Santa-Suche, Teil 2: Heiliges Handy

ROSTOCK/GEDSER. Kilometer 237: Diesig, 10 Grad Celsius, Null Weihnachten. Warum der Weihnachtsmann niemals mit der Fähre übersetzt, versteht man auf den ersten Blick: Was bliebe von diesem wunderbaren Zottelmann, der sich über ignorante Eltern und garstige Geschwister hinwegsetzt, der alles weiß und sieht und die Rute längst zum schmückenden Reisig-Accessoire abgerüstet hat, wenn er hier zwischen Container-Trucks und Wohnmobilen warten müsste, bis ihn Männer in Leuchtwesten einweisen?! Spurtreu. Während der Überfahrt ist das Schlittendeck geschlossen. Der Bord-Shop öffnet in 15 Minuten.

Auf der anderen Seite der Ostsee ist es immer noch Kilometer 237. Dafür beschwert sich das Anti-Diebstahl-System des Wagens, weil es im kräftigen Schaukeln der Fähre offenbar die illegale Verladung zum heimlichen Osteuropa-Export vermutet. Da hilft nur gutes Zureden. So ein Hightech-Mobil ist halt auch nur ein Rentier.

Und natürlich will auch das Handy seine Streicheleinheiten. Wie bei allen noch folgenden Grenzübertritten, meldet sich der Taschenfernsprecher piepsend zu Wort, um einen „in Europa“ willkommenzuheißen und über die tollen Tarife im Gastland in Kenntnis zu setzen. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir daran erinnert werden, dass man aus dieser Welt nicht so einfach flüchtet. Das Handy erzählt ungefragt weiter, aus welchem Staub wir uns gemacht haben und wohin. Es funkt zurück in die Welt der Lichterketten-Boulevards und Blinkrosetten-Fenster. Es loggt sich ungefragt in irgendwelche Server, legt uns an die elektronische Kette und weiß immer ein Konto zum Abbuchen – ganz egal, wo wir uns auch zu verstecken suchen.

Es klingt wie der Hohn einer stets gegenwärtigen Allmacht, wenn das Navi auf der anderen Seite des Meeres kühl seine Route berechnet und uns den Weg weist. In dieser Welt, soll das unausgesprochen wohl heißen, gibt es nichts mehr zu entdecken. Leg du dir deine Fluchtwege zurecht – wir kennen sie schon. Diese Welt ist ausgeleuchtet und überwacht bis in die Ecken. Armer Irrer, flüstert es mit der kranken Stimme des frühen Klaus Kinski, und es wäre kaum noch verwunderlich, wenn im Display das Gesicht von Dr. Mabuse auftauchen würde: Die Route ist berechnet…

Hier Übersinnliches finden zu wollen, wo alles bestenfalls sinnvoll und nicht selten sinnlos ist, ist reiner Irrsinn, grinst es hämisch aus dem Navi-Bildschirm. Und aus anfänglicher Bangnis wird nun Trotz. Irgendwo werden wir dieses Weihnachten schon finden, selbst wenn das Navi nicht mitspielt. Los jetzt. Weiter. Nordwärts!

(morgen mehr)

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Eine Antwort to “Santa-Suche, Teil 2: Heiliges Handy”

  1. Ferdi Says:

    Toller Artikel! Ich werde da nochmal versuchen mehr zu erfahren!

    Gefällt mir

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