Finale: Weihnachten mit oder ohne Mann

Zwanzig Tage auf der Suche nach dem Santa-Ruprecht-Weihnachtsmann – und nun endlich am Ziel. Von dieser Klippe gibt es für ihn kein Entweichen. Diesmal werde ich ihm mit meinem Volvo den Rückweg abschneiden, ihn stellen und zum Geständnis zwingen: Ja ich bin’s es schon immer gewesen…

NORDKAP Kilometer 3348: Das Rauschen in der Luft könnte von einem Schlitten stammen, von lautlos vorpreschenden Rentieren und dem Polarwind, der um die Geschenksäcke pfeift. In Wahrheit ist es der Sturm, der die tief heruntergezogene Mütze noch über den Ohren flattern lässt. Und aus dem Sehschlitz zwischen Jackenkragen und Wollpudel-Unterkante ist beim besten Willen kein goldumstrahltes Gefährt zu erkennen, das durch den stockschwarzen Himmel zieht. Nicht einmal der Polarstern ist auszumachen. Doch das alles beweist gar nichts. Denn einerseits ist es noch nicht der 24. Dezember und andererseits wird niemand im Ernst glauben, dass Ruprecht nach Fahrplan hier am Nordkap vorbeikommt. Es gehört zum ehernen Gesetz der Dinge, dass mit plumpen, menschlichen Schlichen den wirklich großen Mythen nicht beizukommen ist. Dafür sind sie zu groß und wir zu klein. Solange die Welt noch in Ordnung ist, wird das auch so bleiben.

18.58 Uhr ist es, die Sonne hat sich vor Stunden verabschiedet und uns die Gnade erwiesen, die irdischen Bauwerke am Nordkap, die Kassenhäuschen und die Halle mit den Souvenirständen in der undurchdringlichen Lichtlosigkeit der Polarnacht untergehen zu lassen. Nur die Scheinwerfer des Wagens schälen den kleinen Obelisken aus der Dunkelheit. So- lange der Motor läuft, kann man sich seinen Gedanken hingeben. Ohne ihn wäre es der Horror schlechthin hier draußen.

Stück für Stück hat die Natur auf dieser Reise die Zügel angezogen. Mehr als 3000 Kilometer sind wir gefahren, 2100 Kilometer sind es noch bis zum Pol – hier müssen wir aufgeben. Von der Überheblichkeit westlicher Großstädte haben wir uns hierher vorgearbeitet, wo die wenigen Sonnenstunden den Tag bestimmen, die Felsen den Straßenverlauf vorgeben, der Winter die Zugänglichkeit überhaupt regelt. Der Tag gehört nicht uns; unsere Vorhaben werden von außen begrenzt.

Glauben wir daheim, Wetter und Umwelt ignorieren zu können, so überlebt in diesen Breiten, wer sich mit der Natur arrangiert. Mit etwas Geschick kann man mit ihr bestehen, niemals gegen sie. Die Fronten haben sich im Laufe dieser Fahrt allmählich verkehrt, und wenn irgendwo die Anwesenheit eines überirdischen Geschenkboten wahrscheinlich ist, dann hier in einem Reich, wo Menschen noch leben können, aber längst nicht mehr das Sagen haben.

Allein schon die Tatsache, dass und wie wir der Magie von Orten nachspüren, sagt einiges darüber aus, dass wir trotz all unserer Erkenntnis noch immer nach etwas Jenseitigem suchen. Nein, für mich und all die Touristen, die Jahr um Jahr diesen Felsen besuchen, ist es eben nicht nur ein Stein im Meer. Es gibt eine seltsame Magie der Orte, die wir erleben wollen. So, wie wir auf eine Mole gehen und uns ganz vorn mitten im Meer fühlen. Das Nordkap als Mole im ewigen Eis oder gar als Ausguck in die schauerliche, menschenfeindlich Kälte des Alls.

Es war eine Spurensuche nach einem Mythos, den wir nach Tausenden Jahren Menschheitsentwicklung ganz offensichtlich noch immer brauchen, sonst hätten wir ihn nicht erfunden, liebevoll ausgeschmückt und gepflegt. Je näher wir den ungemilderten Extremen unseres Planeten kommen, desto intensiver ahnen wir, warum wir noch immer Halt suchen in Geschichten, die nicht so gnadenlos sind wie die Realität.

So gesehen gehören Christus und der Weihnachtsmann zur gleichen Familie der Tröster und Hoffnungsspender. Und zu uns, zur Menschheitsfamilie gehören sie sowieso. Womit würden sie sich schließlich beschäftigen, wenn es uns nicht gäbe? Am Ende bleibt die Kernfrage aller Religionswissenschaft, ob wir diese Glaubenswelt erfunden haben, weil unser schwacher Geist sie braucht, oder ob wir in diesen Gestalten etwas benennen und mit Bildkraft versehen, dessen Existenz wir tatsächlich erspüren.

Wirklich klären konnte ich dieses Rätsel auch am nächsten Morgen nicht, als ich in der Dämmerung noch einmal hinauf fuhr zum Kap, um übers endlose Wasser gen Norden zu sehen. Leuchtend rot kündigte sich im Osten die Sonne an. Allein war ich noch immer auf dem Fels. Dieser Blick war die Reise wert. Und heute Abend werden wir es ja sehen, ob ER kommt.

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