Wieder Wulff: Der Payback-Präsident

Selten ist ein Politiker so gnadenlos und so rabiat auf einen Bereich seiner Amtsführung zurückgeworfen worden, der für gewöhnlich sorgsam vom politischen Geschäft abgetrennt wird: die menschliche Eignung.

Je länger die Affäre Wulff andauert, desto peinlicher werden die Gefälligkeiten, Zuwendungen und Freundschaftsdienste, die der einstige Ministerpräsident von vermögenden Gönnern erhalten hat. Es ist die in der Tat verblüffende Quantität geldwerter Nettigkeiten, die in diesem Falle in eine neue Qualität umschlägt.

Während es allerdings vor allem die Medienbranche für eine Zumutung hält, dass ein kungelnder Schnäppchenjäger ausgerechnet das einzige politische Amt besetzt hält, das als moralische und gesellschaftliche Vorbildinstanz angelegt ist, verbittet sich die regierende politische Klasse genau jenen Verweis auf die menschliche Eignung und zieht sich aufs Juristische zurück. Wo kommen wir denn sonst hin!

Mit anderen Worten: Die einen fordern einen vollwertigen Präsidenten, und die anderen meinen: Christian Wulff muss genügen.

Allerdings bleibt der Casus auch beim bloßen Abhandeln der juristischen Fakten nicht frei von Zumutungen. Wenn etwa Wulffs neuer Chef-Verteidiger, Peter Hintze, darauf verweist, dass die Vorwürfe sämtlichst aufgeklärt und beantwortet seien, mutet er der Öffentlichkeit indirekt zu, die windig zusammengenagelten Ausflüchte (Barzahlung, Unwissenheit etc.) als hinreichende Erklärung zu akzeptieren. Eine intellektuelle Beleidigung erster Güte.

Interessant ist freilich der Effekt, dass die häppchenweise Aufklärung zur allgemeinen Übersättigung der Öffentlichkeit geführt hat. Gelten Politiker sonst allgemein als überbezahlte, nichtsnutzige Gauner, die besser mal arbeiten sollten, führen die immer neuen Enthüllungen über das untrügliche Gespür des Herrn Wulff für Kohle dergestalt zum Verdruss, dass man ihm Ruhe und Verbleib im Amte wünscht.

Verkehrte Welt. Auch die Argumentation ist interessant: Rabattjäger-Journalisten sollten sich gefälligst an die eigene Nase fassen und nicht an Wulff abarbeiten. Was denn nun? Wenn es bei Wulff in Ordnung ist, kann man es Journalisten kaum vorwerfen, wenn nicht, dann doch.

Aber es geht nicht nur um den Payback-Präsidenten, der im Falle des Hauskredits im Parlament Halbwahrheiten verbreiten ließ und bei der Finanzierung vom „Nord-Süd-Dialog“ log. Es geht auch darum, dass vom verschwiegenen öffentlichen Geld Bücher gekauft wurden, an denen die Frau vom Sprecher mitgeschrieben hatte. Und darum, dass diese Bücher dann auf einer Veranstaltung verschenkt wurden, die von der Bank gesponsert wurde, die später billig zur Hausfinanzierung beitrug.

Worum es geht, falls das noch jemand wissen will, lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Filz.

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6 Antworten to “Wieder Wulff: Der Payback-Präsident”

  1. max Says:

    Lieber Herr Schuler, als Aussenstehender wundere ich mich etwas über die Reaktionen auf Wulff. Erstens hat er nicht die Portokasse geklaut und zweitens : ja was haben Sie denn von dem erwartet? Man hat einen widerlichen Lappen zum Bundespräsident gemacht, und nun stellt sich heraus, dass dieser sich auch so verhält. Haben Sie wirklich erwartet, dass ein „ich wart mal ab, woher der veröffentlichte Wind pfeift“ sich fernab von Kameras so moralisch verhält, wie es die ach so moralische Journalistenschaft verlangt? (die selbe Journalistenschaft, die gleichzeitig sauber auf Journalistenrabatt reist) Nicht wirklich, oder?

    Ich fand sein „der Islam gehört zu Deutschland“ oder seine Sarazzin Aktion wesentlich schlimmer.

    P.S. Es liegt mir zwar fern, diesen Typen zu verteidigen, allerdings könnten einen Blödheiten von Geistesgrössen wie Bettina „150 Euro“ Schausten fast dazu bringen.

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    • ralfschuler Says:

      Lieber Herr Freuler, über die Reaktionen wundere ich mich auch, aber in anderer Richtung. Wer zweimal dem Parlament die Unwahrheit sagt, galt bisher hierzulande nicht als vor der Presse schutzbedürftig. In welchem Ausmaß Wulff sich hat sponsern lassen, war allerdings vorab nicht erkennbar. Hinzu kommt, dass dieses Amt ja in der Vergangenheit durchaus auch politische Raubeine gezähmt hat, weil man im Grunde nicht mehr taktieren oder bolzen muss. Wulff hat allerdings durch die verquere Art des Umgangs mit den Anfangsvorwürfen selbst am meisten zur Endlosschleife beigetragen.
      Zur politischen Einschätzung der von Ihnen genannten Einlassungen des Präsidenten hatte ich schon früher etwas geschrieben. Es verbietet sich aber im Zusammenhang mit der Affäre, dieses Fass noch einmal aufzumachen, weil er diese Meinungen ja haben darf…
      Was die Rabattsucht von Journalisten betrifft, wird aus meiner Sicht allerdings viel hineingeheimnisst. Tatsächlich jobbezogene Nachlässe gibt es meines Wissens kaum noch. Mal abgesehen davon, dass ein Journalist auch keine gewählter Mandatsträger ist, sondern ein normaler Konsument.

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  2. Andreas Moser Says:

    Bundespräsident Wulff erinnert mich an das folgende Video der Monty Pythons: http://andreasmoser.wordpress.com/2012/01/24/bundespraesident-wulff-angeschlagen/

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  3. Karl Eduard Says:

    Einen Demokraten kann man eben nicht zur Abdankung zwingen, wie ein gekröntes Haupt. Er repräsentiert ja den Volkswillen des Parlaments und darf sicher als einer der Besten gelten, gemessen daran, was man an Volksvertretern so findet.

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  4. bobrobotboy Says:

    Das Juristische:
    Peter “Last Man Standing” Hintze gestern bei Plasberg (ab Minute 45):
    “Es ist ein Unterschied ob ein Bürger ein Ermittlungsverfahren bekommt, mehrere Millionen mal im Jahr oder ob das Staatsoberhaupt eins bekommt. (…) Das ist Gleichbehandlung. Gleichbehandlung setzt immer das Vergleichen von Gleichen voraus.”

    “Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“ (George Orwell)
    http://machtelite.wordpress.com/2012/02/14/hart-aber-fair-wulff-verteidiger-hintze-fordert-zweiklassenjustiz/

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  5. Inuki Says:

    Ich kenne nicht viele Details der Wulff-Affäre, aber so langsam wird es wirklich peinlich. Hätte der Mann eine weiße Weste, was wohl auf kaum einen Politiker zutrifft, dann wäre die Sache schon erledigt.

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