Teil 19: Einsamkeit auf dem Weg

ALTA Kilometer 3112: Hinter Alta geht es wieder über eine Hochebene. Am Morgen habe ich mich von den Huskies verabschiedet und verstanden, warum Björn Klauer sich trotz Kälte und Dunkelheit hier kurz vor dem Ende der Welt niedergelassen hat. Als ich am Vorabend ankam, gab es nur das Blockhaus und den fahl beleuchteten Hof. Am Morgen sah man das Tal mit den Bergen dahinter, den See bei der Farm, und es gibt wohl wenige Menschen, die sich von dieser Natur nicht in den Bann ziehen lassen.

Jetzt ist es schon wieder Nachmittag, dunkel, und die mit tiefen Eisrinnen überfrorene Straße existiert nur als wandernde Lichtschneise vor meinen Scheinwerfern. Von drei Seiten umlagert mich die Finsternis. Ein eisiger Sturm versucht, den Wagen aus der Bahn zu drücken. Immer wieder wirft sich eine unsichtbare Wucht seitlich gegen das Gefährt. Trockener Schnee stiebt in staubigen Kristallen sogleich von der Piste. Am Ende der Strecke schmerzen meine Arme, so sehr habe ich mich am Lenkrad verkrampft – aus Angst, es könnte dem Unsichtbaren gelingen, mich ins Abseits zu drängen.

In einem kleinen Fischerdorf biegt die Europastraße Nummer 6 dann auf die letzten siebzig Kilometer nach Norden ab. Die Scheinwerfer wandern über Stockfisch, der auf Gestellen neben der Straße hängt, dahinter schäumt das Meer im Dunkeln. Die Fahrbahn ist von hier an komplett in den Fels geschlagen oder führt auf dem Geröllstreifen zwischen Wasser und Berg entlang, so dass Beifahrern nicht ganz wohl wäre beim Blick über die Leitplanke.

Jetzt, allein und bei Nacht ist es vor allem die Einsamkeit, die mitreist. Je weiter man das Dorf hinter sich lässt, desto bewusster wird einem, dass man auf sich allein gestellt ist. In welche Richtung man auch liefe, niemand nirgends. Nur Wasser und Stein. Allein das Handy könnte helfen. Aber wen sollte man anrufen? Den ADAC? Die Auskunft zu Hause? Man wüsste nicht einmal die norwegischen Notrufnummern. Macht nichts, mein Akku ist ohnehin leer. Im Auto könnte ich schlafen; immer wieder den Motor anlassend, um ein wenig zu heizen. Immerhin habe ich noch einen Kanister Diesel dabei.

Es ist seltsam, dass ich vermutlich gerade dieses Gefühl gesucht habe: Draußen sein, weit weg, frei, ausgeliefert einer feindlichen, rauhen Umgebung und doch auch eins mit ihr. Ohne die Stadt und ihren Festtagstrubel, ohne die anderen, ganz bei sich selbst. Ein Ausbruch, der nicht Angst macht, sondern die ursprünglichen Dinge bewusst. Wind, Nacht, Kälte, sich selbst. Einsamkeit statt Ablenkung, und vielleicht weist all dies gerade auf die Weihnacht zurück.

Einsamkeit ist wohl eines der stärksten Argumente für Weihnachten. Ein Fest gegen das Alleinsein – gegen das Alleinsein des Menschen und der Menschheit. Gottes Sohn kommt mit froher Botschaft zu Hilfe und aus der kalten Gegenrichtung ein Mützenmann, der mit Geschenken aufmuntert. Weihnachten gegen die Einsamkeit, und wo denn einer tatsächlich zu Weihnachten einsam ist, ist das Alleinsein der wohl ärgste Feind dieser heiligen Nacht. Denn eigentlich dürfte das gar nicht sein: Einsamkeit zu Weihnachten, Einsamkeit an jenem Fest, das die Gemeinschaft des Menschen mit einem gütigen Schöpfer feiern will.

Ob man in der Polarnacht nur klarer sieht? Oder auch klarer fühlt?

Advertisements

Schlagwörter: , , ,

Eine Antwort to “Teil 19: Einsamkeit auf dem Weg”

  1. Karoline Says:

    Toller Bericht – möchte diese Route auch bald machen!

    Karoline

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: