Teil 20: Die letzten Meter

HONNINGSVÅG Kilometer 3321: Bis hierher, dem letzten Ort am Fuße des Kaps, war es nur einsam, jetzt wird es verwunschen. Laternen schütten ein rötliches Licht über die Straßen. Seltsame Industrieanlagen zeichnen sich geheimnisvoll in der Finsternis ab. Nur der Hafen ist hell genug erleuchtet, um als sicherer Ort zu gelten. „Das ist hier wie Winterschlaf“, sagt die Frau im einzigen noch offenen Hotel am Ort. „Mittags kommen die Leute von den Dampfern der Hurtigrute, dann ist etwas Leben in Honningsvåg.“

Mit Bussen fahren sie hoch zur Nordkap-Halle, blicken kurz in den Nebel, der um diese Jahreszeit vorherrscht und setzten wieder zu ihren Schiffen über.

„Da oben“, sagt sie, „ist jetzt kein Mensch mehr.“ Es klingt wie eine Warnung. Niemand fährt um kurz nach 18 Uhr noch hoch zum Kap. Aber ich bin nicht den ganzen Tag gefahren, um kurz vor dem Ziel aufzugeben. 25 Kilometer sind es vom Ort bis zur Nordspitze Europas. Entschlossen lege ich den Gang ein und höre die Split-Steinchen im Radkasten prasseln.

Einige Serpentinen geht es steil nach oben auf das Hochplateau. Dann führt die Straße ins schwarze Nichts. Ein Fuchs trollt sich aus dem Lichtkegel, dann ist wieder alles kahl, eisig und einsam.

Der Weg zieht sich durch eine baum- und landschaftslose Ebene. Es ist wie in diesen Filmen, wo nach einer letzten verzauberten Strecke eine andere Welt beginnt. Narnia, Xanadoo, Nirwana. Der Verstand treibt seltsame Blüten, wenn er sich verloren und ausgeliefert fühlt. Irgendwo muss das Tor kommen, hinter dem das Ziel dieser Reise liegt. Das Schild mit den Eintrittspreisen (200 Kronen) vertreibt jenseitige Phantasien. Ganz normal, ganz irdisch: Vor mir liegt das Nordkap.

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