Ecce homo: „Seht, was für ein Mensch!“

Es ist ein großes Opus geworden – eine ganze Seite 3 in der „Süddeutschen Zeitung“ vom Samstag. Eine Großreportage über die Normalität homosexueller Lebensgemeinschaften in Deutschland. Verbohrte Unionsparteien, so die mehr als deutlich untergebrachte Botschaft, die sich noch immer gegen volle Gleichstellung sperren.

Ein Beitrag, der angesichts seiner unreflektierten Schlichtheit frösteln macht.

Da sitzen Axel und Jürgen Haase aus Neuss an ihrem Küchentisch und breiten fröhlich ihre schöne neue Ehe-Welt vor dem wohlwollenden Reporter aus. Das muntere Töchterchen Jasmin haben die Haase-Männer vor zwei Jahren in Mumbai mit gespendeten Eizellen von einer Inderin austragen lassen. Geradezu schäbig, dass der gleichgeschlechtlich orientierte Bundesaußenminister den Vater mehrere Monate in Indien mit konsularischen Umständen behelligte, als der das fremdgeborene Kind mit nach Deutschland bringen wollte.

Doch die Haases sind schon wieder froher Hoffnung. Diesmal trägt eine Latino-Frau in San Diego die Zwillige aus, die durch künstliche Befruchtung mit den gespendeten Eizellen einer schwarzen Amerikanerin gezeugt wurden.

Über so unerhebliche Kleinigkeiten, wie die Tatsache, dass Leihmutterschaft in Deutschland aus guten Gründen verboten ist, geht der Autor leichtfüßig hinweg. Angesichts der von den Haases gelebten gesellschaftlichen Modernität, wird dieses reaktionäre Tabu lediglich in einem Halbsatz angeprangert. Gesetzestreue ist ohnehin nur etwas für Deppen. Der fortschrittliche Zeilenschmied entblödet sich auch nicht, den türkischen Gemüsehändler mit dem Satz zu zitieren: „Es hat mit denen noch nie Probleme gegeben“, als handele es sich bei Homosexuellen gemeinhin um Schläger, Junkies oder eine heikle Nazi-Bruderschaft… – und wenn selbst der Türke nichts gegen die hat, ja dann!

Das Verrückte, ja fassungslos machende an diesem Text ist, dass im Dienste der vermeintlich toleranten Sache die Gesellschaft in einem Aufwasch dazu aufgefordert wird, ihren kompletten bioethischen Kompass über Bord zu werfen. Wenn es um Schwule und Lesben geht, dann ist es geradezu geboten, indische Leihmütter auszubeuten. Da darf weltweit schwunghaft mit Eizellen gehandelt und fremdausgetragen werden, als sei der Mensch eine agrarische Produktionsgenossenschaft. Wenn Gleichgeschlechtler den weltweiten Kinderhandel ankurbeln, werden keine Fragen mehr gestellt. Dass auch „Heteros“ aus gutem Grund der Kinderkauf verweigert wird, interessiert nicht. Und von dort bis zum Menschenrecht auf ein Kind ist es nur noch ein Katzensprung. Der kleine Mensch wird zum Objekt (der Begierde), und wir sind dabei gewesen. 

Ethikräte hin oder her, wenn Axel und Jürgen ein Kind wollen, dann wird das schon später damit klarkommen, dass da irgendwo auf der Welt eine dunkelhäutige Mama herumläuft, die ihr Kind nicht kennt. Da wird ein Kind in Neuss aufwachsen, dessen Wurzeln sich irgendwo zwischen den Kontinenten verlieren.

Es geht hier wohlgemerkt nicht darum, dass gleichgeschlechtlichen Partnern testamentarische oder steuerliche Rechte vorenthalten werden sollen. Es geht darum, dass hier aus einem irrwitzigen Homozentrismus heraus die Gesellschaft in ihren innersten Wertmaßstäben umgebaut werden soll und sich die Protagonisten all dessen noch nicht einmal bewusst sind. Man kann eine Gesellschaft wollen, in der Kleingruppen nicht mehr nur frei und unbehelligt leben, sondern auch die Maßstäbe der Mehrheit prägen. Man kann eine Gesellschaft wollen, in der es kein tragendes Lebensmodell mehr gibt, sondern jeder irgendwie sein Ding durchzieht. Man kann eine Gesellschaft wollen, in der man sich seine Kinder so beschafft, wie es sich gerade am praktischsten anbietet. All das kann man wollen.

Man kann und darf so eine Gesellschaft aber auch nicht wollen. Und das, ohne sich bei Jürgen und Axel aus Neuss entschuldigen zu müssen.

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12 Antworten to “Ecce homo: „Seht, was für ein Mensch!“”

  1. unermuedlich Says:

    Ja, man darf so eine Gesellschaft nicht wollen. Und ich will sie so auch nicht. Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes. Und das sollte so bleiben. Mann und Frau haben es schwer genug, wenn allenthalben ein Leben propagiert wird, das nur der „Selbstverwirklichung“ dient. Vor dem Intellekt, der sich alles als richtig zurecht lügen kann, gibt es eine Biologie des homo sapiens.

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    • mee2you Says:

      Ohne jemandem zu Nahe treten zu wollen, aber auch in der Tierwelt gibt es Homosexualität und ein gewisses Adoptionsverhalten – beispielsweise bei Pinguinen oder Affen. Da sollte man den Menschen nicht ausschließen.
      Und besser Kinder wachsen in einer liebevollen Familienumgebung auf und werden geschätzt, als dass sie unter widrigen Umständen aufwachsen, weil sie nicht gewünscht waren und nur einen Kostenfaktor darstellen.

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      • ralfschuler Says:

        Diejenigen, die den Blog-Eintrag verstehen wollten, haben ihn schon verstanden. Zumindest ist das den Kommentaren zu entnehmen. Aus Einzelbeispielen im Tierreich Folgerungen für die menschliche Gesellschaft ableiten zu wollen, ist etwa so verwegen, wie wegen einer Alkohol-resistenten Maus ein Medikament gegen Trunksucht zu patentieren. Der SZ-Beitrag ist deshalb symptomatisch, weil er unreflektiert die „Regenbogenfamilie“ als zeitgemäß nicht nur toleriert, sondern geradezu euphorisch feiert. Dabei schießt der Text soweit über das Ziel hinaus, dass selbst hoch fragwürdige bioethische Probleme gar nicht mehr zur Kenntnis genommen werden, weil sie ja im Kontext des endlich enttabuisierten Homo-Komplexes vorkommen. Um es ganz klar zu sagen: Ich halte den Handel mit Eizellen für ebenso verwerflich wie Leihmutterschaft und alle anderen Techniken, die mit Embryonen und Föten einen ähnlichen Zuchtwandel treiben, wie es in der Tierproduktion üblich ist. Für diese Bewertung brauche ich keine umfänglichen philosophischen Abwägungen, sondern lediglich einen klaren ethischen Kompass.
        Darüber hinaus ist nicht die romantisierend Regenbogenfamilie genannte Homo-Partnerschaft die Alternative zu „widrigen Umständen“ für Kinder, sondern eine intakte Familie oder eine intakte Adoptiv-Familie. Selbstverständlich dürfen homosexuelle Partnerschaften weder diskriminiert, noch gar verfolgt oder zurückgesetzt werden. Die starke Säule, die jedes menschliche Gemeinwesen zusammenhält, ist und bleibt aber die klassische, zeugungsfähige Familie. Deshalb muss man, wo es die Lebensumstände anders gefügt haben, keinem Elternteil ein Kind entreißen und heimlos machen. Man muss aber auch keine Konstellationen medizinisch oder juristisch herbeiführen, die auf natürlichem Wege schlicht unmöglich sind. Was im Einzelfall begründbar ist, wird als Grundsatzmodell zu einer Rutschbahn zur bindungslosen Gesellschaft. Das kann man wollen, muss man aber nicht. Ich will es nicht. Das habe ich geschrieben.

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  2. kaputier Says:

    ein sehr guter artikel zum thema. ich dachte zunächst auch, ich hätte mich verlesen. diese journalistische blauäugigkeit, wenn es um randgruppen geht, ist zum verzweifeln.

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  3. Rainer Says:

    Wie schön, dass es nach Ihrem bioethischen Kompass wohlgemerkt nicht darum geht, dass schwulen Eltern steuerliche Gleichheit vorenthalten wird. Dem Bundesfinanzminister, Wolfgang Bosbach, Gerda Hasselfeldt und kreuz.net & co geht es jedenfalls ganz genau darum. Und weil es diese Bundesregierung leichtfüßigerweise mit Recht und Gesetz leider nicht ganz so genau nimmt, muß eben das Bundesverfassungsgericht wieder und wieder und immer wieder dem Grundgesetz Geltung verschaffen.

    Wer jedenfalls die Kinder von Axel und Jürgen in Sippenhaft nimmt und sie nicht nur im Steuerrecht sondern in vielfältiger Weise benachteiligt, hat sich doch ehrlich gesagt längst von allen Wertmaßstäben verabschiedet.

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    • ralfschuler Says:

      Hier wird niemand in Sippenhaft genommen, schon gar nicht die Kinder! Deren Schicksal verdiente allerdings viel mehr Aufmerksamkeit als die Gleichbehandlung bei irgendwelchen Spezialsteuersätzen im Beamten- oder Immobilienrecht. Warum der eigene Kinderwunsch über allem stehen muss und man die Kinder von Anfang an in eine Außenseiterposition bringen muss, will mir nicht so recht einleuchten. Aber selbst dazu brauchen gleichgeschlechtliche Paare die „anderen“. Das große Mainstream-Missverständnis besteht – nicht nur in diesem Punkt – darin, dass hier eine Gleichheit juristisch festgeschrieben werden soll, die es nicht gibt. Warum kämpfen wir nicht gemeinsam darum, dass in diesem Land jeder unbehelligt seine Facon leben kann, statt in diesem schrägen „Ich-Will-Aber-Auch“-Modus irreale Gleichheitsansprüche zu erheben? Aber es hat ja hierzulande noch nie jemand die Gelegenheit ausgelassen, sich als vermeintlich schwaches Opfer der Gesellschaft lautstark zu Wort zu melden – Frauen, Ossis, Senioren…
      Sind wir nicht alle Opfer?…

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  4. Gutartiges Geschwulst Says:

    Immerhin wird die kleine Jasmin, bei künftigen Schulaufsätzen, mit einem interessanten Thema aufwarten können:
    „Was schenkte ich meinen Vätern, zum letzten Muttertag?“
    Ansonsten, falls diese ideologisch bedingten Menschenzüchtungen noch keinen Namen haben, empfehle ich:
    „Unternehmen Lebensborn“.

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  5. Homozentrismus | TheoBlog Says:

    […] Mehr: ralfschuler.wordpress.com. […]

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  6. mee2you Says:

    Weder diesen Artikel, noch den aus der Süddeutschen Zeitung halte ich für gelungen. Alle Themen werden nur angeschnitten, nichts genauer beleuchtet, nichts mit Fakten gefüttert oder hinterfragt.
    Beide Beiträge zeugen von einer enttäuschenden Oberflächlichkeit und beide Beiträge haben wenig miteinander gemein.
    Der eine spricht von Toleranz gegenüber sogenannten Regenbogenfamilien.
    Der andere über das Handeln mit Eizellen.
    Ersteres ist eine Problematik zu einer Gesellschaft, die ein Lebensumfeld schaffen soll in dem alle tolerant miteinander umgehen und leben können. Da ist es auch in Ordnung, das der Katholik, der Muslim, der Nazi und der Jude befragt werden, ob sie sich gegenseitig und Homosexuelle tolerieren. Unglücklich war sicherlich die Darstellung.
    Bei Zweiterem handelt es sich um etwas vollkommen anderes. Sicherlich nicht losgelöst, jedoch durchaus ein ganz anderer Ansatz. Der fehlt im Artikel aus der Süddeutschen, aber sollte auch nicht Hauptaugenmerk sein, besonders wenn hier der Vorwurf entsteht, dass Homosexuelle die einzigen wären, die einen Handel mit Eizellen oder gar Menschen vorantreiben könnten. Auf der Welt geschieht seit Jahren nichts anderes und in Spanien, verkaufen arme, arbeitslose 20jährige ihre Eizellen an Mütter, die Kinder haben wollen, aber nicht können. Da ist nix mit Homosexuellen. Und eine Samenspende ist in Dänemark auch erlaubt und es schreit keiner auf. Hier sehe ich einen gleichermaßen blauäugigen, viel zu knappen Ansatz zu einer Thematik, die mehr als ein paar Seiten füllen könnte und sollte.
    Und die Problematik der eigenen Identität (des Kindes) in einem Zweizeiler dermaßen verknappt und indiskutabel darzustellen, enttäuscht mich als Leser stark. Entweder ausführlich und mit genügender Sachkenntnis oder gar nicht. Halbwissen zu verbreiten, ist gefährlicher als gar nichts. An dieser Stelle also keinen Mut zur Lücke, bitte.
    Damit schließe ich den Autor aus der Süddeutschen mit seinem Beitrag nicht aus.

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  7. Ein stolzer Schwuler Says:

    Homophobe intolleranz mit der Tendenz zu rechtem Gefankengut! Mehr kann man zu diesem Blog nicht sagen.

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  8. Natasha J. Says:

    Ich habe nicht alle Kommentare gelesen, finde die meisten eher kurzsichtig. Ich bin 50 und hätte gerne Kinder gehabt.
    Die Kombination mit 2 Homopappies wäre mir besonders willkommen gewesen. Leider ist mir dieser Gedanke zu spät gekommen.

    Allen noch einen schönen Tag gewünscht.

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    • ralfschuler Says:

      Nun ja, das kann man unter pragmatischen Gesichtspunkten so sehen. Wenn ich als Vater das Elend von Scheidungskindern Rings um mich herum sehe und verfolge, wie Waisen und selbst Samenspender-Kinder ein leben lang nach ihren Wurzeln suchen, finde ich es nicht erstrebenswert, Kinder zur eigenen Befriedigung zu produzieren, bei denen zwangsläufig ein mehr als zweizahliges Beziehungsgeflecht entsteht, mit dem sie dann später klar kommen müssen. Man kann dazu stehen, wie man will, aber dass der Staat sich dessen annehmen müsste, sehe ich absolut nicht. Er muss ohnehin einspringen, wenn die schöne neue Beziehungswelt zerbricht und soziale Unterstützung fällig wird.

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