Archive for September 2012

Unsern täglichen Schulwahnsinn gib‘ uns heute

September 30, 2012

Das Fazit gleich vorweg: Bildungspolitik ist das Mekka der Dummschwätzer, Scharlatane, Ideologen, Gesundbeter, Reform-Euphoriker, Anstrengungsvermeider,Versagensentschuldiger und Verständnishuber!

Gerade ist Hella Wenders Film „Berg Fidel – Eine Schule für alle“ in die Kinos gekommen. Im ZDF sagt die Regisseurin, sie habe in ihrer Schulzeit leider nur Frontal-Unterricht gehabt, das müsse man sich mal vorstellen!

Moderne Mythen, Teil eins: der schlimme Frontal-Unterricht. Wer mit den Kindern mal ein Wochenende lang Flächen- und Rauminhalte in Zehnerpotenzen gerechnet hat, weil in der Schule nichts hängengeblieben ist, der ist vom Lernen in „offenen Gruppen“ und „Lernbüros“ gründlich geheilt. Was zum Kultus-Kuckuck spricht gegen einen Lehrer, der bei Nichtverstehen sofort erklärt? Der mit der Klasse auf Zuruf Beispiel-Aufgaben im Kopf rechnet und die Verständnisfrage des einen für alle an der Tafel erklärt. Nimmt eigentlich irgendeiner dieser pädagogischen Selbstbefriediger zur Kenntnis, dass Sprachenlernen im Selbststudium Unfug ist? Dass ein guter Lehrer vorn wie ein Chorleiter mit allen arbeiten kann, anstatt wirren Wildwuchs beim Lernen zu akzeptieren?

Moderne Mythen, Teil zwei: Jahrgangsübergreifendes Lernen. Es geht nichts über Pilotprojekte mit ausreichend Personal. Und es geht alles über die Mangel-Praxis, in der ein armer Lehrer-Wicht gleichzeitig den Zahlenigel für die ABC-Schützen erklärt, Formblätter für Addition bei den Älteren verteilt und die Dritten sich mit Bruchrechnung beschäftigen. Am Ende hat keiner was begriffen, und der Lehrer geht in Frühpension. In der Praxis ist das Modell längst durchgefallen, wird aber tapfer weiter betrieben.

Moderne Mythen, Teil drei: die Ganztagsschule. Sie ist die Heils-Verheißung der modernen Gesellschaft schlechthin: Die Ganztagsschule sollte am besten zur Pflicht- und Regelschule gemacht werden, lautet seit geraumer Zeit das Mantra der sich fortschrittlich dünkenden Links-Eliten. Eine Lösung für alles. Vollberufstätigkeit für die Eltern, mehr Lernstoff in Kinderköpfe, Aufstiegschancen für Arbeiterkinder, weniger Einfluss von Unterwelts-Cliquen auf den Nachwuchs, Kontakt-Vermeidung zum Prekarier-Milieu. Schule ist gut, Ganztagsschule verbessert die Welt. Dabei leistet die deutsche Durchschnittsschule kaum ihren Bildungsauftrag und soll nun auch noch den Rest der Gesellschaft reparieren. Dezent ignoriert werden auch Langzeit-Studien, die klar zeigen: Ohne den in der Familie bereiteten Boden, geht auch die beste Saat der Schule nicht auf. Für versagende Familien gibt es keinen Ersatz. Und wer die Schule zur Stätte der kompletten Lebensertüchtigung machen will, müsste erst einmal die Schulen in einem Maß ertüchtigen, dass die Finanzminister der Länder die Grundrechenarten für eine Legislaturperiode außer Kraft setzen müssten. Im Praxistest zeigt sich oft: Bei Ganztagsschülern müssen die Eltern genaus intensiv nacharbeiten wie bei Normal-Schulen, nur haben sie weniger Zeit dafür.

Moderne Mythen, Teil vier: Schluss mit der Pauk-Schule! Nein, Schüler müssen nicht stupide Formeln und Jahreszahlen in sich rein bimsen. Aber es hilft doch dem Verständnis der Welt hin und wieder auf die Sprünge, wenn man von den Gesetzen der Massenanziehung, Energieerhaltung oder chemischen Reaktionen schonmal was gehört hat. Erst Chemie und Physik in der Schule abwählen, und dann frei flottierenden Unsinn über Klimawandel, Verbrennungsmotoren oder die Energiewende erzählen! Man kann alle Formeln googlen, aber das Verständnis der in ihnen hinterlegten Zusammenhänge muss man schon selbst mitbringen. Der Glaube an die Energiewende wird am Ende nicht über ihr Gelingen entscheiden.

Moderne Mythen, Teil fünf: Lernen muss Spaß machen. Ja, mit etwas Geschick können Lehrer den Stoff so aufbereiten, dass es spannend wird, herauszufinden, was man noch nicht wusste. Aber man kann auch stolz auf Dinge sein, die man sich mit Mühe erkämpfen musste. Lernen nach dem Lustprinzip lockt auf eine falsche Lebensfährte und wird spätestens beim Umrechnen von Kubikmeter in Liter an seine Grenzen stoßen. Hier geht es nicht um Rohrstock und Tabellenbuch, sondern um die Binsenweisheit, dass man als kleiner Mensch nicht wissen kann, was man nicht weiß und später mal wissen muss. Mit anderen Worten: Es geht um die Verantwortung von Eltern und Schule. Die Wünsch-dir-was-Schule ist verantwortungslos.

Moderne Mythen, Teil sechs: Reform-Schule ist gute Schule! Was ist in den letzten Jahren nicht alles reformiert, herumgedoktert und probiert worden. Das immer gleiche Muster: Gut gemeintes Pilotprojekt mit Wunschausstattung an Geld und Personal scheitert im pädagogischen Alltag und wird trotzdem weitergemacht, weil Bildungspolitiker ja nicht eingestehen wollen, dass sie einige Schüler-Jahrgänge ohne Sinn und Gewinn mit irgendwelchen Testläufen verheizt haben. Dass auch private Schulen unsinnige Konzepte verfolgen und glauben, das Lehren und Lernen müsse immer wieder neu erfunden werden und lasse sich mit noch schrilleren Projekten für Lehrer, Schüler, Eltern aufpeppen, macht die Sache nicht besser.

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Die Vorhut für die Vorhaut

September 10, 2012

Juden und Muslime verstehen die Welt nicht mehr. Was ist plötzlich mit den Deutschen los? Aus heiterem Himmel trifft die Anhänger beider Religionen das Beschneidungsverbot eines bis dahin unauffälligen Landgerichts in Köln und wirft so ziemlich alles über den Haufen, was im Verhältnis von Deutschen, Muslimen und Juden bislang gegolten hat.

Die Wucht, mit der sich Juden und Muslime im Kern ihres Selbstverständnisses auf einmal angegangen sehen, hat einen einfachen Grund: Über Nacht sind sie mit der rabiaten deutschen Areligiosität, mit konsequenter Verweltlichung, gnadenlosem Materialismus und offensiver Gottlosigkeit konfrontiert worden. Ein Erlebnis, das bislang hierzulande vor allem Christen kannten: Vom berühmten Kruzifix-Urteil bis zur Verhöhnung von Kreuz, Christus (taz: „Latten-Hugo“) und Papst haben Christen sich längst daran gewöhnt, alles an Schmähungen und Verhöhnungen hinnehmen zu müssen, was die wortführenden Dünnbrettbohrer so austeilen. Dass der Glaube ein für die Person zentrales Identitätsmerkmal sein könnte, erscheint dem frei flottierenden Talk-Schwadron völlig abwegig. Allenfalls unterschwellig als leicht rückständig bemitleideten Gesellschaften (Polen, Latinos und nicht zu vergessen fromme US-Amerikaner) wird eine gewisse exotische Frömmigkeit als zu überwindendes Relikt düsterer Vergangenheit zugestanden.

Juden und Muslime wurden aus unterschiedlichen Gründen von dieser Herabsetzung bislang weitgehend ausgenommen. Während Juden im „Land der Täter“ als verschwindende Minderheit vom Meinungs-Mainstream vor allem als Subjekt der Wiedergutmachung betrachtet und allenfalls durch antiisraelische Reflexe indirekt gepiesackt wurden, stellten Muslime die zentrale und sichtbarste Ikone von Migration und Multikulturalismus dar. Sieht man einmal vom braunen Bodensatz ab, so umgab über alle politischen Lager hinweg die deutschen Juden seit jeher eine Korona des Respekts, der Freude über wiederkehrendes jüdisches Leben und der innenpolitischen Solidarität. Dass sie in der Beschneidung mehr sehen könnten, als eine überflüssige OP, ist deutschen Lautsprechern nicht zu vermitteln. Sorry, ist nicht persönlich gemeint, nur ignorant. Und da es sich um einen rein juristischen Disput über die körperliche Unversehrtheit von Kindern handelt, kann all das mit Antisemitismus ja nichts zu tun haben….

Muslime hinwiederum wurden den Deutschen gerade wegen ihres sichtbaren und gelebten Andersseins als besonders schöne Integrationsherausforderung vorgeführt. Zwar gab es immer wieder Ärger um das Kopftuch muslimischer Frauen, aber die laute Stimme der Multikulturalisten übertönte noch immer die kleine Schar verfemter „Islamkritiker“ (eine Vokabel, die vielen bereits als Schimpfwort gilt). So wurden nicht nur die Kopftuch-Urteile scharf kritisiert, sondern es machte sich sogar Verständnis breit, wenn Muslime wegen der Mohammed-Karikaturen mord-brennend durch arabische und westliche Straßen zogen. Eine bis an die Grenzen der Selbstverleugnung und der Selbstaufgabe westlicher Werte gehende irrationale Nachsicht, die nun unversehens beim Thema Beschneidung hinweggenommen wurde.

Beide Gruppen, Juden und Muslime, kamen im Übrigen vor Jahren schon in den Genuss einer juristischen Sonderbehandlung, die damals kaum Aufsehen erregte: Das Schächten (Ausbluten ohne Betäubung) von Tieren als zentrales religiöses Ritual, wurde 2006 vom Bundesverwaltungsgericht per Ausnahmeregelung aus der Konfliktzone mit dem deutschen Tierschutz geholt und zugelassen. Obwohl Tierschutz inzwischen sogar als Staatsziel (Art. 20a GG) im Grundgesetz verankert ist.

Aus dem Kordon dieser Achtung und des religiösen Respekts werden Juden und Muslime nun unversehens verstoßen. Willkommen in der eindimensionalen Realität der konsequent Intoleranten! Verblüffend ist an dem Vorgang dreierlei:

Erstens gehörte es seit Urzeiten zum ganz alltäglichen Weltwissen jedes Abendländlers, dass Muslime und Juden die Beschneidung pflegen. Warum war es bis zum Juni 2012 nie ein Thema? Wenn es etwas gab, was im Getümmel der Kulturkämpfe beiden Religionen nie vorgeworfen worden ist, dann ist es die Beschneidung. Und nun entdecken die Deutschen urplötzlich, wie unhaltbar dieser Zustand ist und dass allenfalls von deutschen Amtsauskennern zertifizierte Beschneider unter Beibringung schriftlicher Belege der religiösen Unverzichtbarkeit den Eingriff ausnahmsweise noch vornehmen dürfen?!

Zweitens ist auffällig, dass deutscher Multikulturalismus und Inklusionswille offenbar nicht dort an seine Grenzen stößt, wo selbstbewusst eigene, westliche Werte postuliert und hochgehalten werden, sondern dort, wo der eigene Horizont die Nasenspitze streift. Wenn man davon ausgeht, dass das Menschenrecht auf Vorhaut bislang nicht zu den höchsten Rechtsgütern der westlichen Hemisphäre gehörte, könnte man zu dem Schluss kommen, dass hier einfach einem Fremden seine lästigen Marotten ausgetrieben werden sollen. So, wie das landläufige Durchschnitts-Dumpfhirn über Knoblauch und Orientmusik die Nase rümpft, kämpft jetzt die selbsternannte Fortschritts-Vorhut für die Vorhaut.

Drittens schließlich springen beide großen Kirchen in Deutschland Juden und Muslimen bei, weil sie selbst leidvolle Erfahrungen mit der Religionsfeindlichkeit vermeintlicher Eliten gemacht haben. Und vielleicht auch, weil sie (vermutlich vergeblich) auf ein wenig beginnende Selbstreflexion hoffen. Denn den Zwiespalt spüren wohl die meisten Beschneidungsgegner: Niemand will ernsthaft um einer Pimmelspitze willen deutsche Schlagbäume wieder herunterlassen: Das könnte ihr zu Hause machen, nicht bei uns! Irgendwas muss also für Juden und Muslime dran sein, wenn vorne was ab ist.

Und vielleicht spricht ja auch einiges dafür, sich zunächst dringenderen humanitären Problemen zuzuwenden. Ein Vorschlag zur Güte: Wenn Zwangsverheiratungen, Steinigungen und Mädchenverstümmelungen nachhaltig von dieser Welt getilgt sind, kann man die Zirkumzision gern noch einmal auf Wiedervorlage legen.

Vorsicht Verfassung! – Karlsruhe unter Beschuss

September 8, 2012

Früher, also bis vor etwas zwei Monaten, galt in Deutschland die Übereinkunft, dass man Richter und Gerichte im Allgemeinen und das Bundesverfassungsgericht im Besonderen nicht nötigen, drängen oder schelten solle. Nun, da das Bundesverfassungsgericht unerhörterweise angerufen wurde, über die Vereinbarkeit der Euro-Rettung mit dem Grundgesetz zu urteilen, sind all diese Gepflogenheiten dahin. Seit festeht, dass am 12. September über die Eilanträge gegen den Euro-Rettungsfonds ESM und gegen den Fiskalpakt entschieden wird, fahren Teile der Medien eine Großoffensive gegen das oberste deutsche Gericht. Nicht auszudenken, wenn es ein falsches Urteil sprechen würde!

Man werde sehen, schreibt der ansonsten eher bodenständig-rationale Jan Fleichhauer auf Spiegel-Online mit drohendem Unterton, ob Karlsruhe es wage, den deutschen Beitrag zur Euro-Rettung zu stoppen. Eine solche Entscheidung hätte möglicherweise unumkehrbare Konsequenzen und sei im Grunde „Politikverachtung deluxe“. Nun war die Revidierbarkeit von Rechtsprechung bislang keine Voraussetzung für die Akzeptanz von Urteilen, aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass bei der vermeintlichen Euro-Rettung juristisches Neuland betreten würde. Sofern denn überhaupt noch juristischer Boden unter den Füßen der tapferen Retter ist. Schön auch, dass hier endlich mit der überlebten Vorstellung aufgeräumt wird, die Richter würden entlang von Geist und Buchstaben der Verfassung ihre Urteile fällen. Neu ist allerdings der verächtliche Ton, mit dem Fleischhauer die offenbar überbezahlten Polit-Parvenues in Karlsruhe ganz persönlich angeht.

Woche für Woche hat auch Hans-Ulrich Jörges in jüngster Zeit im „Stern“ immer wieder auf der aus seiner Sicht völlig unangemessenen Machtfülle des Bundesverfassungsgerichts herumgehackt. Es könne doch nicht sein, so ein ums andere Mal der Tenor, dass ganz Europa am Gägelband von Karlsruhe gehe. Da reibt man sich schon einigermaßen fassungslos die Augen: Da wird ein Vielfaches des Bundeshaushalts für andere Staaten verbürgt, und dafür sollte ein kurzer, nachdenklicher Blick ins Grundgesetz nicht angemessen sein? Ja wann denn dann? Mal ganz abgesehen davon, dass das Bundesverfassungsgericht, dem Souverän Bundestag schon zweimal Prüfung und Mitsprache zugewiesen hat, die man ihm im Rettungsüberschwange gar nicht einräumen wollte. Jeder Demokrat bei Sinnen muss sich da eher bedanken als straffem Durchregieren den Vorzug zu geben.

In der Süddeutschen Zeitung hat Heribert Prantl ebenfalls mehrfach die Verfassungsrichter in Karlsruhe darüber belehrt, dass die weitere, vertiefte Integration Europas mit dem Grundgesetz durchaus vereinbar sei. Es wird die Herren und Damen in den Roten Roben freuen, dass sie im Falle von Überlastung oder Ratslosigkeit jederzeit auf einen freien Mitarbeiter in München zurückgreifen können. Das Verblüffende ist allerdings, wie Prantl im Ernst darauf kommt, dass seine „Herzenssache Europa“ bei einer Zentralregierung in Brüssel in guten Händen sei. Wie naiv oder Europa-beduselt muss man denn sein, um bei Besichtigung des politischen National-Personals die Hoffnung zu hegen, im tiefenintegrierten Europa stünde plötzlich anstelle von vermachteten Bürokraten ein neuer, hehrer und reiner Politiker-Typus zur Vefügung, in dessen Hände man den Kontinent guten Gewissens legen kann! Warum soll Freiheit, weltweiter Einfluss und Wohlstand ein Widerspruch zu verbündeten Nationalstaaten sein? Warum nimmt man nicht zur Kenntnis, dass außer einigen Deutschen kein anderes Land im geeinten Europa aufgehen möchte?

Nico Fried zitiert mit Blick auf das erwartete Urteil zur Euro-Rettung ebenfalls in der SZ den obersten US-Richter John G. Roberts Jr. mit dem Satz: „Es ist nicht unsere Aufgabe, die Bürger vor den Konsequenzen ihrer politischen Entscheidung zu schützen.“ Ein kluger Satz, der allerdings völlig fehlinterpretiert wäre, wenn man ihn als Hinweis läse, Karlsruhe sollte den Drang der Bürger nach Europa nicht besserwisserisch zu stoppen versuchen. Denn tatsächlich hat die Politik gerade in Deutschland seit Helmut Kohls Zeiten wohlweislich alles daran gesetzt, die Bürger über den Weg nach Europa und in den Euro nicht mitbestimmen zu lassen. Es gibt in Deutschland keine Sehnsucht nach Europa. Das vereinte Bundesstaats-Europa war und ist ein Elitenprojekt. In diesem Sinne wäre es sehr wohl die Aufgabe des Bundesverfassungsgerichts, die Bürger vor der Überrumpelung durch eine Minderheit der Europa-Euphoriker zu schützen, die ausgerechnet auf den Trümmern des Euro das neue Europa aufbauen wollen.

Quoten-Kampf: Lassen Sie mich aus dem Spiel, Frau Reding!

September 4, 2012

Nur mal unter uns Männern: Habe ich was verpasst? Sind wir unlängst mit Fußbällen und Bratwurst durch die Innenstadt von Mannheim gezogen und haben für gleiche Rechte demonstriert? Irgendwie muss das völlig an mir vorbei gegangen sein.

Anders kann ich mir die Pressemitteilung von Rita Pawelski (CDU), Vorsitzende der Gruppe der Frauen in der Unionsfraktion des Bundestages, nicht erklären. Sie schreibt: „Auf der Landkarte der Gleichberechtigung verschwindet ein weißer Fleck: In den Aufsichtsräten großer europäischer Unternehmen darf künftig kein Geschlecht mit weniger als 40 Prozent vertreten sein. Das ist ein großartiger, mutiger und längst überfälliger Schritt…“

„Kein Geschlecht“? Wann hatten wir gleich noch die Männer-Quote gefordert, die hier von EU-Vizepräsidentin Viviane Reding flugs und geschmeidig durch die Gleichstellungshintertür eingeführt wird? Oder sind Feministinnen inzwischen auch schon für uns zuständig? Kann ja sein. Ich habe bei Frau Pawelski nachgefragt: Reding fordert die „geschlechtsneutrale Quote“, so die wackere Frau aus Hannover. Nun ist es ja niemandem benommen, den Quoten-Wahnsinn noch die eine oder andere Windung weiterzudrehen. Nur hatte eben kein Mensch um die Männerquote gebeten!

Sollen wir hier ungefragt als Deckmäntelchen für die Frauenquote herhalten und auch rasch eine Quote bekommen?

Hiermit erkläre ich feierlich: Nicht mit mir! Ich will keine Quote! Und wenn Aufsichtsrat und Vorstand komplett in Frauenhand wären – wenn der Laden läuft, ist das ok. Lassen Sie mich aus dem Spiel, Frau Reding! Kämpfen Sie für Ihre Frauen-Quote, wenn Sie es nicht lassen können, aber tun sie nicht so, als müssten alle überall in der Gesellschaft gleich verteilt sein. Es gab Zeiten, da wurden Grüne, Linke und CDU von Frauen geführt – na und? Als nächstes kommen Senioren-, Migranten- oder Homo-Quote – an diesem Wahnsinn will ich mich nicht beteiligen. Liebe Frau Reding, Sorgen Sie sich nicht. Wir kommen schon klar. Wenn Sie noch jemanden suchen, den Sie fürsorglich bemuttern und quotieren können, wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie sich woanders umsehen würden!

Betr. Rückerteilung des Sorgerechts

September 2, 2012

Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit möchten wir beantragen, das Sorgerecht für unsere Kinder Jakob, Luise und Julius zurückzubekommen. Wir sind nicht asozial, können entsprechende Einkommensnachweise bei Bedarf vorlegen, schlagen unsere Kinder nicht und haben keine Vorstrafen. Wir wissen, dass der grassierende Ganztagswahn an deutschen Schulen nicht zu stoppen ist, würden aber dennoch gern von unserem grundgesetzlich verbrieften Recht auf Erziehung unserer Kinder („Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ Art. 6 Abs. 2 GG) Gebrauch machen. Deshalb fordern wir:

Schule und Familie müssen vereinbar sein!

Mit Interesse haben wir zur Kenntnis genommen, dass die Ganztagsschule DAS Rezept schlechthin gegen versagende Familien in diesem Land sein soll. Nun könnte man auf die – zugegeben – verstörende Idee kommen, das Versagen von Familien, müsste zunächst in den Familien behoben werden, anstatt einen staatlichen Reparaturbetrieb aufbauen zu wollen. Wenn Autos mit Serienfehlern vom Band laufen, empfiehlt sich ja auch eine werkseitige Korrektur, anstatt die Zahl der Werkstätten zu erhöhen. Aber sei’s drum.

Wir haben bislang geduldig mit angesehen, dass der Religionsunterricht in die Stunden 7 und 8 am Freitag gelegt wurde. Wir haben es geschafft, in den Musikschulen Termine nach 18 Uhr zu bekommen, um nach Ganztagsschulschluss um 17 Uhr noch die Fahrt zum Klavier-, Gitarren- und Schlagzeug-Unterricht zu schaffen. Aber jetzt ist wirklich Schluss.

Jetzt sollen wir eine unterschriebene Erklärung vom Klavier-Lehrer oder dem Pfarrer des Konfirmanden-Unterrichts in der Schule vorlegen, dass die jeweilige Aktivität mindestens zwei Stunden pro Woche fülle, anderfalls werde die Schule auf der Teilnahme an einer Arbeitsgemeinschaft am Nachmittag bestehen, da dies zum „offenen Ganztagsbetrieb“ gehöre.

Sehr geehrte Damen und Herren, Töpfern, Geräteturnen oder die Umwelttheatergruppe „Kleine Helden“ sind sicher verdienstvolle Angebote für junge Menschen, die eine Beschäftigung suchen, von üblen Straßengangs ferngehalten werden sollten oder schon immer davon träumten, einer bedrohten Käferart darstellerisch Leben einzuhauchen. Wir dagegen würden gern den Konfirmandenunterricht, der im Leben vielleicht ebenso viel Orientierung geben kann, wie die „Holzwerkstatt“ oder „kreatives Tanzen“, nicht als Nachtschicht nach den abendlichen Hausaufgaben anfügen. Wir machen auch zu Hause gelegentlich Musik zusammen, können dafür aber keine beglaubigte „Zweit-Stunden“-Bescheinigung beibringen.

Natürlich weiß ich nicht, ob so läppische Beschäftigungen wie Tischtennis-Spielen, Trampolin-Springen oder mit dem Hund rausgehen in dem staatlichen Rahmenplan für anspruchsvolle Ganztagsangebote berücksichtigt werden können. Trotzem beantragen wir hiermit die Wiedereinsetzung in unsere Elternrechte und eine ausnahmsweise Befreiung vom bundesweiten Elternvermeidungsprogramm für Heranwachsende. Da unsere Kinder bereits älter als drei Jahre sind, fällt dafür auch kein Betreuungsgeld an.

In der Hoffnung auf wohlwollende Bescheidung verbleiben wir mit freundlichen Grüßen…