Teil 14: Es pfeift und faucht ohn‘ Unterlass

LONSDALEN Kilometer: 2105. Der Polarkreis, was immer man sich darunter vorgestellt haben mag, kommt eher unspektakulär daher. Jedenfalls stehen keine Iglus am Eingang. Ein Pfahl mit einer angedeuteten Erdkugel markiert den Punkt, ab dem die Nacht am Tag der Sommersonnenwende ausfällt. Den tatsächlich igluähnlichen Souvenir-Shop auf dem Rastplatz hat es kalt erwischt – nach dem Ende der Sommer-Saison kommen hier nur noch Freaks, Verrückte und Trucker vorbei, hat die Wirtin in der letzten Pension erzählt. Wozu sie mich zählte, hat sie nicht gesagt.

Eine unwirkliche Atmosphäre liegt über der Hochebene. Das Pfeifen des Windes klingt wie eine Hoheitshymne. Eisige Einsamkeit. Hin und wieder donnert ein Truck heran und verschwindet auch wieder. Während ich vorsichtig der Schneise zwischen den roten Markierungsstäben folge, verblüfft mich immer wieder die scheinbare Sorglosigkeit, mit der sie zwanzig Tonnen um vereiste Kurven jonglieren.

Ich gönne mir eine kurze Pause, um den Schnee zu riechen und die Stille zu hören. Der erste Fuß, den ich aus der Autotür setze, fährt augenblicklich gegen meinen Willen davon. Ich krache auf den Rücken und liege unter der Fahrertür: Fein poliertes Eis als Fahrbahn. Wo sich die Winterreifen angesaugen und von der Traktionskontrolle auf Kurs gehalten haben, komme ich kaum wieder auf die Beine.

Über der leeren Hochebene pfeift es. Der Wind treibt weiße Schlieren über das Plateau. Für diesen Moment hat es sich gelohnt, losgefahren zu sein. Abgrundtief ist die Frustration darüber, ihn nicht festhalten zu können. Trotz der bizarren Schönheit oben haben die bewaldeten Uferstraßen an den Seen unten doch auch ihren Reiz: Die Reifen greifen wieder.

Die Zeit sitzt mir im Nacken, und der Wechsel von Temperaturen, Landschaften, Vegetation und Licht ist so atemberaubend, so atemlos, dass man sich erst abends mit etwas Ruhe des unglaublichen Reichtums bewusst wird. Ein Tag in dieser Gegend reicht unter normalen Umständen für drei Wochen Entdecker-Urlaub. Überhaupt deckt eine Stunde Autofahren in Nordnorwegen den Panoramen-Bedarf eines mitteleuropäischen Durchschnitts-Romantikers für mehr als ein Jahr. Spätestens dann will er wieder hier hin.

Und Weihnachten? Nein, dass es keine alberne Reise auf den Spuren des Weihnachtsmannes werden würde, wusste ich schon vorher. Eher eine Reise auf der Suche nach dem ursprünglichen, dem wahren Weihnachtsgefühl. Und da glaubt man sich an diesem vereisten und vereinsamten Tor zur Polar-Welt auf seltsame Weise ein Stück näher gekommen zu sein. Das endlose Weiß sieht nach Stille aus und pfeift und faucht doch ohne Atempause.

Ich habe Glück, dass es gerade hell ist, als ich den Polarkreis passiere. Doch obwohl man weit über die Ebene blicken kann, ist es ein mulmiges Gefühl. Kleine Wölkchen vom laufenden Motor steigen hinter der Heckscheibe hoch, und man muss nicht all zu viele Horrorfilme gesehen haben, um bei dem Gedanken zu schaudern, dass der Wagen jetzt liegenbliebe. Oder einfach losführe, während ich draußen im Schnee meine Hände rot grabe.

Es ist fremd und fern hier, vielleicht gerade wegen der Laster, die von Zeit zu Zeit vorüberdonnern. Fast kann man das Raunen aus den Bergen hören: „Von hier an wirst du allein sein. Wenn du tust, was wir befehlen, wirst du eine Chance haben…“ Entweder der Fahrtenkoller oder der Eingang zu einem Land, wo tatsächlich die Steine zu uns sprechen. Weißer Schnee, seltsame Fabeln, die hinter den Schatten hocken: Hier, wo gerade keine Spuren sich in der weiten Kristallebene verraten, muss der Weg Richtung Weihnachten entlang führen. Zumindest erscheint mir das auf einmal ziemlich plausibel. Wo, wenn nicht hier? Weiter geht’s.

Advertisements

Schlagwörter: , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: