Einsicht und Konsequenz

Manche nennen es bekloppt, manche nennen es typisch deutsch. Die Debatte über den Euro, die Euro-Rettung und das neue Buch von Thilo Sarrazin wirft vor allem eine Frage auf: Warum können wir nicht einfach alle Europäer sein? Wenn die schöne Vision vom friedlich-geeinten Wohlstandskontinent ganz offensichtlich (noch?) nicht funktioniert – wo unterscheiden wir uns. Warum bringt die Einheitswährung unsere Verschiedenheit an den Tag? Worin liegt sie? Und schließlich: Ist das eigentlich schlimm?

Da die Synchronisierung der europäischen Staaten mit Hilfe der vermeintlich harten Wirtschaftsdaten (Maastricht-Kriterien, Konvergenz etc.) ja offensichtlich irgendwo einen Denkfehler enthalten muss, nähern wir uns den National-Temperamenten mal mit einem anderen Ansatz: Einsicht und Konsequenz. Geht man davon aus, dass die Fähigkeit zur Einsicht in elementare Zusammenhänge einigermaßen gleichverteilt ist auf der Welt und in Europa, so könnte die ent- und unterscheidende Variable in der Konsequenz liegen.

Mit anderen Worten: Womöglich sind nicht all unsere Nachbarn und Freunde ganz so verliebt ins konsequente Umsetzen dessen, was man für richtig erkannt hat. Natürlich wäre es sinnvoll, rechtzeitig für die Rente vorzusorgen, aber wenn es in jungen Jahren gerade nicht passt, wird’s auch so irgendwie gehen. Die Deutschen dagegen schaffen zur staatlichen Umlagen- noch die private Riesterrente, denken rechtzeitig an die Pflege und legen selbst für Ungeborene schon Guthaben in Schatzbriefen an. Die Deutschen haben erkannt, dass es ab einem gewissen Schuldenstand einfach nicht mehr weitergeht und wollen nun einen Fiskalpakt, der festschreibt, dass jeder nur noch ausgibt, was er einnimmt.

Wir Deutsche halten es für ein Naturgesetz, dass man aus gewonnener Einsicht, unbedingt auch die naheliegende, logische Konsequenz ziehen müsse. Deshalb haben wir in unserer Geschichte auch schon mehrfach aus falschen Einsichten konsequent verheerend falsche Schlüsse gezogen und führen in harmloseren Fällen das völlig sinnlose Dosenpfand ein oder versuchen unsere Volkswirtschaft ruinös für einen Klimawandel herunterzudimmen, den wir noch längst nicht verstanden haben. Andere Europäer sehen das viel entspannter. Schließlich kann man auch mit einem eiernden Fahrrad losfahren, wenn man keine Lust zum Reparieren hat.

Dem Französischen Präsidenten Francois Hollande ist das Problem der Verschuldung auch klar, aber er findet es wünschenswert, dass die Wirtschaft wieder wächst, damit man die Schulden aus den künftigen Überschüssen tilgen kann, statt ans Eingemachte zu müssen. Wenn man bisher kaum verschuldet war, kann das Ankurbeln der Ökonomie mit frisch geborgtem Geld funktionieren (an einschneidende Reformen denkt er vermutlich eher nicht). Wenn man aber bereits tief im Schuldenloch sitzt, muss man aufhören zu graben. Deutsche und Franzosen teilen die Einsicht ins Problem und kommen zu unterschiedlicher Konsequenz.

Was nicht weiter schlimm wäre, säße man nicht im gleichen Euro-Boot. Weil aber die europäischen Eliten geradezu vernarrt sind in den Traum vom ge- und vereinten Kontinent, treibt die Gemeinschaftswährung in die Trennung. Denn die politische Integration zu erzwingen, wie es Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) immer wieder wünscht, wird nicht funktionieren. Zumindest nicht auf demokratischem Wege.

Darum hat Thilo Sarrazin schlichtweg Recht, wenn er sagt: „Europa braucht den Euro nicht“. Jedes Land könnte nach seiner Facon finanzpolitisch selig werden, wie es in allen anderen Teilen der Welt funktioniert und hätte ggf. selbst den Schaden, wenn es nicht funktioniert. Und so ist denn inzwischen das Hauptargument für den Euro, dass man ihn  ohne Schaden nicht mehr abschaffen könne, wie man auch Zahnpasta nicht wieder in die Tube und Rührei nicht mehr getrennt bekommt. Viel armseliger geht’s kaum.

Und wieder geht ein Gespenst um in Europa, nur diesmal ist es das Gespenst der „Renationalisierung“, wie Jane Teller in der WELT schreibt. Eine These, die hinten und vorn nicht stimmt. Denn erstens gibt es gar keine „Entnationalisierung“, zweitens sind selbstbewusste Nationen kein Gespenst, und drittens ist ihr Essay eine hübsche Liste, dessen, was alles Geschehen müsste, damit Europa zusammenwächst. Und wenn der Mond an die Welt stieße, könnte man hinüberhüpfen.

Und noch etwas spricht für Sarrazins Euro-Thesen: Wenn der Euro den Kontinent so kolossal voran brächte, müssten Weltbank, EZB und IWF auf Krisengipfeln besprechen, wie man den europäischen Wachstumsmotor weltverträglich herunterbremsen kann. Statt dessen beschäftigt sich eine endlose Abschiedstournee von EU-Krisengipfeln mit der Perma-Reanimation des monetären Hoffnungsträgers.

Wäre es nicht an der Zeit, der Realität endlich ins Auge zu blicken, hübsch Schnittlauch auf das Rührei, eine Prise Salz, und hinterher anständig Zähne putzen…

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , ,

6 Antworten to “Einsicht und Konsequenz”

  1. Jörg Schulze Says:

    Naja, eine Möglichkeit die Konvergenz im Euroraum herzustellen, wäre ja, das wir uns auch verhalten wie die PIGS. Geld raushauen, gut Leben und mal sehen was später kommt. Die Inflation reduziert dann die Schulden und die Dummen sind alle Rentner, Sparer und Investoren, also all die Leute die wir sowieso nicht leiden können.
    Prost!

    Gefällt mir

  2. Roithamer Says:

    Naja. Schade nur, dass die die damals gegen den Euro waren, die Suppe genauso auslöffekn müssen wie die Befürworter und Realitätsverdreher.
    Aber welche Taten aus der richtigen Einsicht folgen ist halt Mentalitätssache, wie der Autor richtig ausführt. Daher wird es wohl darauf hinaus laufen, dass wie in der Euronostalgie so lange leben werden wie es irgendwie geht.

    Gefällt mir

  3. demonkoryu Says:

    Schnittlauch, nicht -lauf. 😉

    Gefällt mir

  4. Gutartiges Geschwulst Says:

    Vielen Dank, Ralf Schuler, für diese treffende und humorvolle Analyse.
    Leider, gehöre auch ich zu jenen damaligen Trotteln, die den Euro für eine gute Sache hielten. In meiner Naivität, vertraute ich sogar der Verbindlichkeit abgeschlossener Verträge und auf die Einhaltung des Haftungsausschlusses.
    Zum Thema Sarrazin:

    Erlkönig ©
    Frei nach Johann Wolfgang von Goethe

    Erzähler:
    Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
    Es sind Mutti Staat und ihr skeptisches Kind.
    Das Kind möchte kotzen, längst ist ihm zu warm;
    doch es gibt kein Entkommen aus Muttis Arm.

    Mutter Merkel:
    “Mein Kind, warum machst du solch´ kluges Gesicht?”
    Kind (Deutschland):
    “Siehst, Mutti du, denn den Erlkönig nicht?
    Er weist auf akute Probleme hin,
    und bekundet sein Name sei Sarrazin.”

    Erlkönig Sarrazin:
    “Komm´, liebes Kind, komm´, vertraue mir!
    Gar übles Spiel treibt die Mutter mit dir.
    Ihre Märchen, vom Nutzen der Multikultur,
    sind häufig akustische Darmgase nur.”

    Kind (Deutschland):
    “Ich versteh´ ihn nicht, Mutti, doch ich ahne es schon.
    Stimmt irgendwas nicht, mit der Integration?”
    Mutter Merkel:
    “Bleibe ruhig, mein Kind, bald sind wir zu Haus´.
    Diesem Schelm blas´ ich morgen die Lampe aus!”

    Erlkönig Sarrazin:
    “Begleite mich, Kind, bis zum Land des Verstehens.
    Mein Buch informieret dich unversehens.
    Migranten sind wertvoll, doch Probleme kommen vor,
    speziell von einer Gruppe mit geringem Humor.”

    Mutter Merkel:
    “Sein Pamphlet ist nicht hilfreich, nicht jetzt, oder später,
    drum zerreißet ihn flugs, meine Presseköter!
    Zum Kind:
    Und du, kleiner Liebling, hast auch bald verschissen.”
    Kind (Deutschland):
    “Ach, wie werd´ ich den freien Gedanken vermissen!”

    Erlkönig Sarrazin:
    “Mein, liebreiches Kind, niemals solltest du bangen.
    Eh´ dass du verderbest, zisch´ mit den Schlangen.
    Gehorche der Mutter, dieser Schreckensgestalt,
    denn bist du nicht willig, so stellt sie dich kalt.”

    Kind (Deutschland):
    “Oh Mutti, oh Mutti, nun ist´s doch passiert,
    obgleich die Journaille so stramm hat pariert.
    Dein Politbüro putzte mein Hirn, so penibel,
    doch des Erlkönigs Botschaft erscheint mir plausibel.”

    Erzähler:
    Der Mutter grauset, vor des Volkes … äh, des Kindes Vernunft,
    und sie flieht in den Darm der politischen Zunft.
    Sie verfehlt die Erkenntnis, frei von innerer Not.
    Ihre Macht stinkt auch künftig, die Demokratie ist tot.

    G.G.

    Gefällt mir

  5. René Says:

    Sarrazin gibt ja in seinem Buch, wenn ich richtig informiert bin, das Beispiel des ehemaligen Kunst- und Vielvölkerstaates Jugoslawien, das mit seiner Einheitswährung so lange existierte, wie die Zentralmacht die einzelnen Völker an sich band. Als diese Macht zerbrach, fiel das Gebilde mit furchtbaren Kriegen und Leid auseinander.
    Das sollte den Brüsseler Bürokraten und ihren Helfern in den Euro-Ländern eigentlich eine Warnung sein. Na ja, vom Zerbrechen der Zentralmacht kann ja derzeit keine Rede sein.

    Eigenarig nur, daß es in kleineren regionalen Einheiten auch mit deutscher Mentalität besser funktioniert. Dorfgemeinschaften halten nach wie vor zusammen, diverses Regional-Ersatzgeld treibt bunte Blüten durchs Land, wovon man sich verspricht, zu den Wurzeln des Geldes als Tauschmittel zurückzukehren. Unsere Regierung und deren Umfeld sind jedoch nach wie vor dem Denken verhaftet, der Euro brächte Frieden.

    Mein Fazit: Man kann keine Kunsststaaten mit „Kunstvölkern“ schaffen. Eine Nation und ein Volk mit seiner Mentalität, seinen Traditionen und Lebensweisen – auch im Hinblick auf die Folge von Erkenntnissen – gehören zusammen. Zum Thema des „europäischen Projektes“ las ich kürzich einen Artikel, der das Problem treffend in etwa so zusammenfaßte: Es gibt keine europäische Öffentlichkeit (im Sinne eines Volkes), die dieses „Projekt“ trägt.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: