubblikums nicht mit rechten Dingen zugeht. Sicher bin ich mir da aber nicht.

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  2. René Says:

    „Warum muss eine intellektuell überschaubare Botschaft (…) mantra-artig im Repetier-Modus abgespielt werden…?“

    Bekanntlich höhlt steter Tropfen ja den Stein. Ich denke auch, das ist kein Zufall. Lenkt da jemand unsere Öffentlich-Rechtlichen? Oder sind diese beiden selbsternannten Antikapitalisten gar scharf auf die Gage? Ich weiß nicht, wie hoch diese ist.

    Ein kleiner Tip, wenn man vernünftige, fachlich fundierte Fernsehdiskussionen zu aktuellen Themen ohne ideologische Polemik sehen will: Man schalte dienstags 20:15 Uhr im III. Programm des Bayerischen Rundfunks die „Münchner Runde“ ein.

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  3. Hinz Says:

    wie war das eigentlich mit dem selbstverschuldeten Kollaps nach dem 2.WK und der Hilfe für uns? Und wie war das nach dem selbstverschuldeten Kollaps der “ DDR“ ( richtig gelesen “ DDR“ in Anführungszeichen)? Alles schon vergessen und nun großspurig über unverdiente Griechenhilfe lamentieren. Dass dabei ohne jeden Versuch einer Problemlösung auch und gerade von CSU oder FDP ebenfalls mantra-artig im Repetier-Modus die Unschuld der Banken und die Unfehlbarkeit derzeitiger Euro- Politik beschworen wird, fällt in diesem Forum nicht auf. Ebenso wenig fällt hier wohl auf, dass auf, dass christliche Tugenden wie Hilfsbereitschaft in Not keine Option mehr ist in unserer Gesellschaft, deren Spiegel ja die Politik ist.
    Also wer mehr Selbstgefälligkeit in Fernsehdiskussionen hätte, schaut öfter mal in die Münchener Runde steigerungsfähig nuer bei vergleichbaren Runden der Ex-Zonis

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    • ralfschuler Says:

      Also wo irgendjemand von der Unschuld der Banken gesprochen haben sollte, das wüsste ich doch gern. Nicht einmal Ifo-Chef Hans-Werner Sinn tut das. Nur sind die Banken an der Verschuldungskrise der Euro-Länder nun wirklich nicht schuld. Hätten sie die von der Politik mit Mündelsicherheit ausgestatteten Staatsanleihen nicht gekauft, wären die Sozialsysteme der Länder längst zusammengebrochen.
      Ich freue mich natürlich, dass der Marshall-Plan nun endlich wieder hinreichend gewürdigt wird: von Gysi, Wagenknecht und natürlich auch hier im Blog. Bislang hieß es ja von ersteren gern, dies sei die Anschubfinanzierung gewesen, um die „BRD“ im Kalten Krieg in Stellung gegen den Ostblock zu bringen… Dann haben wir wohl auch kein Gerechtigkeitsproblem damit, dass es den überranten Kriegsopfer-Ländern im Osten gut ging, während in Deutschland der Aufschwung brummte. Aber sei’s drum. Die von beiden beteiligten Seiten gewollte und im übrigen auch von beiden Seiten (im Osten mit Lohnverzicht, Arbeitslosigkeit, Soli und Verkauf des gesamten gesellschaftlichen Vermögens) bezahlte Wiedervereinigung Deutschlands mit Griechenland zu vergleichen, ist allerdings ein wenig abenteuerlich. Vergleichbar wäre es, wenn wir dafür den Rest Europas hätten zahlen lassen.
      Im Übrigen hat Griechenland neben all den beschriebenen Hilfen jetzt, in den zurückliegenden Jahren auch alle Strukturfördermittel erhalten, die die EU bereitstellt: Sie belaufen sich seit 1980 auf 122 Milliarden Euro und hätten zusammen mit den niedrigen Zinsen seit dem Euro-Eintritt eigentlich für einen Marshall-Plan der Extra-Klasse reichen können.
      Man kann es christlich finden, nun noch einmal mit einem Milliarden-Paket in die Bresche zu springen. Ganz pragmatisch muss man allerdings feststellen: Wenn sich jetzt die Retter noch weiter verschulden müssen, um zu helfen, wird es bald keine Helfer mehr geben. Eigentlich ist das nicht so schwer zu verstehen.

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  4. uhupardo Says:

    Wagenknecht und Gysi werden endlich wahrgenommen (umgekehrt proportional sehr häufig, das ist wahr) und nicht mehr geschmäht wie vorher? Die „der Markt regelt alles“-CDU und FDP sind nicht mehr allein in der Meinungshoheit als diejenigen, die seit Jahrzehnten die untauglichen Verbalrezepte abspulen, die uns jetzt an den Rand des Abgrunds geführt haben?

    Da muss man tatsächlich MItlied mit Ihnen haben, lieber Ralf. 😉 Stehen Sie es duruch wie ein Mann, bitte. Denken Sie einfach an die vielen Menschen, die wie ich über Jahrzehnte unter den unsäglichen neoliberalen Blödsinnsvorträgen im TV gelitten haben, in denen „die Märkte“ zur Religion mutierten.

    Manchmal ist das Leben doch ein bisschen gerecht.

    Saludos del Uhupardo
    http://uhupardo.wordpress.com/2011/11/06/serie-der-tag-nach-dem-crash-teil-1-das-bandbreitenmodell/

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    • ralfschuler Says:

      Vielen Dank für Ermutigung und Zuspruch. Ich stehe das schon durch. Dass die Linke allerdings zu irgendeiner Zeit im deutschen TV unterrepräsentiert gewesen wäre, daran kann ich mich nun wirklich nicht erinnern. Ich wüsste auch nicht, wer die Märkte zur Religion erhoben haben sollte. Zumindest nicht die unregulierten. Zur Staats-Religion ist lediglich die Schule geworden, die meinte, die Politik könne die Wirtschaft besser zentral planen und steuern. Diese These ist allerdings dramatisch widerlegt – nicht nur im realen Sozialismus, sondern gleichermaßen in den staatsgelenkten Banken und teilstaatlichen Firmen der Bundesrepublik. Wenn die Finanzmärkte übrigens so radikal reguliert worden wären, wie man es nach der Bankenkrise 2008 gefordert hat, wären jetzige Hebel- und Verbriefungskonstrukte, wie sie die Euro-Retter planen, auch nicht möglich.

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    • alibaba Says:

      @ uhupardo

      Wirklich mitleidheischend, Ihr Märtyrium im neoliberalen Verließ. Es könnte aber auch an der Überdosis liegen, die Sie sich im MEW-Arbeitskreis zuvor verabreicht haben.

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  5. pjotr Says:

    MEW:Marx-Engels-Werke,
    also theoretisch gesehen ein Arbeitskreis, der sich mit spannender und bis jetzt nicht mit der nötigen Intelligenz, außer der einiger Handverlesener, erfassten Lektüre auseinandersetzt. Wo Herr alibaba da allerdings den Kalle versteckt wissen will, bleibt irgendwie schleierhaft.
    Und des Weiteren:Wann klatscht das hirntote Publikum, ob vor der Flimmerkiste oder im Studio ist gleich, denn nicht?
    Es wird geklatscht, weil ja was dran sein muss, an dem, was die im Sitzkreis von sich geben. Sonst würden sie ja nicht dort sitzen. Egal was für ein Mist grade die Runde macht.

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    • ralfschuler Says:

      Wenn Linke sich nicht hinreichend beachtet oder bestätigt fühlen, macht sich meist eine gewisse Volksverachtung breit. Was kein Problem ist, man muss sich nur entscheiden, ob man einer Eliten-Revolution das Wort reden will oder glaubt an der Spitze einer Bewegung zu stehen. Letzteres ist bei den Revolutionen der Vergangenheit meist nur vorgetäuscht worden. Doofe Demokratie!

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  6. Spruance Says:

    Nun muß, kaum ins Leben gerufen, der GW-Index dem LW- oder LW+G-Index weichen. Ändern wird sich aber wohl nicht wirklich etwas, außer, daß der Neo-Sozialismus den Bach runtergeht und alle denken, es wäre der Neo-Kapitalismus gewesen. Dafür werden die GZ-Medien schon sorgen, und wenn es (hoffentlich) das Letzte sein wird, das sie tun.

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