Finsternis zum Lichterfest – Ein Weihnachts-Roadmovie auf den Spuren des Rentier-Schlittens (Teil1)

Gut unterrichtete Kreise behaupten seit langem, jenen Knecht Ruprecht, alias Santa Claus, alias Weihnachtsmann hoch im Norden gesichtet zu haben. Grund genug, endlich Licht in das Dunkel zu bringen.

ROSTOCK/GEDSER  Zu behaupten, ich hätte nie an Sinnhaftigkeit und Ertrag des Projekts gezweifelt, wäre gelogen. Kurz vor Rostock hatte die Autobahnpolizei ein erstes beweiskräftiges Reisefoto von einem Weihnachtsmann geschossen, der mir unglücklicherweise verdächtig ähnlich sah und zu schnell unterwegs war. Und als sich wenig später die „Prins Joachim“ mit dem Auto im Bauch mühsam vom Pier weg über die Ostsee gen Dänemark schob, stand ein eher grübelnder Weltflüchter an der Reling. Manche Idee ist viel faszinierender, solange man nicht versucht, sie in die Tat umzusetzen.

Projekte wie dieses, leben schließlich mindestens zur Hälfte von den Bildern, die man im Kopf mit sich herumschleppt und immer wieder prüfend vor die Realkulisse hält. „Du fährst da eine endlose Landstraße entlang, stellst dich am Ende auf einen ziemlich zugigen Felsen, blickst hoch und siehst – nix!“, hatten sie gewitzelt. Am besten man erzählt in solchen Fällen erst gar nicht, was man vorhat. Wenn man es genau nimmt, ist dies eine Art Rückwärts-Reportage: Wie kommt alle Welt auf die Idee, ausgerechnet dort oben im hohen Norden müsse jener bärtige Geselle mit seinen Rentieren hausen?

Welche Indizien lassen sich zwischen Wäldern, Fjorden und Bergen finden, die dafür sprechen, dieser viel älteren Mythen-Figur eine so eisige Heimstatt zuzuweisen?

„Was suchst du dort oben eigentlich?“, mobbten sie auf einer Party. Diskussionen über Obama oder den Zustand der Linkspartei waren erfreulicher als dieser Vorab-Defätismus beim Zerbröseln einer Idee, die eben noch ganz plausibel gewesen war. „Wenn ich wüsste, was ich suche, wäre es eine ziemlich langweilige Geschichte“, gab ich trotzig zurück und war auf eine unbestimmte Art völlig sicher, ungemein spannende Spuren in den Weiten Nordnorwegens zu finden. Ein kämpferischer Optimismus, der an Bord der schwer im Herbststurm schwankenden und schiebenden „Prins Joachim“ bald einem eher flauen Gefühl im Magen wich.

Ganz auszuschließen war es aber auch nicht. Und wenn die Sicht nicht besser würde, als dieser fies tröpfelnde Nebelbrei gleich hinter der Bordwand, müsste Rudolf schon eine Leuchtbojen-Nase haben und einen ganzen Schellenbaum lieblicher Glöcklein mit sich herumtragen, damit ich ihn kurz vor dem Zusammenprall erkennen würde.

Im Grunde ging es wohl gar nicht so sehr darum, den allzu platten Märchen von grazil tänzelnden Karibus und Säcken von Glitzergeschenken auf barock verziertem Schlitten hinterher zu fahren. Im Grunde bestand meine Hoffnung darin, durch das Besichtigen der Schauplätze herauszufinden, warum wir gerade diese Geschichten erfanden und immer wieder liebevoll hervorholten. Warum wärmten wir uns alljährlich an der Vorstellung des Mützen-Mantel-Mannes, der aus der Kälte kommt und Geschenke in die Schornsteine wirft? (Selbst bei Wohnblocks mit Zentralheizung!) Denn in die Wiege gelegt war es dem Heiligen Nikolaus, der mit einiger Berechtigung als das Ur-Vorbild der meisten schönen Bescherungen gelten kann, nicht, dass er eines Tages vom Nordpol her kommen sollte. Diesen Posten mitsamt Werkstatt und Dienstfahrzeug haben wir dem Bischof von Myra vermittelt, der im 4. Jahrhundert ein gutes Herz für Kinder, Arme, Mühselige und Beladene gehabt haben soll. Auf welchen Wegen er seine Produktionsstätte vom sonnigen Mittelmeer in die Arktis verlagerte, davon wird später noch die Rede sein. Offenkundig aber gab es schon wenige Generationen nach dem Tode Jesu das Bedürfnis, neben der

mitunter nicht ganz einfachen religiösen Botschaft noch einen ganz schlichten, warmherzigen Heiligen an seiner Seite zu wissen. Völlig außer Konkurrenz für den Heiland, versteht sich.

Der andere Ausgangspunkt dieser Geschichte liegt wohl in einem dieser Kaufhäuser, in denen man vor dem Fest um keine Ecken biegen kann, ohne glitzernde Kugeln herunterzureißen oder Lametta-Flusen am Jackenärmel zu ernten. Das ganze Gerammel und Gedrängel ist so besinnlich und harmonisch wie die singenden-klingenden Glöckchenlieder, die einem selbst auf der Kaufhaus-Toilette noch vom Deckenlautsprecher ölig in den Hemdkragen getröpfelt werden. Irgendwann einmal muss mir im merkantilen Fliesengeviert Chris Rea „Driving home for Christmas“ mit seiner rauen Stimme ins Ohr gesäuselt haben. Und irgendwie klang das plausibel. Und ein wenig nach Flucht. Nach Hause war auf jeden Fall weg von all dem hier, und vielleicht kam mir dabei der Gedanke, es müsse so ziemlich das Gegenteil von all dem sein: nicht hell, nicht warm, nicht lieblich und vor allem nicht überlaufen.

Man wird zugeben müssen, dass unter diesen Vorgaben das Nordkap einigermaßen nahe liegt. Wenn es denn nicht so fern wäre. Ein Problem, dass sich lösen lässt und bei näherem Hinsehen sogar Teil der Lösung ist. Denn bei all der Wusel-Mobilität, die uns ständig für irgendwelche Ziele und sinnlose Pünktlichkeiten in Bewegung setzt, wäre es doch fast schon eine Geste zivilen Widerstands, sich für eine Sache auf den Weg zu machen, die – wie man es dreht und wendet – nicht ganz von dieser Welt ist. Und schon gar nicht rentabel und zweckmäßig. Auf die Suche nach Weihnachten. Einen Roadmovie in die Kindheit. Dorthin, wo all die Bildern und Träume herkommen. Angeblich.

(morgen mehr)

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Eine Antwort to “Finsternis zum Lichterfest – Ein Weihnachts-Roadmovie auf den Spuren des Rentier-Schlittens (Teil1)”

  1. Kurt Says:

    Lesenswerter Beitrag! Ich werde da noch mal nachhaken!

    Gefällt mir

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