Probleme mit dem Wachstum

Man tut den Piraten Unrecht, wenn man sie als kenntnislose Netz-Nerds abtut. Surfen bildet. Wikipedia ist der neue Brockhaus. Martin Delius (27) zum Beispiel, Piraten-Geschäftsführer im Berliner Abgeordnetenhaus, hat sich längst in die strategisch-taktischen Raffinessen moderner Parteizentralen eingearbeitet und die Umfragequoten der Konkurrenz bestens im Blick.

Deshalb weiß Delius auch: „Der Aufstieg der Piratenpartei verläuft so rasant wie der der NSDAP zwischen 1928 und 1933.“ Aus seiner Schulzeit in Halle an der Saale kann er das nicht mitgenommen haben. So detailliert wurde der Aufstieg der Nazis in der DDR nun auch wieder nicht durchgenommen. Eher der heldenhafte Kampf der KPD unter dem damaligen Vorsitzenden Ernst Thälmann, der freilich außer der NSDAP mindestens ebenso intensiv die SPD bekämpfte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nun gibt es Kleingeister, die meinen, der Vergleich zu anderen Parteien außer der NSDAP läge für die Piraten irgendwie näher, schließlich sehen sich Enterhaken und Hakenkreuz auch nicht sonderlich ähnlich. Nur fragt man sich halt, auf welchem Auge die Piraten ihre lustige Klappe tragen und ob demnächst in Deutschland wohl die Server brennen.

Jedenfalls kann es nicht schaden, wenn ein früherer Vorsitzender des Parteischiedsgerichts über ein solides historischen Fakten-Fundament verfügt. Auch an der Programmierung der Meinungsbildungssoftware LiquidFeedback, war Delius maßgeblich beteiligt, so dass vermutlich aus der von Goebbels so erfolgreich durchgezogenen Kampagne des Adolf H. einiges in den Wahlkampf der Piraten einfließen könnte.

Nun gut, Martin Delius hat sich für seine seltsame Analyse entschuldigt. Es war ein Fehler, schreibt er auf seiner Homepage. Denn eigentlich ging es ihm um etwas anderes: „Wir haben – und darauf wollte ich eigentlich hinaus – ein Problem mit unserem Wachstum. Ich halte unsere direkt demokratischen Prinzipien hoch und will sie in einer Zeit erhalten in der es immer schwerer wird die Piraten unter einen Hut zu bringen.“

Das erklärt natürlich einiges. Auf der Suche nach einer Lösung für die „Probleme mit dem Wachstum“ der Piraten, liegt die NSDAP natürlich nahe. Denn die haben erstens kaum Probleme damit gehabt und sie dann auch recht effizient gelöst. Mal sollte vorsichtshalber mal nachfragen, was genau sich Martin Delius da abgeschaut hat. Rein interessehalber….

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11 Antworten to “Probleme mit dem Wachstum”

  1. Sven Mueller Says:

    „Surfen bildet“ – Denken auch:
    Martin Delius war zur Wende fuenf Jahre alt. Soviel zum Thema „Schulzeit in der DDR“.
    Auch ansonsten leider ziemlich polemisch-unsinnig dier Artikel. Dabei gibt es genug andere, ernsthafte Probleme bei den Piraten.

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    • ralfschuler Says:

      Nun endet die DDR-Schule bekanntlich leider nicht mit dem Ende der DDR, und es tut mir natürlich leid, dass ich nicht „sinnvoll-polemisch“ bin. Aber einerseits habe ich auch auf dem Blog zu den anderen „Problemen“ der Piraten schon etliches geschrieben, und andererseits freut es mich zu hören, dass absurde Nazi-Vergleiche nicht zu den „ernsthaften“ Problemen gehören…
      Was hier auf „nett-polemische“ Art und Weise gesagt werden sollte: Es ist mir völlig schleierhaft, wie man beim Nachdenken über das problematische Wachstum einer Partei auch nur ansatzweise auf die NSDAP zu denken kommen kann. Wenn man es böswillig interpretieren wollte, könnte dahinter die Mutmaßung stecken, die Nazi-Partei sei erst durch ihr problematisches Wachstum zwischen 1928 und 1933 mörderisch geworden. Da wären wir dann mitten drin in der Verharmlosungsdebatte. Soweit wollte ich aber noch gar nicht gehen und sehe es bislang erst einmal noch als Dummheit.

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      • Sven Mueller Says:

        Was Sie als „boeswillig interpretieren“ bezeichnen, wuerde ich durchaus auch so verstehen. Da begibt sich Delius tatsaechlich auf duennes Eis und seine Logik ist schwerlich nachzuvollziehen.
        Der Verweis auf die DDR-Schulvergangenheit des Herrn Delius und Ihren Bogen von Adolf H. ueber Goebbels zu LiquidFeedback empfinde ich allerdings als etwas grenzwertige Polemik. So was macht eher Broder, den ich deshalb auch ausserordentlich nicht mag. Also, nichts fuer ungut.

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  2. Milen Says:

    Schicker Avatar, Sven Mueller!

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  3. Roithamer Says:

    Das Wachstum einer Partei sagt nichts über ihren programmatischen Inhalt aus. Es können nur dumme Menschen sein, die in den Piraten eine nationalsozialistische Partei sehen, nur weil es angeblich eine Parallelität in den Wachstumsraten gibt.
    Eine inhaltliche Auseinandersetzung könnte da weiterhelfen. Aber die scheint für unsere Journalisten zu anstrengend zu sein.

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    • ralfschuler Says:

      Hallo!? Das Wachstum der Piraten nennt Delius auf seiner Seite selbst als Grund für den NSDAP-Vergleich. Das habe ich mir doch nicht ausgedacht. Ich habe die Piraten auch nicht in die NS-Ecke gestellt, sondern beschäftige mich mit diesem einen Fall. Nun könnte ich es mir leicht machen und sagen: Wenn die Piraten Inhalte nachliefern, liefere ich die Auseinandersetzung nach. Aber da ich auch auf diesem Blog schön öfter über Piraten geschrieben habe, gibt es da kaum Nachholbedarf. Einfach mal runter scrollen.

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      • Frank Says:

        Die NSDAP wuchs als kleine Partei (um 1931) genauso schnell in ihren Umfragewerten wie heute die Piraten. Der Grund dafür war die Unzufriedenheit mit den im Reichstag damals vertretenen Parteien, den Notregierungen usw..

        Die Zufriedenheit der Wähler mit den etablierten, heute im Bundestag vertretenen Parteien, die in Sachen „Euro-Rettung“ und „EUdSSR“ fast alle das gleiche meinen, dürfte in großen Teilen der Bevölkerung auf ähnlichem Niveau verharren.

        Daher muss der Vergleich nicht sachlich falsch sein, im Gegenteil. Der Vergleich „triggert“ aber ‚wackere Leut‘, die meinen, hier sei etwas „ganz entsetzliches“ zum Ausdruck gebracht und miteinander verglichen worden, was eigentlich gar nicht der Fall war. Denn verglichen wurde der rasante Stimmenzuwachs beider Parteien, nicht beide Pareien miteinander oder gar deren politische Ausrichtung.

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      • ralfschuler Says:

        Ehrlich gesagt, ist es mir völlig wurst, ob die Zuwachsquoten der NSDAP mit denen der Piraten numerisch übereinstimmen, es ist einfach völlig gaga und daneben, dieses Vergleich anzustellen, als sei Hitlers Trupp ein ganz normaler Verein, der in Kürschners Handbuch der Parlamentsgeschichte ebenso neutral zu Vergleichen einlädt wie Zentrumspartei, Bibeltreue Christen oder die Grauen Panther. Die NSDAP markiert einen Raum, in dem kein Mensch bei Trost nach parteigeschichtlichen Parallelen sucht. Wenn man Pilze sucht, geht man in den Wald und nicht in den Keller. Auch wenn Schimmel zu den Pilzen zählt.
        Die Schrägheit des Vergleichs steht hier zur Debatte. Dass Delius ein Nazi ist, habe ich nicht unterstellt. Und natürlich kann man nach den Ursachen für den rasanten Aufstieg der Piraten suchen, der – anders als die NSDAP – ja glücklicherweise nichts damit zu tun hat, dass Verdrossenheit am Parlamentarismus mit rassistischen, nationalistischen und antisemitischen Ressentiments angeheizt und gebündelt wird.

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  4. Ollo Says:

    Ich verstehe nicht, wie man aus so einer schnell dahingesagten (und faktisch vermutlich korrekten) Aussage irgendwelche ideologischen Schlüsse ziehen will. Hätte es denn historisch andere mögliche Vergleiche gegeben? Hm, möglicherweise die SED. Dann müssten wir uns jetzt vermutlich mit irgendwelchen Mutmaßungen über kommunistische Ansichten von Delius rumschlagen. Bislang sieht es für mich eher so aus, als wollten Sie einfach mal so ins gleiche Horn stoßen wie die etablierten Parteien bzw. unsere allseits geliebte Presse. Letztere sehen allerdings wegen der Piraten ihre Felle davonschwimmen, von daher finde ich es bei denen zumindest nachvollziehbar…

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  5. Tanja Krienen Says:

    Die Rolle der Piraten

    Warum und wofür sie gebraucht werden.

    Wenn eine Organisation, die sich gelebte Asozialität buchstäblich auf die Fahne schreibt, sich zum Entern witzelt und Freibeuterattitüden zur Schau stellt, dies alles auch keineswegs abstrakt lebt, sondern durch Forderungen, Parolen und Handeln verkörpert, gleichzeitig durch die Mainstream-Medien, die man früher einmal begrifflich deutlich klarer definierte als herrschenden Medien und als die Apparate der Herrschenden, nun umwirbt und zur Macht schreibt, dass es nach billigster PR eines von Morphinisten beherrschter, viertklassiger Werbe-Klitsche riecht und schmeckt (für die gleichzeitig die Forderungen der Partei wie gemacht scheinen), dann weiß man instinktiv, wie sehr hier eine übergeordnete Taktik zur Anwendung gelangt, deren Motive alle Züge einer Orwellschen Beschreibung besitzen.

    Dies findet in einer Gesellschaft statt, in der zum einen in unzähligen öffentlichen und gesellschaftlichen Begegnungen und Verlautbarungen ein Ton herrscht wie seit fast sieben Jahrzehnten in ganz Deutschland nicht mehr, in der sich ein Duckmäuser und Denunziantentum – welches man seit zwei Jahrzehnten gänzlich überwunden hoffte – durch alle Erscheinungsformen frisst, begleitet von einer Heuchelei, die sich soeben erst als historisch-originäre Epoche manifestiert und von A bis etwa Y das Gesagte beherrscht wie die offene Lüge im geschlossenen Gesicht; zum anderen aber ein anachronistischer Zug ins Anarchistische, Postmoderne, Esoterische, Vor-Zivile, Unwissenschaftliche, Spekulative, Undisziplinierte und Anmaßende mit erhobenem Finger droht weiter „Gutes“ zu tun und dabei in die eigene Tasche steckt – und zukünftig diese Option für alle verspricht – was weder genietet, noch genagelt.

    Die Auflösung des Bestehenden, nicht nur von der Linken und allen „Modernisierern“ verkündet und zu verschiedenen Zeiten mit partiellem Recht, wenngleich, wie wir heute wissen, mit ewig destruktiven Ziel vorgetragen, hat ein nachvollziehbares, intellektuell und moralisch begründetes Ziel längst aufgegeben. Geblieben sind diffuse, „universale“ und global definierte Forderungen, die sich jedoch auf allen Gebieten tradierten Kategorisierungen entziehen. Das gilt für ALLE Richtungen und Schattierungen, von ganz links bis ganz rechts, sämtlichen Fühlern, statt Denkern, ebenso den ultra-liberalen und extrem verschrobenen „Selbstdenkern“ (meist ihren Anspruch grotesk contrakarikierende Eigenbrötler mit einem Weltbild aus Phantasie und Anomalie). Spinner, Blödiane, Drogisten und Günter Jauch-Fans huldigen jenen Obsessionen und Sessionen aus ausgeblendeter Realität, dumpfer TV-Fixiertheit, fehlender Bildung und echter Emotion, um ihre Opposition aus Vernarrtheit in jede Verrücktheit besser zu übertünchen, spannen sie aber dennoch vor den Karren, hinter dem sie sich selbst ins Zaumzeug warfen.

    Die aktuell überall gelebte Asozialität, die Große Koalition antibürgerlicher Kräfte, beginnend bei der Söder-CSU, die Kinderlärm als unumstößliches Recht auf Erden installierte, über die “Liberalen”, die nur das Recht des Eigentümers, nicht aber das BGB kennen wollen, bis hin zu den Piraten, die alles möchten, alles wollen, alles begehren, nur nicht sich selbst preisgeben, und die Lärm und Zähne-Zeig-Fraktion der abstoßenden Optimierer ohne jenes nötige Gedächtnis, sie hat geschafft, was man einst nur grenzdebil-kichernd debattierte: die Aufhebung verstandesgemäßer Prinzipien.

    Um die urkommunistisch-liberale, vorgeistige und animistische Sklaven-Gesellschaft des modernen „Du darfst“, „Geiz ist geil ist geil“ und „Alles geht“ zu schaffen, in der niemand mehr sein Eigentum besitzen und benennen, auch keine Ansprüche mehr reklamieren kann, und somit etwas, das man Geschlecht, Ruhestand oder Kunst nennt, abgeschafft ward, aber auch keine Wahrheit oder falsch und richtig mehr kennt, wird eine Jugend, die längst keinen Schimmer mehr von dem mehr besitzt, was das Wissen um die Zusammensetzung einer bürgerlichen Gesellschaft ausmacht, zu stumpfen Allesfressern, kulturell Depravierten und sprachlich durch keinen Gedanken mehr aufgehaltenen, aber mangels psychologischer Hemmnis, bedingt durch ebenfalls desorganisierter Familien (deren Sinn sie weder erfassen noch je erlebten) bestimmt, in denen sich einzureihen, ein kollektiver Globalreichsparteitag ist.

    Diese Epoche will dem Volk vorsichtig beigebracht werden. Eine Koalition zwischen Roten und Grünen (keine der beiden ist es wirklich), ist bei den nächsten Wahl nicht möglich, denn trotz der medialen Propaganda mit einer argumentativ toten CDU und einer mit falschen Argumenten, aber mit sehr viel Recht geschlachteten FDP, wird es nicht reichen. Eine Duldung durch die Linke kommt nicht in Frage, weil sich dies aus historischen Gründen nicht so recht schickt, aber vor allem, weil „Ewiggestrige“ und fast verschüttete linke Ideen, die den heute opportunen zum Teil sogar vehement gegenüber stehen, keinesfalls stattfinden dürfen. Mit den Piraten sieht das anders aus. Sie ziehen auf sich, was schon seit der Kindheit mit vielerlei Werbung zurechtgebogen wurde. Die Kinoindustrie hat die Piraten – Tunte in persona Johnny Depp im Massenpublikum libidiös etabliert. Jetzt wird (nicht nur) das global umgesetzt. Die Speerspitze sind die weltweit agierenden Piraten. Dass auch sie alt werden, und der Wind sie zuletzt, aber sehr zurecht, in die Arme nimmt und tötet, wusste nur Brecht. Und ich. Aber das ist ja bekannt.

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