Teil 11: Nachts fahren – wie Santa Claus

GRONG | Es gibt Leute, die versuchen tatsächlich auszurechnen, mit welcher Geschwindigkeit sich der Weihnachtsmann in der Heiligen Nacht fortbewegen müsste, um alle statistisch erfassten Kinder zeitnah zu beschenken. Das ist natürlich blanker Unsinn. Nur Kleingeister können auf die Idee kommen, ihr lächerliches Maßband an die Taten des Heiligen Nikolauses anzulegen. Außerdem gibt es auch viel zu wenig Erfahrung mit seiner Art der Fortbewegung.

War es um 16 Uhr in Trondheim schon dunkel, so ist es eine halbe Stunde später und dreißig Kilometer nördlich stockfinster. Bei der Einfahrt in einen leicht abschüssigen Tunnel breche ich kurz in Panik aus, weil binnen Sekundenbruchteilen sämtliche Scheiben beschlagen. Von außen. Als hätte wer ein Tuch über den Wagen geworfen, sitze ich plötzlich in einer Blind-Kabine, die mit 80 Km/h durch den Berg rauscht. Der Schacht wirkt wie eine Esse, warme, feuchte Luft vom anderen Ende steigt in der Röhre auf und schlägt sich blitzschnell an den kalten Scheiben der einfahrenden Autos nieder. Der hektische Wisch an der Scheibe bringt nichts. Unvermittelt bremsen wäre Wahnsinn. Schweißnass und vor Angst noch schlotternd finde ich schließlich den Scheibenwischer-Hebel und bin zurück auf der Straße.

Sobald aber die letzten Stadtlichter aus dem Rückspiegel verschwunden sind, sieht man nur noch schwarz. Erst, wenn sich die Augen daran gewöhnt haben, gibt es selbst in dieser Lichtlosigkeit noch Akzente. Bedrohlich kalt liegen die blanken Flächen von Seen und Fjorden neben der Straße. Vereiste Wasserfälle an den Felswänden werfen seltsame Reflexe der Scheinwerfer zurück. Gebe der Herr, dass der Wagen nicht ausgerechnet hier mit sich ins Unreine kommt.

Höchstens die Truckfahrer könnten dann vielleicht noch helfen, deren Gefährte von Zeit zu Zeit wie Polarlichter über dem Wald ihren Schein voraus werfen. Als strahlende Ritter kommen sie einem wenig später entgegen und kämpfen mit allem gegen die Dunkelheit, was ihre riesigen Lampenläden hergeben. Schön, dass offensichtlich auch ihnen diese Finsternis nicht ganz geheuer ist.

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