Teil 12: Auf Abwegen

Trucker, die alle halbe Stunde aus dem Schwarz auftauchen, sind gegen die Dunkelheit gut gerüstet. Die Profis der endlosen Landstraße scheinen sich in Norwegen von Hause aus gegen die langen Nächte zu wappnen und pflanzen elektrische Lichterbäume auf schweren Gestellen rund um ihre Fahrerhäuser. Wer immer da im dunkeln lauern mag, er wird ferngehalten von den Beschwörungen der Halogen-Strahler.

Haben hier die Lichterbäume und Kerzenhalter ihren weihnachtlichen Ursprung? Im Kampf gegen die garstigen Ungewissheiten, die irgendwo verborgen liegen und dem Schlittenmann in die Quere kommen könnten?

Benommen von all dem Licht, klammere ich mich nach jeder Begegnung mit einem wandernden Licht-Dom auf Rädern an mein Lenkrad und fräse mich weiter durch die Nacht. Die einzige Hoffnung in diesem von Schwarz gefluteten Land ist das Navi. Es kennt den Weg – sollte es zumindest und bringt mich sicher ans Ziel. Dachte ich.

Wer auch immer die Einstellungen des Gerätes vorgenommen haben mag, er hat ihm strengste Straßenpflicht auferlegt. Doch das erfahre ich erst später. Es wird noch einige hundert Kilometer brauchen, bis ich begreife, dass der elektronische Reiseleiter Fähren als unsportliche Hilfsmittel betrachtet. Irgendwo in der Ferne kurz vor Narvik wäre eine Bucht zu überqueren auf der Küstenroute, die ich mir grob eingeprägt hatte. Weil Schiffe und Wasser für den Orientierungssinn meines Volvos aber keine Option sind, lotst er mich kurz hinter Trondheim auf eigenen Wegen ins Hinterland. Wenn es stockfinster ist und draußen weit und breit nur Skandinavien, fällt das nicht so rasch auf.

Eine gute Stunde vergeht, bevor ich stutzig werde, weil keine Küste mehr auftaucht. Auch Hinweise auf Narvik und Nordkap gibt es nicht mehr. Statt dessen begrüßt mich das schwedische Handy-Netz. Nächtliche Abwege. Auf der Karte finde ich weit und breit die Ortschaften nicht, durch die ich komme. Ein leichtes Unwohlsein kriecht vom Gaspedal aus aufwärts. Wo bin ich? Wohin fahre ich?

Mitten in der Dunkelheit taucht eine Gestalt am Straßenrand auf. Mit einer Flinte über der Schulter. All die Bücher von Stieg Larsson und Joe Nesbö, die ich früher mal gelesen habe, sind mir in diesem Augenblick keine Hilfe. Im Gegenteil. Ungute Bilder und Ahnungen, die nicht sein müssten, wenn man sich das Hirn nicht aus Langerweile mit kranken Horror-Geschichten füttern würde.

„Nein“, sagt der Mann auf Englisch aus dem Dunkel heraus, während seine Doppelläufige abgeknickt über der Schulter liegt. „In dieser Richtung kommt man zur schwedischen Grenze. Sie müssen diese Straße wieder zurück bis zur Küste…“ Es ist Nacht, es ist kalt und es fällt ein tückischer Niesel, der sofort gefriert. Und zu allem Überfluss habe ich viel Zeit mit meiner Irrfahrt verloren. Die schönste Weihnachtsmann-Expedition verliert in solchen Momenten an Witz.

Eine knappe Stunde später bin ich wieder an der Fehler-Kreuzung. Von nun an fahre ich gegen den Protest des Navi an, soll ständig wenden oder anderen Routen nach Osten folgen. Ich denke ja nicht dran. Manchmal braucht man auch Ratgeber, um zu wissen, was man nicht will. Einfach sich selbst folgen – ist das der richtige Weg nach Weihnachten?!

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4 Antworten to “Teil 12: Auf Abwegen”

  1. ich Says:

    Bilder ?

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    • ralfschuler Says:

      Sorry, ich fotografiere mit einer analogen Kamera mit Film. Da braucht man viel Zeit, wenn man ordentliche Bilder machen will, längere Pausen und Zeit, die ich leider nicht hatte. Hinzu kommt, dass mit fortschreitender Reise das Tageslicht-Fenster immer kleiner wurde.
      Beim nächsten mal nehme ich einen Fotografen mit…

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  2. KD Says:

    Lieber Ralf Schuler, ich lese nun schon seit ein paar Tagen Ihren Reisebericht und finde viel Vergnügen daran, weil ich „da oben“ mal ein ähnliches Experiment unternommen hatte (allerdings nicht als „Weihnachtsfahrt“. Ich wünsche Ihnen gute Fahrt, und es ist jammerschade das Sie keine Kamera dabei haben, „ordentliche“ Bilder sind doch totlangweilig, zudem findet man sie zu Tausenden in Profiqualität im Web. Also eine 3 Megapixel-Handycamera tuts auch. Hauptsache authentisch ! Weiterhin Glück und gutes Gelingen!

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  3. ws Says:

    glückwunsch zu der abenteuerlichen fahrt im winter. ich hatte diese tour letztes jahr im spätsommer gemacht, allerdings in umgekehrter fahrtrichtung (kleiner tipp: zurück durch schweden geht’s schneller).
    die strecke zwischen mo i rana und narvik gehört zu den schönsten überhaupt !

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