Betreuung, Geld und Kinder

Familie ist, hat Tissy Bruns im Berliner „Tagesspiegel“ einmal geschrieben: „Mama, Papa, ein Teller Spaghetti und ich in der Mitte.“ Eine Definition, so verblüffend einfach und treffend, dass man nicht umhin kommt, das Copyright zu erwähnen. Eine Definition, die das Ideal beschreibt – danach beginnen die Abstriche.

Beim Streit um das Betreuungsgeld haben Erwachsene nicht für die Welt ihrer Kinder gekämpft, sondern für ihre eigene. Die einen wollten ein ermutigendes dafür Zeichen setzen, dem Ideal nachzustreben. Die anderen, junge vor allem, verteidigen ihren Lebensentwurf, der auf dem Reißbrett ihres Lebens vor ihnen liegt. Wieder andere sahen sich mit ihrer anderen, „modernen“ Biographie zurückgesetzt durch die Prämie fürs Gegenmodell. Tolerant geht es schon lange nicht mehr zu, wo Gesellschaftspolitiker den Fortschritt gepachtet zu haben glauben.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul stellt im jüngsten „Spiegel“ die richtigen Fragen: „Wer also entscheidet, was das Beste fürs Kind ist.“ Vor allem aber gibt er die richtigen Antworten: „Die Eltern natürlich.“ Und: „Lässt sich voneinander unterscheiden, was einerseits für die Eltern und andererseits für ihre Kinder das beste ist? Ich glaube nicht.“

Es gibt keinen Königsweg, weil man für den Teller Spaghetti arbeiten muss – und schon fehlt mindestens eine Figur im perfekten Familienbild. Über Bord werfen muss man das hohe Ideal aber noch lange nicht, nur weil man es selbst nicht erreichen kann. Jesper Juul: „Vor allem Mütter verteidigen die Wahl ihrer Entscheidung, indem sie die Wahl andersdenkender Mütter abwerten.“ Der Streit ums Betreuungsgeld hat das hinreichend gezeigt.

Jetzt ist das Betreuungsgeld beschlossene Sache, und es ist Zeit, den Kulturkampf zu beenden!
Das gilt vor allem für jene, die nicht müde wurden, der Öffentlichkeit zu erklären: Wer es nicht in die Kita bringe, versündige sich an seinem Kind und dessen Zukunft. Nicht wenige (so sie denn Kinder haben)  dürften diese Litanei wider besseres Wissen gesungen haben. Oder sie haben verdrängt, mit wieviel Tränen und Zerrissenheit auf beiden Seiten die Einführung von Kleinstkindern in Krippe und Kita verbunden ist. Einige rennen fröhlich ins fremde Gewimmel, andere brauchen Monate, um mit der neuen Situation klar zu kommen. Weder Kita noch Krippe sind Allheilmittel.

Das Bindung und familiärer Zusammenhalt ein nicht minder wichtiges und durchaus modernes Zukunftsmodell sind, dazu braucht man keine Langzeitstudien. Um das zu wissen, reicht gesunder Menschenverstand. Beim Reparieren der gesellschaftlichen Ausfälle von Familien kommen wir schon jetzt kaum hinterher. Intakte Familien sind nicht ersetzbar. Mit diesem Signal des Betreuungsgeldes sollten eigentlich alle gut leben können.

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8 Antworten to “Betreuung, Geld und Kinder”

  1. Hein Says:

    Peer Steinbrück hat in seiner Bundestagsrede zum Betreuungsgeld ein modernes Familienbild gegen ein traditionelles in Stellung gebracht. Vom letzteren kann man aber sagen, dass es sich über Jahrhunderte bewährt hat. Das neue Familienbild mit zwischen Beruf und Familie hin und her gerissenen Eltern ist nicht der Weisheit letzter Schluss.

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  2. Gerswind Says:

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  3. Ph.V.-S. Says:

    Als staatl. anerkannter Erzieher bin ich davon überzeugt, dass eine Kita-Betreuung für jedes Kind zwingend notwendig ist. Als Vater einer fast 2-Jährigen Tochter sage ich zudem, dass es zwingend notwendig ist, Kinder unter 2 Jahren vor dem Abschieben in Krippen zu beschützen.

    Die Bindung zwischen Eltern (ich mache keinen Unterschied zwischen Mutter und Vater!) ist von elementarer Wichtigkeit für Zukunft des Kindes. Sie hält, in jeder Form auch immer, für einen langen Zeitraum, meist bis zum Tode der Eltern. Diese Bindung muss behütet werden. Vor allem muss sie von Staatsseite ERMÖGLICHT werden.

    Die Bindung zwischen Kindern und Erziehungs- wie Bildungspersonal (ErzieherInnen, LehrerInnen) hält vergleichsweise nur einen Bruchteil und prägt das Kind weniger stark. Dennoch wird hier über Krippenbetreuung ab 1 Jahr und Ganztagsschulen seitens des Staates eine künstliche Dauerbeziehung aufgebaut, die wider der Natur ist.

    In der Kita und in der Schule sind unsere Kinder nur eines unter 15-32 Kindern.
    In unserer Familie sind unsere Kinder jedoch UNSER LEBENSMITTELPUNKT!

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  5. René Says:

    Bezeichnend, aber falsch ist schon die Entweder-oder-Haltung der absoluten Kita-Befürworter: Statt in individuelle Betreuung sollte das Geld doch in frühkindliche Bildung investiert werden. Hallo? Findet diese etwa nicht im Elternhaus statt, sondern nur in staatlich geführten Einrichtungen?

    Daß ein Anreiz bzw. eine Honorierung der Wahlfreiheit gewährt wird, ist grundsätzlich begrüßenswert. Ob jedoch die monatliche Überweisung die richtige Förderung ist, bezweifle ich. Wäre nicht ein Steuernachlaß bei der Einkommensteuer oder eine stärkere Berücksichtigung bei der staatlichen Rente (für die Mütter) zielführender? Das würde auch dem historisch geltenden Generationenvertrag (je mehr Kinder in einer Famile, desto abgesicherter die Eltern im Alter) näher kommen und würde der „Herdprämien“-Diffamierungsfraktion das Argument eines befürchteten Mißbrauchs durch sozial Schwache und Bildungsferne weitgehend nehmen.

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  7. scarfs.gr Says:

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