Wir zahlen gern: Der Fall Hoeneß und die Deutschen

Ob die Deutschen auf dieser Welt noch integrierbar sind, ist nicht ganz sicher. Irgendwie schlagen sie aus der Art. Schon deshalb ist die Suche nach erdähnlichen Planeten in anderen Ecken des Universums für den Rest der Welt nicht ganz sinnlos…

Wenn deutsche Parteien von einem „einfachen, niedrigen und gerechten Steuersystem“ sprechen, bricht ein medialer Sturm der Entrüstung los, als solle eine Null-Promille-Grenze für Gartenzwerge eingeführt werden oder das Bayern-München-Wappen auf die Nationalflagge kommen. Steuererklärungen auf einem Bierdeckel sind des Teufels, Paul Kirchhof ist nicht nur „ein Professor aus Heidelberg“, sondern auch eine Art Finanz-Faschist, der von der Kanzlerin rasch wieder versteckt wird. Und regelmäßig wird gegen „Steuergeschenke“ gewettert, als habe sich das Finanzamt den monatlichen Gehaltsscheck hart erarbeitet und gebe nur aus Kulanz unrunde Restbeträge an den Bürger weiter.

In diesen Tagen wiederum geht ein moralischer Furor über einen Menschen hinweg, der keine Kinder geschändet, keinen Weltkrieg entfesselt und noch nicht einmal über die Dirndl-Tauglichkeit von Bayerinnen gesprochen hat. Uli Hoeneß hat Steuern hinterzogen. Fassungslosigkeit. Wie konnte er uns allen das antun? Selbstanzeige? Ja, ja, aber trotzdem. Die Kindergärten, die von dem Geld hätten gebaut werden können! Die Sozialleistungen, die wegen seiner Gier nicht aufgestockt werden konnten! Schlimm!

Deshalb an dieser Stelle die Pflichtanzeige der deutschen Werte-Papier-Börse: Steuerhinterziehung ist kein Kavaliersdelikt. (Wir sind gesetzlich zum Abdruck dieser Erklärung unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt verpflichtet.)

Zwar ist das Schlüpfen durch Steuerlöcher in Deutschland längst Volkssport geworden,

zwar wird in der Steuererklärung der Weg zur Arbeit gern mal um ein paar Kilometer pauschaler Pendelei erweitert,

zwar erfährt der Begriff der Fachliteratur beim Belege-Sammeln oft eine erstaunliche Flexibilisierung,

zwar gilt Barbezahlung von Handwerkern durchaus als Kavaliersdelikt,

zwar ist Steuerverschwendung nicht halb so schlimm wie Steuervermeidung,

zwar gilt die Unschuldsvermutung für „Reiche“ mit Konto in der Schweiz ausdrücklich nicht,

zwar wird das unrechtmäßige Beziehen steuerfinanzierter Sozialleistung völlig ungerechtfertigt und böswillig an dieser Stelle erwähnt,

aber es bleibt immerhin zu hoffen, dass all diejenigen, die durch Datenklau und verkaufte Steuer-CDs zu Millionären geworden sind, ihr Geld nicht auf den Caymans billig bunkern.

Um es kurz zu machen: Die Deutschen zahlen gern Steuern, denn Steuerzahlen ist erste Bürgerpflicht. Zumindest für die anderen. Und für „die Reichen“ doppelt. Vielleicht sollte man das den anderen Europäern sagen bevor wieder mal von der weiteren Vertiefung der europäischen Union die Rede ist. Vielleicht aber auch nicht, sonst verlassen sich die Griechen ganz auf uns…

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6 Antworten to “Wir zahlen gern: Der Fall Hoeneß und die Deutschen”

  1. Spruance Says:

    „Der Staat – das ist die große Fiktion, dass jedermann auf Kosten von jedermann leben kann.“ – Frédéric Bastiat, Journal des débats (1848)
    Der Staat – das ist die für Viele wahrgewordene Fiktion, daß die Anderen alles bezahlen müssen.

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  2. uniquolol Says:

    ZWAR gibt es immer andere/schlimmere Verfehlungen. Na und? Mir fehlt hier ein stichhaltiges Argument.

    Gegenfrage: – Wäre Herr Hoeneß als rechtschaffener Millionär jetzt nicht viel glücklicher? Die Antwort lautet klar: Ja!

    Charakterliche Defizite wie Gier, Neid oder Missgunst wird man mit keiner steuerlichen Regelung wirksam unterbinden können. Sie sind so alt wie die Menschheit selbst…

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    • René Says:

      „Charakterliche Defizite wie Gier,…“ Na, diese Defizite haben doch den Staat als erstes befallen. Würde er sonst nach immer neueren Einnahmequellen suchen, statt zu haushalten wie weiland der Alte Fritz? Steuern auf Steuern, wie bei Treibstoff und Strom, ist das nicht sittenwidrig?

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      • uniquolol Says:

        „…“Charakterliche Defizite wie Gier,…” Na, diese Defizite haben doch den Staat als erstes befallen…“

        Muss wohl so sein, da der Staat schon ziemlich alt ist. Hat allerdings aber auch nichts mit der Bewertung des Hoeneß-Vergehens zu tun.

        Mein Vorschlag wäre: „Jeder muss sich an die geltenden Gesetze halten, unabhängig davon, ob er sie als gerecht oder ungerecht empfindet“.

        Ich möchte auch weiterhin in einem Rechtsstaat leben, nicht in einem Gerechtigkeitsstaat…

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      • René Says:

        Natürlich muß sich jeder an die geltenden Gesetze halten, ob er Hoeneß, Merkel oder Meier heißt.

        Da Steuerhinterziehung (ob Trickserei um ein paar km bei der Entfernungspauschale oder ein nicht deklariertes Millionenkonto in der Schweiz) en vougue zu sein scheint und diese Gesetzesbrüche in kleinerem Stil eine höhere Akzeptanz zu haben scheinen als z. B. Einbruchdiebstahl mit Beute von 50 €, darf doch in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der Moral der fiskalischen Gesetzgebung gestellt werden.

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  3. Gutartiges Geschwulst Says:

    Kleine Probleme beschäftigen kleine Gehirne!
    Solange Steuerverschwendung nicht strafbar ist, halte ich Steuerhinterziehung für einen Fliegenfurz, für Getöse um nichts.

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