Teil 5: Gesucht: Weihnachts-Personal

GÖTEBORG „Was suchen Sie?“, sagt die Frau an der Tankstelle und blickt etwas skeptisch von schräg herüber. Ich hätte gar nicht erst davon anfangen sollen. Sicherheitshalber zieht sie rasch die Kreditkarte durch – bei Leuten, die den Weihnachtsmann suchen, kann man ja nie wissen. „Tja“, sagt sie dann, „wenn Sie ihn in Malmö nicht gefunden haben, sollten Sie weiter nach Oslo fahren. In Göteborg ist er bestimmt nicht, da wohn ich.“ Dann grinst sie, und ich frage mich, ob sie mich nur für meschugge oder für einen ganz normalen Deutschen hält. Wer das Besondere sucht, muss damit leben, dass die Welt voller Ignoranten ist.

Das       rastlose             Fahren ist Selbstbetrug auf Rädern, weil es einen Auftrag, eine Mission vortäuscht. Es ist die Flucht vor dem dröhnenden Vorweihnachts-Stillstand daheim. Wer sich bewegt, hat augenblicklich ein Ziel. Er muss ja nur stehenbleiben, um anzukommen. Wer gleich stehenbleibt, war niemals weg. Dieses immer-weiter-müssen wirkt wie eine Therapie. Trauer und Schmerz über das ewige Zurücklassen und Verlieren im Leben kuriert man mit exzessivem Verschlingen von Neuland unter der Vorderachse. Im Alltag streicht das Leben an einem vorbei, beim Fahren macht man sich vor, selbst durch seine Tage zu surfen. Das eigene Leben wird besichtigt – ein Selbstbetrug fürs Fahrtenbuch.

Längst sind die roten Schwedenhäuschen am Straßenrand zum Standard geworden. Unter ihren hölzernen Terrassen und Vorbauten wohnen jene Wichte, die als qualifizierte Mitarbeiter vermutlich mit den Ausschlag für die Ansiedlung Ruprechts in dieser Erd-Ecke gegeben haben: Nisse. Tomte nennen sie die Schweden, auch die Nor weger kennen sie, und man darf sie ja nicht mit den Trollen verwechseln. „Julenisse“ (Weihnachtsnisse) sind eigens mit den Vorbereitungen fürs Fest beschäftigt und wollen mit einem Schüsselchen Reisgrütze belohnt werden. Dunkel genug, um sie zu treffen, ist es inzwischen.

Kilometer 783: Der Volvo singt. Ein freudiges Schnurren dringt unter der Motorhaube hervor, so scheint es. Im letzten Nachmittagslicht rollen wir auf der Schnellstraße durch Göteborg, wo seine Wiege (besser sein Fließband) stand. Hinter der Stadt schneidet sich die Straße durch dunklen Fels, bricht unvermittelt wieder daraus hervor und überspannt wie selbstverständlich mit atemberaubenden Brücken die tiefsten Abgründe. Die Mittelwelle im Autoradio schweigt; das letzte deutsche Wort von NRD-Info ist längst im Äther verrauscht, und das Navi zeigt statt der neuen Straße nach Oslo nur tote Wildnis. Dass die Zivilisation mich so schnell im Stich lässt, hätte ich nicht gedacht.

(morgen mehr)

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Eine Antwort to “Teil 5: Gesucht: Weihnachts-Personal”

  1. Dennis Says:

    Mahlzeit, ich bin mal so frei und poste mal was auf deiner Seite. Sieht super aus! Ich benutze auch seit kurzem WordPress steige aber noch nicht durch alle Funktionen durch. Deine Seite ist mir da immer eine gute Inspiration. Weitermachen!

    Gefällt mir

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