Beschnittenes Selbstbild

Eines muss man den Richtern vom Landgericht Köln, die das jüngste Urteil zur Knabenbeschneidung gefällt haben, lassen: Sie haben wirklich mal echtes Neuland beschritten!

Die Liste der Vorwürfe, die Juden in den vergangenen 2000 Jahren (mehr oder weniger handgreiflich) gemacht wurden, ist weiß Gott lang. Von Brunnenvergiftung bis Kindermord, von Raffgier bis zu geheimbündlerischem Umsturz und der großen Weltverschwörung ist so ziemlich alles dabei gewesen. Dass die Beschneidung ihrer Kinder Körperverletzung sei, hat ihnen noch nie jemand vorgehalten.

Ein erstaunlicher Umstand, wenn man bedenkt, dass doch sonst kein Hirngespinst abwegig genug gewesen ist, um ein neues Pogrom zu begründen oder wenigstens ein wenig übel nachzureden. Vielleicht liegt das daran, dass es die Muslime auch tun? Oder sollte sich tatsächlich Gleichgültigkeit darüber durchgesetzt haben, was „die“ mit ihren Kindern machen?

Oder wurde das Ganze gar als eine Art religiöser Spleen der „anderen“ abgetan? – was ein eher erstaunlicher Ausweis interreligiöser Toleranz wäre. Fakt ist aber auch, dass die Debatte um die Frühbeschneidung von Jungen ein Schlag in die Magengrube der deutschen Selbstwahrnehmung ist. Und das nicht nur für gefühlige Befindlichkeitsfeuilletonisten: Die wirre, verwirrte Weltsicht ist längst auch in deutsches Recht gegossen.

Kruzifix-Urteil: Die „negative Religionsfreiheit“ (Freiheit, von Religion nicht behelligt zu werden) ist den Deutschen ein so hohes Gut, dass der Blick auf ein Kruzifix im Klassenzimmer für Nichtchristen unzumutbar ist. Kruzifixe müssen abgehängt werden, aber Beschneidungen an Minderjährigen, die nicht nur optisch ärgern, sondern mit der körperlichen Unversehrtheit von Kindern kollidieren, müssen (laut Kanzlerin, Außenminister & Co.) möglich sein?

Abtreibung: Ein neues Menschlein im Mutterleib zu töten, ist nach deutschem Recht illegal, wird aber im Konsens aller Parteien nicht verfolgt. Warum also so ein Geschrei um ein paar Millimeter Vorhaut, ohne die man zweifellos in den allermeisten Fällen trotzdem ganz gut durchs Leben kommt?

Kinderschutz: Handgreifliche Erziehungsmethoden von der Ohrfeige bis zur Tracht Prügel sind nach deutschem Recht belang- und strafbar. Aber das irreparable Entfernen einer Körperpartie kurz nach der Geburt soll als Ausweis religiöser Weltoffenheit gesetzlich ausdrücklich gestattet werden?

Kosmetische Operationen: Will Chantalle (16) aus Delitzsch ein Pfund Brust (darf ruhig ein bisschen mehr sein) am eigenen Balkon anbauen, plant der Gesetzgeber einen Riegel vorzuschieben – selbst wenn Mutti mitspielt. Sogar der Solariumsbesuch soll Minderjährigen untersagt werden. All das passt schlecht zusammen mit einer ausdrücklichen Freigabe von Beschneidungen.

Kopftuch-Urteil: Warum ist das für alle Beteiligten schmerzlose Tragen eines Kopftuches als Zeichen der religiösen Identität im öffentlichen Dienst nicht hinnehmbar, während sich nun fast alle Parteien im Bundestag dafür einsetzen, dass ein verkürztes Pimmelchen möglich sein müsse, damit Deutschland nicht als „Komikernation“ (O-Ton Merkel) dasteht?

Kann es sein, dass die Deutschen

a)  mit Religion grundsätzlich ein Problem haben

b)  mit der eigenen (christlichen) noch viel mehr und

c)   von dem seltsamen paternalistischen Wahn getrieben sind, jeden Menschen vor allem auch vor sich sich selbst zu schützen?

Die Antwort lautet: Ja.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , ,

13 Antworten to “Beschnittenes Selbstbild”

  1. Auchgut Says:

    …gähn. Haben wir doch alles schon gehört.
    Die Diskussion um männliche Genitalvertümmelung wurde nicht in Deutschland erfunden. In ein paar Jahren ist das hoffentlich Geschichte. Und die Antisemitsmuskeule… …also ich habe inzwischen gelernt, dass es überall üble religiose Spinner gibt. Komischerweise melden sich aber jetzt besonders viele dort, wo ich es nie vermutet hätte. Es gibt da sogar ausgesprochene „Agnostiker“, die bei dem Thema ganz komisch werden. Vielleicht ist ja da tatsächlich was dran: http://de.wikipedia.org/wiki/Identifikation_mit_dem_Aggressor

    Gefällt mir

  2. Mark Says:

    Quark. Steinzeit bleibt Steinzeit, auch wenn ein Davidstern drauf ist. Macht das mit euren Kindern in der Levante, in D hat haltet euch ans Grundgesetz.

    Gefällt mir

  3. Henning Veitgen Says:

    Genau, die Beschneidungsgegner haben den Holocaust erst möglich gemacht. Wahrscheinlich eine Überdröhung aus Luther, Nietzsche und Wagner. Und natürlich sind die Juden 2.000 Jahre der Beschneidung wegen verfolgt worden.

    Genügt es nicht, die Beschneidung als archaische Praktik aus dem Wertekatalog zu streichen? Nein, unter dem Antisemitismusvorwurf geht es nicht. Wie wäre es denn mit einem Philosemitismusvorwurf, den auch Broder hin und wieder erhebt, wenn es denn passt?

    Es geht demnach nicht um Religion, denn die jüdische Religion war vor dem Holocaust eine von vielen merkwürdigen Religionen, die es seit römischer Besatzung nicht leicht hatte – nicht merkwürdiger in den Riten und Praktiken als die dominierende katholische Religion Roms. Warum aber der pronegative Persilschein für das Judentum oder gutmenschliche Exculpation für die Moslems?

    Warum nicht einfach nach GG und in allen rechtlichen System der eur. Staaten das verankerte Recht auf körperliche Unversertheit der Kinder achten? Haben Religionen Narrenfreiheit, weil sie sich auf Tradition und den Irrsinn berufen, es immer schon so gemacht zu haben?

    Sicher gibt es noch weitere Fragen, aber immer gleich zu schreien, es ginge um Antisemitismus oder Islamophobie ist argumentearm und erklärt nebenbei auch noch, wie verfassungsfern argumentiert – also gar nicht – wird.

    Gefällt mir

  4. Jakob Licht Says:

    Wenn eine nichtjüdische (oder nichtmuslimische) Mutter nach der Geburt anfangen würde, ihrem Kind Zeichen mit dem Messer auf die Backe zu ritzen – und dann erklären würde, eine „höhere Stimme“ hätte ihr das befohlen, würde man ihr das Kind abnehmen und sie in die Klapse schicken.
    Warum dürfen jüdische und muslimische Eltern trotzdem an ihren Kindern herumschnippeln?
    Vielleicht ist das „“Problem“, das die „Deutschen“ mit „ihrer“ Religion haben, ja nur das – daß sie zur Mehrheit atheistisch sind (und deshalb solche Spielchen mit Neugeborenen nicht nachvollziehen können). Schon gar nicht, wenn sie unter Narkose stattfinden müssen, damit das Kind nicht wie am Spieß schreit.
    Die Vorhaut bei Neugeborenen ist nämlich noch FEST verwachsen (und nicht lose wie bei Erwachsenen; und selbst bei denen tut es noch höllisch weh).
    What’s the matter with you people?

    Gefällt mir

  5. Eichholtz Says:

    Is mir Wurscht: jeder kann ja an sich entfernen, was er mag. Im Zweifel greift dann PsychKg, aber dank der Moderne benehmen wir uns nicht mehr wie die Wilden und sollten dem aufklaererischen Gewinn folgend nicht jeden Mist der Tradition eingedenk weiter verfolgen. Sonst komme ich auf die Idee, meine Relogion zu gruenden, die die linke kleine Labie geopfert sehen moechte und vor der donnerstaeglichen Backpfeife nicht halt macht, man kommt damit durch’s Leben.

    Gefällt mir

  6. Thomas Zadro Says:

    Schöner Artikel.

    Da die Antwort – wie Sie schreiben – „ja“ lautet, erklärt dies sicherlich die zum Teil kruden Debatten zu einer Frage, die meiner Ansicht nach nicht auf Grund von sachlichen Argumenten zu entscheiden sein kann; geht es doch um „Glaube“ gegen „Werte“ (oder von mir aus „bestimmte Werte“).

    Gefällt mir

  7. oliver2punkt0 Says:

    Gute Gedanken. Wie würde es sich eigentlich mit der Witwenverbrennung halten? 🙂

    Gefällt mir

    • ralfschuler Says:

      Da Todesstrafe ja nicht im engeren Sinne zu den religiösen Handlungen gehört, dürfte es da wenig Diskussionen geben. Obwohl die höhere Lebenserwartung von Frauen unter Gleichstellungsgesichtspunkten natürlich in der Tat ein Ärgernis ist…:-)

      Gefällt mir

  8. Cees van der Duin Says:

    Thomas Heilmann (CDU) will für Berlin (wie zufällig ganz im Sinne der islamischen Scharia) die körperliche Unverletzlichkeit der männlichen Berliner Kinder „übergangsweise“ opfern und rituelle Genital-Beschneidungen straffrei stellen:

    Quelle: WELT 9. Aug. 2012, 22:48
    Justizsenator will Beschneidung einheitlich regeln

    Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) will in Berlin schnell Rechtsklarheit beim Umgang mit religiösen Beschneidungen schaffen. „Bis eine bundesweite Regelung getroffen ist, wollen wir eine Berliner Linie festlegen“, sagte Heilmann-Sprecherin Lisa Jani. Damit bestätigte sie Informationen des „Tagesspiegels“.

    Derzeit liefen Gespräche mit der Staatsanwaltschaft, jüdischen und islamischen Gemeinden sowie Verbänden und Ärzten. Es solle eine Übergangsregelung erarbeitet werden, betonte die Sprecherin. Die Überlegungen seien noch ganz am Anfang.

    Nach Angaben der Justizverwaltung liegen keine Strafanzeigen gegen Ärzte oder Beschneider vor. Betroffene Familien und Ärzte wollten aber wissen, was erlaubt sei und was nicht. …

    Das Landgericht Köln hatte Ende Juni eine religiös motivierte Beschneidung für rechtswidrig erklärt. Das erste Urteil dieser Art ist eine Einzelfallentscheidung und nicht bindend für andere Gerichte. Dennoch herrscht Verunsicherung. Viele Ärzte bieten diese Eingriffe seither nicht mehr an.

    Der Bundestag macht sich nun für ein Neuregelung stark, um medizinisch fachgerechte Beschneidungen aus religiösen Gründen zu erlauben. Nach einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur vom Wochenende sind den deutschen Strafverfolgungsbehörden bislang keine weiteren Strafanzeigen wegen der Beschneidung von Kindern bekannt.

    Die meisten Staatsanwaltschaften haben sich noch nicht festgelegt, wie sie in solchen Fällen vorgehen wollen. Eine Ausnahme ist Baden-Württemberg. Dort soll die rituelle Beschneidung von Jungen weiter grundsätzlich straffrei bleiben, wenn sie medizinisch korrekt ausgeführt wird.

    http://www.welt.de/regionales/berlin/article108558332/Justizsenator-will-Beschneidung-einheitlich-regeln.html

    Quelle: dapd
    in: WELT 09.08.12

    „Wir hoffen, in den nächsten Wochen eine Regelung für Berliner Strafverfolgungsbehörden zu finden“

    Berlin (dapd-bln). Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) strebt für die Hauptstadt übergangsweise eine einheitliche Regelung im Umgang mit religiösen Beschneidungen an. „Wir hoffen, in den nächsten Wochen eine Regelung für die Berliner Strafverfolgungsbehörden zu finden“, sagte Heilmann dem „Tagesspiegel“ (Freitagausgabe). Diese Lösung solle nur für den Zeitraum gelten, bis eine bundeseinheitliche Regelung gefunden sei, bestätigte eine Sprecherin der Justizverwaltung.

    Heilmann unterstrich gegenüber der Zeitung, dass die juristische Einordnung ein schwieriges Thema sei. Die Verwaltung sei derzeit in Gesprächen mit Verbänden und Interessengruppen. Mit einer Handlungsanweisung für Strafverfolger könnte sichergestellt werden, in welchen Fällen zu ermitteln oder aber ein mögliches Verfahren einzustellen ist.

    Das Kölner Landgericht hatte Ende Juni die Beschneidung von Jungen als strafbare Körperverletzung gewertet, selbst wenn die Eltern einwilligen.

    http://www.welt.de/newsticker/news3/article108558723/Justizsenator-will-Beschneidung-uebergangsweise-einheitlich-regeln.html

    Gefällt mir

  9. Unversehrtheit globalisieren Says:

    „Die Menschenrechte sind keiner Kultur fremd und in allen Nationen verankert … Es ist die Allgemeingültigkeit, die den Menschenrechten ihre Kraft verleiht … Der Kampf für allgemeine Menschenrechte war immer und überall ein Kampf gegen alle Formen der Tyrannei und Ungerechtigkeit – gegen Sklaverei, gegen Kolonialismus, gegen Apartheid. Dies ist heute nicht anders.“ (Kofi Annan, 10. Dezember 1997)

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: