Teil 9: Wie Ruprecht auf den Schlitten kam

TRONDHEIM Kilometer   1440: Vom Fjell geht es wieder hinunter in die Niederungen der Fjorde und Seen. Die Straße windet sich zwischen Felswänden hindurch, Wasserfälle rauschen gleich neben dem Asphalt aus dem Stein. Der Nachteil der Roadmovie-Romantik besteht darin, dass man all das nicht anfassen, nicht mit der Hand Wasser aus einem See schöpfen oder einen der Pfade hochsteigen kann. Zu sehr sitzt die Zeit im Nacken.

Einen Teil jener Zeit-Maschinerie, die einen daheim täglich foltert, hat man unfreiwillig doch mit auf Reisen genommen. Mehr als 600 Kilometer sind am Tag auf gewundenen Landstraßen beim besten Willen nicht zu schaffen. So bleibt der größte Teil der Traumlandschaften hinter Glas und vielleicht ein Abbild des Zeitgeistes, der alles immer schneller und effizienter haben will. Instant-Abenteuer, leicht löslich in späteren Erzählungen und Dia-Shows auf dem Computer. Und eigentlich weiß man während der Reise schon, dass man jene Wehmut, die einen später unweigerlich in der Erinnerung ankommt, jetzt in diesem Augenblick stillen müsste. Und schafft es nicht.

Vielleicht, so keimt der Verdacht, ist nicht die Flucht mit dem Auto das richtige Widerwort auf all die rastlosen Umtriebe der westlichen Gesellschaft, sondern entlegene Sesshaftigkeit. Nicht einfach woanders herumhetzen, sondern den Stillstand pflegen. Immerhin: Das Fahren mit 80 km/h kommt einem Deutschen auch so schon mitunter als arge „Entschleunigung“ und Meditation vor.

Apropos: Die Fortbewegung des Weihnachtsmannes scheint übrigens eine europäische Gemeinschaftserfindung zu sein. Nachdem die Holländer ihren „Sinterklaas“ mit in ihre amerikanischen Kolonien gebracht hatten, wurde nach der Eroberung der besetzten Gebiete (etwa rund um das heutige New York) durch die Engländer der Heilige Mann kurzerhand in „Santa Claus“ umbenannt.

Beim Re-Import nach Europa – so könnte es zumindest gewesen sein – nahm der Mythos Elemente aus der nordischen Götterwelt auf. Thor und Balder sollen hier bei einer ebenfalls sehr alten Figur im skandinavischen Raum Pate gestanden haben, die mit Rute (Fruchtbarkeit) und Nüssen (haltbare, energiereiche Nahrung) auf den Winter vorbereitete. Und hier, so steht zu vermuten, bekommt unser guter Ruprecht endlich auch seinen Rentierschlitten. Schließlich war er als Holländer noch mit dem Schiff unterwegs, was angesichts des enorm gewachsenen Zustellgebiets wohl nicht mehr passend erschien.

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5 Antworten to “Teil 9: Wie Ruprecht auf den Schlitten kam”

  1. EJ Says:

    Mehr als 600 Kilometer sind am Tag auf gewundenen Landstraßen beim besten Willen nicht zu schaffen.

    Theoretisch, meinen Sie? Tatsächlich fahren Sie aber mit angezogener Handbremse?

    600 km/täglich wären mehr als das Doppelte Ihrer bisherigen km-Leistung.

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    • ralfschuler Says:

      Schön, die Statistiker immer im Nacken zu wissen, die aus so einer Geschichte die letzte Romantik herausrechnen! Ich fahre ja nicht in 24 Tagestouren, sondern habe täglich Stücke geschrieben, die auch mal an anderen markanten Punkten angebunden sind, wo ich nicht übernachtet habe. Aus Kostengründen hatte ich aber eine Woche hin und eine Woche zurück angesetzt, und da merkt man doch schnell, dass das nur mit harten Fahren gegen Zeit und Strecke zu schaffen ist. Hinzu kommt noch etwas anderes: Je weiter nördlich man kommt, desto länger werden die fast verlassenen Regionen, so dass es nicht ganz einfach ist, spontan außerhalb der Saison im Winter ein Quartier zu finden…
      Aber wenn ich mit weiteren logistischen Hintergründen dienen kann, bin ich jederzeit gern bereit.

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      • EJ Says:

        OK., ja. Tut mir leid! Wie in anderem Zusammenhang angedeutet, finde ich die (kapitalistische) Rationalität ja auch Mist. Aber die Lage ist eben so. Wir hab’n nix anderes mehr. Wo Sie hinter jedem imaginierten Busch den Weihnachtsmann suchen, finde ich den Bankster oder den Politiker oder den Journalisten (besonders häufig den Wirtschaftsjournalisten). Is‘ eben so. Es gibt kein Vertrauen mehr. Kann ich auch nix für.

        Aber es gibt Hoffnung: In ’n paar Jahren machen wir vielleicht eine Serie großer Hollywood-Gangster-Schinken draus. All die Paten und all die Al Capones und all ihre Helfer in den großen Hollywood-Trickstudios entlarvt und auf Zelluloid gebannt – dann kommen auch das Vertrauen und die Romantik hoffentlich wieder. Und dann klappt’s auch vielleicht mit Ihrem Roadmovie.

        Nix für ungut. Und: Gute Reise bis dahin!

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      • ralfschuler Says:

        Nur mal, damit kein Zweifel aufkommt: ich bin die ganze Strecke wirklich gefahren! Und ich im Blog ohnehin etwas politiklastig bin, wollte ich mal was lockeres machen…
        Mal abgesehen davon, dass es ein wahsinnstrip ist, den ich jedem nur empfehlen kann…

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      • EJ Says:

        Um es mal so zu sagen: Meine Skepsis war durchaus auch neidbeflügelt.

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