Archive for Dezember 2011

Teil 14: Es pfeift und faucht ohn‘ Unterlass

Dezember 16, 2011

LONSDALEN Kilometer: 2105. Der Polarkreis, was immer man sich darunter vorgestellt haben mag, kommt eher unspektakulär daher. Jedenfalls stehen keine Iglus am Eingang. Ein Pfahl mit einer angedeuteten Erdkugel markiert den Punkt, ab dem die Nacht am Tag der Sommersonnenwende ausfällt. Den tatsächlich igluähnlichen Souvenir-Shop auf dem Rastplatz hat es kalt erwischt – nach dem Ende der Sommer-Saison kommen hier nur noch Freaks, Verrückte und Trucker vorbei, hat die Wirtin in der letzten Pension erzählt. Wozu sie mich zählte, hat sie nicht gesagt.

Eine unwirkliche Atmosphäre liegt über der Hochebene. Das Pfeifen des Windes klingt wie eine Hoheitshymne. Eisige Einsamkeit. Hin und wieder donnert ein Truck heran und verschwindet auch wieder. Während ich vorsichtig der Schneise zwischen den roten Markierungsstäben folge, verblüfft mich immer wieder die scheinbare Sorglosigkeit, mit der sie zwanzig Tonnen um vereiste Kurven jonglieren.

Ich gönne mir eine kurze Pause, um den Schnee zu riechen und die Stille zu hören. Der erste Fuß, den ich aus der Autotür setze, fährt augenblicklich gegen meinen Willen davon. Ich krache auf den Rücken und liege unter der Fahrertür: Fein poliertes Eis als Fahrbahn. Wo sich die Winterreifen angesaugen und von der Traktionskontrolle auf Kurs gehalten haben, komme ich kaum wieder auf die Beine.

Über der leeren Hochebene pfeift es. Der Wind treibt weiße Schlieren über das Plateau. Für diesen Moment hat es sich gelohnt, losgefahren zu sein. Abgrundtief ist die Frustration darüber, ihn nicht festhalten zu können. Trotz der bizarren Schönheit oben haben die bewaldeten Uferstraßen an den Seen unten doch auch ihren Reiz: Die Reifen greifen wieder.

Die Zeit sitzt mir im Nacken, und der Wechsel von Temperaturen, Landschaften, Vegetation und Licht ist so atemberaubend, so atemlos, dass man sich erst abends mit etwas Ruhe des unglaublichen Reichtums bewusst wird. Ein Tag in dieser Gegend reicht unter normalen Umständen für drei Wochen Entdecker-Urlaub. Überhaupt deckt eine Stunde Autofahren in Nordnorwegen den Panoramen-Bedarf eines mitteleuropäischen Durchschnitts-Romantikers für mehr als ein Jahr. Spätestens dann will er wieder hier hin.

Und Weihnachten? Nein, dass es keine alberne Reise auf den Spuren des Weihnachtsmannes werden würde, wusste ich schon vorher. Eher eine Reise auf der Suche nach dem ursprünglichen, dem wahren Weihnachtsgefühl. Und da glaubt man sich an diesem vereisten und vereinsamten Tor zur Polar-Welt auf seltsame Weise ein Stück näher gekommen zu sein. Das endlose Weiß sieht nach Stille aus und pfeift und faucht doch ohne Atempause.

Ich habe Glück, dass es gerade hell ist, als ich den Polarkreis passiere. Doch obwohl man weit über die Ebene blicken kann, ist es ein mulmiges Gefühl. Kleine Wölkchen vom laufenden Motor steigen hinter der Heckscheibe hoch, und man muss nicht all zu viele Horrorfilme gesehen haben, um bei dem Gedanken zu schaudern, dass der Wagen jetzt liegenbliebe. Oder einfach losführe, während ich draußen im Schnee meine Hände rot grabe.

Es ist fremd und fern hier, vielleicht gerade wegen der Laster, die von Zeit zu Zeit vorüberdonnern. Fast kann man das Raunen aus den Bergen hören: „Von hier an wirst du allein sein. Wenn du tust, was wir befehlen, wirst du eine Chance haben…“ Entweder der Fahrtenkoller oder der Eingang zu einem Land, wo tatsächlich die Steine zu uns sprechen. Weißer Schnee, seltsame Fabeln, die hinter den Schatten hocken: Hier, wo gerade keine Spuren sich in der weiten Kristallebene verraten, muss der Weg Richtung Weihnachten entlang führen. Zumindest erscheint mir das auf einmal ziemlich plausibel. Wo, wenn nicht hier? Weiter geht’s.

Werbeanzeigen

Teil 13: Eisige Landschaften

Dezember 15, 2011

MO I RANA  Je weiter es nördlich geht, desto stärker schwanken die Temperaturen. In See- und Fjordnähe liegen sie knapp über Null, kommt man höher oder ins Hinterland, sacken sie im Minutentakt in den Keller. Der Temperaturfühler im Tacho ist das einzige Indiz dafür, ob die Nässe auf der Fahrbahn schon Eis ist oder noch Wasser. Eine wirklich verlässliche Hilfe ist er nicht, denn selbst bei deutlichen Plus-Temperaturen meldet sich mitunter das Anti-Blockiersystem mit leisem Knarren zu Wort. Was bleibt, ist langsames und vorsichtiges Fahren.

Gesetzte Etappenziele werden so Makulatur. Nicht meine Planung ist entscheidend, sondern das, was das Wetter und die Straße hergeben. Die Natur teilt mir meine Strecke zu: Mein Wille verwehe in den eisigen Weiten. Überhaupt ist das Gesetz der Straße hier ein anderes als daheim. Das alte Spiel „Wer bremst, hat verloren“ hat hier in ganz anderem Sinne seine Richtigkeit: Wer so schnell fährt, dass er am falschen Ort bremsen muss, hat verloren. Und zwar ziemlich endgültig.

Der richtige Wintereinbruch kommt spät in diesem Jahr. Im Hinterland hat es seit Anfang November geschneit, aber so richtig heftig ist es bislang nicht gekommen. Sonst wäre diese ganze Tour nicht zu schaffen gewesen. Mit einem feierlichen Torbogen wird man in „Nordnorwegen“ begrüßt. Was das genau heißt, erfahre ich im Wortsinne einige Kilometer hinter Mo i Rana. Dort geht es steile Strecken auf die Lonsdalen-Hochebene hinauf. Die Straße sei „frei“, heißt es unten auf einer Anzeigetafel. Allein schon der Hinweis macht stutzig.

Plätze zum Kettenanlegen zeigen, woher der Wind weht. Schon der Aufstieg ist tief verschneit. Die Fahrbahn ist eine geschlossene Eisdecke und ohne Allrad-Antrieb kaum zu bewältigen. Sozusagen mit Ansage beginnt die Eiszeit. Eine berauschende Pracht in Weiß bietet sich oben. Weite, Eis, verfrierende Gesichtszüge und die falsche Kleidung aus dem Flachland – wenigstens der Polarkreis hält in Zeiten des Klimawandels, was er verspricht.

Teil 12: Auf Abwegen

Dezember 14, 2011

Trucker, die alle halbe Stunde aus dem Schwarz auftauchen, sind gegen die Dunkelheit gut gerüstet. Die Profis der endlosen Landstraße scheinen sich in Norwegen von Hause aus gegen die langen Nächte zu wappnen und pflanzen elektrische Lichterbäume auf schweren Gestellen rund um ihre Fahrerhäuser. Wer immer da im dunkeln lauern mag, er wird ferngehalten von den Beschwörungen der Halogen-Strahler.

Haben hier die Lichterbäume und Kerzenhalter ihren weihnachtlichen Ursprung? Im Kampf gegen die garstigen Ungewissheiten, die irgendwo verborgen liegen und dem Schlittenmann in die Quere kommen könnten?

Benommen von all dem Licht, klammere ich mich nach jeder Begegnung mit einem wandernden Licht-Dom auf Rädern an mein Lenkrad und fräse mich weiter durch die Nacht. Die einzige Hoffnung in diesem von Schwarz gefluteten Land ist das Navi. Es kennt den Weg – sollte es zumindest und bringt mich sicher ans Ziel. Dachte ich.

Wer auch immer die Einstellungen des Gerätes vorgenommen haben mag, er hat ihm strengste Straßenpflicht auferlegt. Doch das erfahre ich erst später. Es wird noch einige hundert Kilometer brauchen, bis ich begreife, dass der elektronische Reiseleiter Fähren als unsportliche Hilfsmittel betrachtet. Irgendwo in der Ferne kurz vor Narvik wäre eine Bucht zu überqueren auf der Küstenroute, die ich mir grob eingeprägt hatte. Weil Schiffe und Wasser für den Orientierungssinn meines Volvos aber keine Option sind, lotst er mich kurz hinter Trondheim auf eigenen Wegen ins Hinterland. Wenn es stockfinster ist und draußen weit und breit nur Skandinavien, fällt das nicht so rasch auf.

Eine gute Stunde vergeht, bevor ich stutzig werde, weil keine Küste mehr auftaucht. Auch Hinweise auf Narvik und Nordkap gibt es nicht mehr. Statt dessen begrüßt mich das schwedische Handy-Netz. Nächtliche Abwege. Auf der Karte finde ich weit und breit die Ortschaften nicht, durch die ich komme. Ein leichtes Unwohlsein kriecht vom Gaspedal aus aufwärts. Wo bin ich? Wohin fahre ich?

Mitten in der Dunkelheit taucht eine Gestalt am Straßenrand auf. Mit einer Flinte über der Schulter. All die Bücher von Stieg Larsson und Joe Nesbö, die ich früher mal gelesen habe, sind mir in diesem Augenblick keine Hilfe. Im Gegenteil. Ungute Bilder und Ahnungen, die nicht sein müssten, wenn man sich das Hirn nicht aus Langerweile mit kranken Horror-Geschichten füttern würde.

„Nein“, sagt der Mann auf Englisch aus dem Dunkel heraus, während seine Doppelläufige abgeknickt über der Schulter liegt. „In dieser Richtung kommt man zur schwedischen Grenze. Sie müssen diese Straße wieder zurück bis zur Küste…“ Es ist Nacht, es ist kalt und es fällt ein tückischer Niesel, der sofort gefriert. Und zu allem Überfluss habe ich viel Zeit mit meiner Irrfahrt verloren. Die schönste Weihnachtsmann-Expedition verliert in solchen Momenten an Witz.

Eine knappe Stunde später bin ich wieder an der Fehler-Kreuzung. Von nun an fahre ich gegen den Protest des Navi an, soll ständig wenden oder anderen Routen nach Osten folgen. Ich denke ja nicht dran. Manchmal braucht man auch Ratgeber, um zu wissen, was man nicht will. Einfach sich selbst folgen – ist das der richtige Weg nach Weihnachten?!

Teil 11: Nachts fahren – wie Santa Claus

Dezember 13, 2011

GRONG | Es gibt Leute, die versuchen tatsächlich auszurechnen, mit welcher Geschwindigkeit sich der Weihnachtsmann in der Heiligen Nacht fortbewegen müsste, um alle statistisch erfassten Kinder zeitnah zu beschenken. Das ist natürlich blanker Unsinn. Nur Kleingeister können auf die Idee kommen, ihr lächerliches Maßband an die Taten des Heiligen Nikolauses anzulegen. Außerdem gibt es auch viel zu wenig Erfahrung mit seiner Art der Fortbewegung.

War es um 16 Uhr in Trondheim schon dunkel, so ist es eine halbe Stunde später und dreißig Kilometer nördlich stockfinster. Bei der Einfahrt in einen leicht abschüssigen Tunnel breche ich kurz in Panik aus, weil binnen Sekundenbruchteilen sämtliche Scheiben beschlagen. Von außen. Als hätte wer ein Tuch über den Wagen geworfen, sitze ich plötzlich in einer Blind-Kabine, die mit 80 Km/h durch den Berg rauscht. Der Schacht wirkt wie eine Esse, warme, feuchte Luft vom anderen Ende steigt in der Röhre auf und schlägt sich blitzschnell an den kalten Scheiben der einfahrenden Autos nieder. Der hektische Wisch an der Scheibe bringt nichts. Unvermittelt bremsen wäre Wahnsinn. Schweißnass und vor Angst noch schlotternd finde ich schließlich den Scheibenwischer-Hebel und bin zurück auf der Straße.

Sobald aber die letzten Stadtlichter aus dem Rückspiegel verschwunden sind, sieht man nur noch schwarz. Erst, wenn sich die Augen daran gewöhnt haben, gibt es selbst in dieser Lichtlosigkeit noch Akzente. Bedrohlich kalt liegen die blanken Flächen von Seen und Fjorden neben der Straße. Vereiste Wasserfälle an den Felswänden werfen seltsame Reflexe der Scheinwerfer zurück. Gebe der Herr, dass der Wagen nicht ausgerechnet hier mit sich ins Unreine kommt.

Höchstens die Truckfahrer könnten dann vielleicht noch helfen, deren Gefährte von Zeit zu Zeit wie Polarlichter über dem Wald ihren Schein voraus werfen. Als strahlende Ritter kommen sie einem wenig später entgegen und kämpfen mit allem gegen die Dunkelheit, was ihre riesigen Lampenläden hergeben. Schön, dass offensichtlich auch ihnen diese Finsternis nicht ganz geheuer ist.

Teil 10: Ein Mann mit vielen Deckadressen

Dezember 12, 2011

TRONDHEIM |    Kilometer 1596: Eigentlich hatte ich dem städtischen Weihnachtstrubel entfliehen wollen. Und nun kommt mir Trondheim in die Quere. Weil aber Stau steht auf der Umgehungsstraße, kürze ich durchs Zentrum ab. Seltsam wie anders, weniger bedrängend hier der Vorweihnachtstrubel hier auf mich wirkt. Die Häuser sind niedriger, die Läden kleiner, die Leuchtdekoration nicht so schrill und aufdringlich. Fast könnte man Lust auf einen Einkaufsbummel im Altstadtviertel am Hafen bekommen. Eine Verlockung, die mir neu ist.

Doch wer all das hinter sich lassen will, kann sich keine Rast im Luxus leisten. Bis nach Narvik, der nächsten Station, sind es 900 Kilometer, und von dort noch einmal ein halbes Tausend bis zum Nordkap. Nordkap? Warum eigentlich Nordkap?

Wer erst einmal auf dem Weg ist, vertreibt sich mit Unterwegssein die Sinnfragen. Nicht nur zu Weihnachten.

Als eine Art symbolischen Mittelpunkt der verschiedenen Deckadressen seiner Hochwürden Weihnachtsmann hatte ich mich auf den Weg zum Nordkap gemacht: Der amerikanische Santa Claus wohnt am Nordpol, der skandinavische Rutenmann angeblich im lappländischen Korvatunturi, die Schweden glauben ihn in der Region Dalarna, die Dänen wissen etwas von Grönland, und Väterchen Frost ist irgendwo im Norden Russlands unterwegs. Von den versprengten Niederlassungen seiner Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit wie etwa im brandenburgischen Himmelpfort einmal ganz abgesehen. Dass der holländische Sinterklaas angeblich mit einem Dampfschiff aus Spanien kommt, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Diese Recherche-Reise machen wir dann im nächsten Jahr.

Gedämpfte EUROphorie

Dezember 11, 2011

Mit einem Durchbruch ist das so eine Sache: Beim Tunnelbau, ist er Grund zum Jubeln, wenn es den eigenen Darm betrifft, potenziell tödlich und im Falle von EU-Gipfeln meistens Schmu. Nach den großen Vorweihnachtsfestspielen von Brüssel lohnt es deshalb, das Europa-Panorama noch einmal gründlich auszuleuchten.

Die Ausgangslage: Etliche Länder an der südlichen Peripherie der EU sind durch überbordende Staatsverschuldung an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gekommen. Die ebenfalls hoch verschuldeten, aber wirtschaftlich noch deutlich leistungsfähigeren EU-Staaten im Norden können zwar ihre eigenen Verbindlichkeiten bedienen, geraten aber bei vollem Einstehen und Solidar-Transfer für die Schulden-Länder ebenfalls ins Wanken. An dieser Situation hat sich durch den EU-Gipfel nichts geändert.

Europa kann sich ein Scheitern des Euro nicht leisten und seine Rettung nicht bezahlen.

Der Euro: Geändert hat sich bestenfalls das marktpsychologische Klima in den Euro-Staaten und in der EU ohne Großbritannien: Alle beteuern, jetzt aber wirklich und in echt sparen zu wollen. In Zukunft. Maastricht 2.0 sozusagen. Ab wann die Euro-Schuldenbremsen kontinental greifen sollen, ist ebenso offen, wie ihre nationale Umsetzung. Und ob diese Bemühenszusage die Märkte überzeugt, bleibt einstweilen offen. Wer das inländische Politikgeschehen in Deutschland einigermaßen wach beobachtet, wird ebenfalls Zweifel hegen. Selbst jetzt bei brummender Konjunktur und sprudelnden Steuerquellen, machen wir neue Schulden. Glaubt jemand ernsthaft, wenn 2016 die Schuldenbremse greift und gerade Flaute herrscht, wird es Politiker geben, die die volle Spar-Härte ans Volk durchreichen?

Und schließlich muss man ganz nüchtern feststellen, dass all die nun beschlossenen Sanktionen gegen künftige Schulden-Sünder gut gemeint und richtig sind – einen souveränen Nationalstaat zu etwas zwingen kann man bis heute gleichwohl nicht. (Außer mit Krieg, der hoffentlich aus dem europäischen Zuchtkatalog gestrichen ist!)

Großbritannien: Die Insel habe sich isoliert, heißt es allenthalben. Einem Demokraten (ob nun mit oder ohne DDR-Erfahrung) müssen bei all den Kommentaren und der Schelte die Alarmglocken klingen. Einer, der nicht mitmacht, isoliert sich also. Ist Europa der neue Gleichschritt? Wie glaubhaft ist ein Europa, dass im Angesicht seiner gerade offenbar gewordenen wirtschafts- und sozialpolitischen Vielgestaltigkeit mehr Einheit beschließt?! Je krasser und dramatischer sich die Realität zeigt, desto ungehemmter beschließt man in Brüssel sein Wunsch-Europa, als wäre genau diese Methode nicht schon beim Euro krachend gescheitert.

Wie plausibel ist es also, sich in diesen EU-Laden voll einbinden zu lassen, um „mitreden“ zu können? Der jetzt beschlossene Weg in die Fiskalunion wird notwendigerweise eine Wirtschafts- und Sozialunion nach sich ziehen müssen. Bei allen irrationalen Affekten, die in Grobritannien eine Rolle spielen mögen, ist das Wahren vorsichtigen Abstands hier durchaus mehr als nachvollziehbar: Der Euro hat das Auseinanderklaffen der europäischen Wirtschaftssysteme offenbart – wer sie nun zu einer Fiskal- und Sozialunion zusammenführen will, muss einerseits die Mentalitätsunterschiede glatt bügeln und braucht andererseits eben gerade dazu sehr unterschiedliche ökonomisch-politische Werkzeuge. Im Grunde müsste künftig Brüssel so differenzierte Entwicklungsmodell für Regionen und Länder entwickeln, wie es die Länder wegen der Einheitswährung nicht konnten oder wollten. Es lebe die Zentrale!

In der Sache ist Großbritannien gar nicht so isoliert. Wenn es die beschlossenen Sparsamkeitsauflagen für sinnvoll hält, kann es sie freiwillig jederzeit nachvollziehen und umsetzen. Und dass die Finanztransaktionssteuer zwar Einnahmen generiert, aber kaum lenkende Wirkung auf die Märkte hat, ist inzwischen eine Binsenweisheit. Sie ist ein Schlagwort fürs Volk und alles andere als ein Ersatz für die wirklich dringenden Reglementierungen der Märkte.

Wirklich einbringen hätte London seinen grundsätzlich eher individualistischen Standpunkt in der neuen EU ohnehin kaum, da der Trend zu immer mehr Mehrheitsentscheidungen in Brüssel geht. Mit anderen Worten, der Frust der Kontinental-Europäer sitzt tief, dass sie auch in Zukunft über die Briten nicht stärker mitbestimmen können.

Man kann diesen Umstand auch durchaus sympathisch finden. Schließlich gerät beim Europäischen Einigungsprozess seit langem ein Aspekt völlig unter die Räder: Der Wert der Vielfalt in Europa.

Teil 9: Wie Ruprecht auf den Schlitten kam

Dezember 9, 2011

TRONDHEIM Kilometer   1440: Vom Fjell geht es wieder hinunter in die Niederungen der Fjorde und Seen. Die Straße windet sich zwischen Felswänden hindurch, Wasserfälle rauschen gleich neben dem Asphalt aus dem Stein. Der Nachteil der Roadmovie-Romantik besteht darin, dass man all das nicht anfassen, nicht mit der Hand Wasser aus einem See schöpfen oder einen der Pfade hochsteigen kann. Zu sehr sitzt die Zeit im Nacken.

Einen Teil jener Zeit-Maschinerie, die einen daheim täglich foltert, hat man unfreiwillig doch mit auf Reisen genommen. Mehr als 600 Kilometer sind am Tag auf gewundenen Landstraßen beim besten Willen nicht zu schaffen. So bleibt der größte Teil der Traumlandschaften hinter Glas und vielleicht ein Abbild des Zeitgeistes, der alles immer schneller und effizienter haben will. Instant-Abenteuer, leicht löslich in späteren Erzählungen und Dia-Shows auf dem Computer. Und eigentlich weiß man während der Reise schon, dass man jene Wehmut, die einen später unweigerlich in der Erinnerung ankommt, jetzt in diesem Augenblick stillen müsste. Und schafft es nicht.

Vielleicht, so keimt der Verdacht, ist nicht die Flucht mit dem Auto das richtige Widerwort auf all die rastlosen Umtriebe der westlichen Gesellschaft, sondern entlegene Sesshaftigkeit. Nicht einfach woanders herumhetzen, sondern den Stillstand pflegen. Immerhin: Das Fahren mit 80 km/h kommt einem Deutschen auch so schon mitunter als arge „Entschleunigung“ und Meditation vor.

Apropos: Die Fortbewegung des Weihnachtsmannes scheint übrigens eine europäische Gemeinschaftserfindung zu sein. Nachdem die Holländer ihren „Sinterklaas“ mit in ihre amerikanischen Kolonien gebracht hatten, wurde nach der Eroberung der besetzten Gebiete (etwa rund um das heutige New York) durch die Engländer der Heilige Mann kurzerhand in „Santa Claus“ umbenannt.

Beim Re-Import nach Europa – so könnte es zumindest gewesen sein – nahm der Mythos Elemente aus der nordischen Götterwelt auf. Thor und Balder sollen hier bei einer ebenfalls sehr alten Figur im skandinavischen Raum Pate gestanden haben, die mit Rute (Fruchtbarkeit) und Nüssen (haltbare, energiereiche Nahrung) auf den Winter vorbereitete. Und hier, so steht zu vermuten, bekommt unser guter Ruprecht endlich auch seinen Rentierschlitten. Schließlich war er als Holländer noch mit dem Schiff unterwegs, was angesichts des enorm gewachsenen Zustellgebiets wohl nicht mehr passend erschien.

Teil 8: Auf der Suche nach dem Mützenmann

Dezember 8, 2011

FONNASFJELL  Die schnurgerade Straße durch das Hochland lässt auch den Gedanken freien Lauf. Es hat etwas von amerikanischer Freiheit im hohen Norden, wie der Asphalt so gleichmäßig unter die Räder kommt. Kaum Verkehr, keine Scheinwerfer im Rücken – erstaunlich eigentlich, dass dieser Highway überhaupt irgendwo ankommt.

Mag sein, dass die alljährlichen Werbekampagnen von Coca-Cola zur Verbreitung des Bildes vom standardisierten Weihnachtsmann beigetragen haben (auch darüber streiten sich noch Laien und Experten), Fakt ist allerdings, dass der freundliche ältere Herr mit Bart, Mütze und Pelzmantel schon auf Postkarten des 19. Jahrhunderts anzutreffen ist. Noch verwirrender wird die Geschichte des Gesuchten, wenn wir davon ausgehen, dass der „liebe, gute Weihnachtsmann“ seinerseits bereits zwei Gestalten in sich vereint: die des guten Nikolaus, den wir in unseren Breiten um der vollen Stiefel willen einfach behalten haben und die seines bösen, strafenden Knechts Ruprecht.

Von ihm hat er sich vermutlich die Rute ausgeliehen und den Job im Zuge notwendiger Stelleneinsparungen gleich mit übernommen. Viel- leicht also wird das Reisigwerkzeug wegen der Doppelbelastung heute kaum noch zweckentsprechend verwendet… In weniger stark von Ra- tionalisierung betroffenen Regionen wie etwa Holland (de Swarte Piet) oder Österreich (Krampus) ist die Stelle des Finstermannes allerdings bis heute mit zusätzlichem Fachpersonal besetzt.

Einiges spricht dafür, dass im Zuge der Reformation nicht nur die Rolle der zahllosen katholischen Heiligen kritisiert und gestutzt wurde, sondern damit auch der Brauch um den Heiligen Nikolaus an jedem 6. Dezember in Verruf geriet. Und weil fürderhin gute Christen nur noch die großen Tage des Herrn selbst feiern sollten, nahm man sich wohl vielerorts den netten Geschenkemann mit zum 24./25. Dezember: Klar doch, weg mit all dem papistischen Mummenschanz! Wir feiern nur noch Geburt, Tod und Auferstehung unseres Herrn Jesu. Aber wer wollte an so einem heiligen Festtag dem Weihnachtsmann die Teilnahme verwehren…

Raffiniert eingefädelt, dieser Coup. Sollten sich nicht so haben, die puristischen Herren Reformatoren.

Teil 7: Das Jesulein im Rücken

Dezember 7, 2011

LILLEHAMMER Kilometer 1244: Gleich hinter Lillehammer geht es hinauf ins Bergland. Von einem Moment auf den anderen bleibt der Nebel unter der Straße zurück. Blendend hell ist auf einmal – Sonne über dem Fluss und den Berghängen. Aber auch sie kann nicht verhindern, dass die Temperaturen noch tiefer unter den Gefrierpunkt rutschen. Mit jedem Kilometer schieben wir uns weiter aus dem Lichtkegel, den die Sonne als Tagesstandard auf die Nordhalbkugel schickt.

Irgendwann öffnet sich der Blick auf die Hochebene des Fonnasfjells. Flache Moorseen stehen zwischen Birken, die nur noch als größere Sträucher wachsen. Dahinter Berge, deren weiße Spitzen von keinem Landschaftsmaler hätten besser in Szene gesetzt werden können. Für einen Augenblick frage ich mich, warum noch immer so viele von Kanada träumen, vom Weg nach Alaska durch verlassene Wälder mit einsamen Seen. Den Transatlantikflug kann man sich getrost sparen und vor der eigenen Haustür starten.

Nur die Sache mit Weihnachten macht mir beim Dahingleiten auf meiner „Route 6“, der Europastraße E6, noch etwas zu schaffen: Warum, um alles in der Welt, fahre ich da eigentlich nach Norden? Da ist nun seit gut 2000 Jahren alles klar. Am Heiligen Abend hören wir es in der Kirche, wie Josef mit seinem angetrauten Weibe Maria gen Bethlehem zog und dort nur noch in einem Stall mit Krippe Unterschlupf fand. In Bethlehem selbst stehen sie bis heute in langen Schlangen vor der Geburtskirche. Ganz gleich, was nun Legende ist und was verbürgt – warum haben wir uns zum hoffnungsvollen Jesulein in der Krippe noch den rot-weißen Rutengänger zum Fest eingeladen?

Fahre ich also womöglich gerade in die ganz falsche Richtung? Das Navi jedenfalls weiß auch keinen Rat. Weihnachten kommt im elektronischen Weltenbummler nicht vor. Manchmal hilft da nur menschliche Sturheit. Weiter nordwärts.

Teil 6: Wimmelnde Wichte überall

Dezember 6, 2011

OSLO    Kilometer         993:     Der dichte Nebel, der gleich hinter Göteborg begonnen hat, ist ein idealer Ort für Nisse. Irgendwo da draußen müssen sie sein. Nur sehen lassen sie sich nicht. Schneefelder ziehen sich neben der Straße hin, und die Scheinwerfer schneiden enge Milchglas-Tunnel in den Dunst. Nisse bevölkern nach hiesiger Vorstellung nahezu alle Lebensräume. Neben den Weihnachtsnissen gibt es welche in Kirchen, im Garten, Skovnisse findet man überall in der Natur, Schiffsnisse ähnlich den deutschen Klabautermännern an Bord, und sogar für Druckfehler gibt es welche. Der Name soll angeblich ebenfalls von jenem Nikolaus abgeleitet sein, der erst ein guter Hirte, dann heilig und heute ein international operierender Geschenkzusteller ist.

Die Dänen freilich haben viele andere Geschichten, wie es zur Entstehung der Nisse gekommen sein soll – fast immer hat es damit zu tun, dass einer nicht hilfsbereit zu anderen war und deshalb auf ewig selbst in einen kleinen Helfer verwandelt wurde. Der allerdings ist kein willenloser, stets dienstbarer Geist aus der Flasche, sondern will sehr wohl ordentlich behandelt werden. Andernfalls spielt er seinen Menschen mehr oder weniger üble Streiche.

Das Interessante daran ist, auf welch liebevolle und großzügige Weise die Skandinavier ihre raue, oft abweisende und bedrohliche Umwelt mit allerlei Wesen beleben. Jene Kobolde, die in den Bilderbüchern des Schweden Sven Nordquist so wunderbar wuseln und den Garten von Petterson und Findus bevölkern, machen durch die Vorstellung ihrer Anwesenheit selbst düstere Schluchten und eisige Fjorde weniger furchteinflößend. Wer glaubt da, es sei ein Zufall, dass der amerikanische Grafiker Haddon Sundblom als Sohn skandinavischer Auswanderer1931 den ersten rot-weißen Weihnachtsmann für Coca- Cola zeichnete?

In Gedanken zumindest, bin ich Weihnachten und seinen Männern schon dicht auf den Fersen. Nur Beweisfotos kann ich leider nicht vorlegen, weil die Vororte von Oslo nicht mal im Winter besonders romantisch sind. Schon gar nicht im Feierabendverkehr. Amerikanische Vorort-Straßen, Flachdach-Hallen und Neubau-Areale. Schon kurz nach Mittag ziehen sich die Schatten länglich und verschaffen den finsterenEcken Zuwachs. Und hin und wieder, im Vorbeifahren, in den Augenwinkeln, könnte da wer grinsend gestanden haben. Nur wenn man den Kopf dreht, ist keiner (mehr) da. Oder ist das schon der Koller? Zum Troll mit den Nisse!
(morgen mehr)