Deutschland, deine Reflexe

Deutschland, deine Reflexe 1: Wenn bei Schlecker 11 000 Frauen arbeitslos werden, hallt der Ruf nach einer staatlichen Auffanggesellschaft durchs Land, obwohl im Einzelhandel 25 000 Jobs unbesetzt sind. Statt den Frauen das Gefühl ihrer eigenen Kraft mit auf den Weg zu geben: Ihr schafft es trotz der Pleite! Ihr werdet gebraucht! – wird erst einmal nach weißer Salbe gesucht, die in der Vergangenheit längst ihre Wirkungslosigkeit erwiesen hat.

Deutschland, deine Reflexe 2: Wenn es darum geht, Eltern, die sich selbst um ihre Kinder kümmern wollen, Unterstützung zu geben, gehen Zeter und Mordio durchs Land, weil hier einem vermeintlich unmodernen, reaktionären Lebensmodell Vorschub geleistet wird: Nieder mit dem Betreuungsgeld!

Das meist gebuchte Argument: Migranten und Prekarier treiben Schindluder mit dem Geld und enthalten ihren Kindern wichtige Anreize vor. Da spukt offenbar ein Bild vom sozialen Normal-Alltag durch einige Köpfe, das ehedem bei Thilo Sarrazin noch der Inbegriff des Bösen war. Hat Deutschland sich womöglich inzwischen doch schon abgeschafft, so dass man mit Rücksicht auf die ausufernde Verelendungsgemeinde deutsche Gesetze nicht mehr an funktionierenden, sondern an versagenden Familien ausrichten muss?

Zudem setze das Betreuungsgeld falsche Anreize für Frauen, eben nicht rasch wieder in den Job einzusteigen. Das ist in der Tat ein Problem: Der verwerfliche Anreiz, sich um eigene Kinder zu kümmern, gegen die gesellschaftlich wertvolle Steigerung des Bruttosozialprodukts. Um die längst wachsende Zahl bindungsgestörter Kinder können sich ja später hauptberufliche Sozialarbeiter kümmern.

Man kann über Sozial-Mechanik und Effekte des Betreuungsgeldes in der Tat diskutieren, nur gerät in Deutschland wieder einmal der ethische Kompass unter dem Einfluss vermeintlicher Modernität absurd ins Kreiseln. In den ersten drei Lebensjahren (und nur um die geht es beim Betreuungsgeld) wächst das Urvertrauen in die Welt: Hier bin ich sicher, hier muss ich mich nicht fürchten, hier kann ich alles schaffen, Mama/Papa sind da. Zu diesem Wert gibt es keine Konkurrenz – zumindest keine, die man aktiv anstreben sollte. Alles baut auf diesen Grunderfahrungen auf.

Wie dumm und krank muss eine Gesellschaft sein, die hier die Elle individueller Entfaltung oder wirtschaftlicher Produktivität anlegt! Als bewiesen nicht täglich weltweit etwa erfolgreiche Asiaten, dass extremer Familienzusammenhalt und Leistung das Maß aller Dinge sind. Als bewiesen nicht täglich die wachsenden Nachsorge-Probleme bei Kindern von Crash-Familien den gesellschaftlichen Wert jedes einzelnen treusorgenden Vaters, jeder sich kümmernden Mutter.

Und ausgerechnet die christlich-konservativen, die all das eigentlich mit der Muttermilch eingesogen haben sollten, zerfleischen sich im Auftrag linker Lebenslügen. Deutschland, deine Reflexe.

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9 Antworten to “Deutschland, deine Reflexe”

  1. rlasson Says:

    Danke Her Schuler, für diesen sehr guten Kommentar. Als „Alleinverdiener“ haben wir uns vieles verkneifen müssen, damit für unsere drei Kinder die Mutter zu hause sein konnte. Als Freiberufler war das oft nicht einfach, aber die Entwicklung unserer Kinder, die jetzt erwachsen und aus dem Haus sind, zeigt, adss unsere Entscheidung, dass meine Frau „nicht arbeitet“, sprich nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, richtig war. Wenn dann unser 23 – jähriger Sohn, als Bespiel, mich von hinten umarmt und sagt: „Papi, Du bist Klasse“, das gleiche auch bei seiner Mutter macht, dann zeigt sich noch deutlicher, dass unsere Entscheidung richtig war. Auch wenn das alles ohne Betreuungsgeld geklappt hat, wünsche ich allen Eltern und Kindern, eine derartige vertrauensvolle und liebevolle Verbindung zueinander.

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    • Roithamer Says:

      Eben, es klappt auch ohne Betreuungsgeld. Und nur dort, wo es auch so klappt, kann das Betreuungsgeld eine Hilfe sein. Ansonsten wird die Gefahr immer größer, dass Menschen sich für Kinder entscheiden, weil es dann Knete vom Staat gibt.

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  2. dw-seneca Says:

    /sign

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  3. Harry Maltster Says:

    Treffend!

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  4. [Aya] Says:

    Zustimmung für die Idee des Betreuungsgeldes.Ich stand gerade vor der Wahl, meine Tochter in die Krippe zu geben und wieder ins Berufsleben einzusteigen oder aber mich für Elterngeld und Hartz4 zu entscheiden.Auch wenn ich damit wieder ein paar Sprösschen auf der sozialen Leiter absteige, habe ich mich entschieden länger zu Hause zu bleiben um mein Kind in den ersten Lebensjahren intensiv zu betreuen. Aus elterlicher Sicht, ist eine Betreuung in der Krippe immer die schlechtere Wahl denn die Zeit, die ich als Elternteil verpasse gibt mir niemand wieder.

    Leider merke ich auch in meinem Umfeld immer wieder, das man schief angeguckt oder hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird, wenn man längere Zeit zu Hause verbringt.Das ewige Bild des assozialen Hartz4-Empfängers scheint sich in den Köpfen der Menschen gut verankert zu haben, wenn man von der arbeitenden Bevölkerung getadelt wird, weil man sein Kind nicht in eine Krippe geben möchte. Armutszeugnis für all jene, die dieser Ansicht verfallen sind.

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  5. markusinyokohama Says:

    Kurz und klasse.

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  6. peeka Says:

    Oh – wirtschaftliche Produktivität ist jetzt eine linke Lebenslüge?

    Wenn ich auch inhaltlich zustimmen kann, so postulieren Sie wiederum auch nur eine bestimmte Ideologie, eben eine konservative.

    Im übrigen ist Ihre Argumentation fast identisch wieder mit der, „linker“ Sozialarbeiter. Diese sagen dann nämlich, es sei besser in ihre Projekte das Geld zu stecken, als neue potenzielle Gefängnisinsassen zu produzieren.
    So setzt sich die Kette fort – für diejenigen, die „links“ mit „böse“ assoziieren, ist das dann halt irgendwie „links“.

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    • ralfschuler Says:

      Konservativ ist klüger. Mir geht es aber gar nicht um links oder rechts, sondern darum, dass zum Beispiel wirtschaftliche Produktivität nicht im Ernst als Argument gegen das Betreuungsgeld verwendet werden kann. Kinderbetreuung wäre demnach unwirtschaftlich und hätte zurückzutreten hinter den Kommerz. Als ob der Job wichtiger wäre als die Kinder.

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      • berlinbeach Says:

        Es geht also eher um die Auseinandersetzung Konservativismus vs. Neoliberalismus, d.h., Sie machen den Heiner Geissler oder den Meinhard Miegel.
        BTW: Warum erhöht man nicht einfach das Kindergeld?
        Im Grunde genommen wäre ein Grundeinkommen – ob bedingungslos oder an Vorbedingungen geknüpft sei mal offen gelassen – die am wenigsten bürokratische Lösung. Es wird aber an Beamten und Ideologen scheitern.

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